Review

Hervorragende Darstellerleistungen können manchmal nicht über einen zwiespältigen Film wegtäuschen und "Training Day" ist einer davon. Zwar schafft der vorantreibende Rhythmus es, den Zuschauer beständig bei der Stange zu halten, aber mit zunehmender Laufzeit wird der Inhalt immer abstruser, so daß der Anstrich von Realität am Ende komplett abblättert.

Denzel Washington gibt in dieser Aufarbeitung von genau 24 Stunden im Leben zweier Cops, den Leiter einer Einheit in der Drogenfahndung, der einen Bewerber und Rookie, gespielt von Ethan Hawke antestet, bzw. einarbeitet. Seine Methoden sind dabei relativ seltsam und ungewohnt, bis erkenntlich wird, daß Washington die dünne Linie zur Illegalität längst überschritten hat und Hawke sich in einem engmaschigen Netz verfangen hat, das es ihm unmöglich macht, seinen Vorgesetzten der Polizei zu melden.

Der realistische Look der andauernden Autofahrt durch L.A. und die dazugehörenden Ghettos, die einzelnen Ereignisse und die sich steigernde Bedrohung, die unbewußt (und später bewußt) von Washington ausgeht, halten den Puls des Zuschauers beständig auf dem Laufenden - das ist auch des Film größtes Plus, wenn etwa in einer Vorstadtsiedlung das Feuer auf sie eröffnet wird oder Hawke zwischendurch ein Mädchen vor Vergewaltigung rettet, alles Puzzleteilchen, die früher oder später größere Bedeutung erlangen.

Leider zerbröselt der Unterbau des Film nach und nach immer stärker, je detailreicher die Ausmaße von Washingtons Unternehmungen geschildert werden.
Ein seltsames Grüppchen von einflußreichen Justizbehörden- und Polizeivertretern, die als graue Eminenz halbkorrupte Beamte decken bzw. warnen und für sich arbeiten lassen (u.a. Tom Berenger) wirkt schon arg abstrus. Schlimmer wird es jedoch später, als Hawke zunehmend in gefährlichen Situationen sitzengelassen wird und sich im entscheidenden Fall nur durch eine vorher begangene gute Tat, die (großer Filmgott Zufall, rette uns) ihm im richtigen Moment einfällt, retten kann.

Sowohl Washingtons Verschulden (Russenmafia!) als auch die Konfrontation im Ghetto zum Schluß mögen spannungsreich und gut inszeniert sein, ansonsten sind sie aber reine Konstruktionsdebakel einer auf Happy End ausgerichteten Filmlogik. Das ist so überlebensgroß inszeniert, das will einfach nicht passen, was aber meist erst Stunden nach Genuß des Films so richtig auffällt, weil Antoine Fuqua durch meisterlich seine Thrillkurve über die volle Laufzeit hoch hält.
Der Film bindet seine Zuschauer an sich, ein dramaturgischer Kniff, der wirksam ist, später aber einen Qualitätsverlust nicht ausschließen kann.

Was die Darstellerleistungen angeht, steigert sich Washington ganz hervorragend in seinen Über-Bad-Cop hinein, so daß der Oscar wohl klar geht. Leider spielt er damit Hawke zu oft an die Wand, dem das Genre Action aber schon mimisch nicht so liegt, ohne jetzt hier zu versagen.
"Training Day" ist ein guter Film, oscargekrönt, und gerade deshalb fühle ich mich verpflichtet zu sagen: er taugt wirklich nur zur Unterhaltung. Wer anderes erwartet, kann schon mal den Daumen nach unten richten. (7/10)

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