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"The Others" ist Geisterkino auf allerhöchstem Niveau. Regisseur Amenabar mischt klassische Elemente des "Haunted House"-Genre mit gelungenen Anleihen der Geister-treffen-Lebende-Prämisse, die "The Sixth Sense" so berühmt und erfolgreich gemacht haben. Dabei erschafft er seinen eigenen düster-grauen Stil, der dem Film genug Atmosphäre gibt, um seinem Last-Minute-Plot-Twist Eigenständigkeit zu verleihen.

Natürlich dürfen Genre-Fans durchaus meckern, die Parallelen zu dem Bruce-Willis-Thriller seien unübersehbar, doch geht "The Others" die Idee von einer völlig anderen Seite an.
Amenabar inszeniert das gruselige Geschehen als einen geschlossener Kosmos in sich, ein geisterhaftes Kammerspiel, daß sich ausnahmslos auf das in Nebel gehüllte Haus auf der Insel Jersey und den angrenzenden Park beschränkt.

Dabei baut das Script seine Fußangeln recht geschickt auf, indem er dem Zuschauer viele verschiedene Möglichkeiten offenläßt, wie das Geschehen hier zu deuten ist. Einerseits fällt das agressiv-religiöse Verhalten der Mutter (von der Tochter als "verrückt" bezeichnet) rund um die lichtallergische Krankheit der Kinder auf, dann wiederum scheint die Tochter einen Draht zur Geisterwelt zu haben. Des weiteren wären da die drei mysteriösen Hausgehilfen zu nennen, die ungefragt auftauchen und ebenfalls so einiges im Schilde führen, sowie das seltsame, fast überirdische Auftauchen des im Krieg vermißten Ehemannes. Dabei wechseln die Sympathien des Publikums für die einzelnen Figuren so schnell wie in England das Wetter.

Wer dabei auf FX wartet, sitzt vermutlich morgen noch im Kino, denn es gibt im ganzen Film keinerlei visuelle Effekte, da der Film das Thema Geister ganz anders angeht, als man es für gewöhnlich tut.

Natürlich schützt der geschickte Aufbau nicht davor, daß sich der aufmerksame Zuschauer die Vorgänge im Haus tatsächlich vor dem Höhepunkt zusammenreimen kann. Tatsächlich kommt der Verdacht bei entsprechenden Vorkenntnissen schon ziemlich schnell. Trotzdem weist der Höhepunkt eine bombige Stimmung auf, die bis zur entscheidenden Auflösung immer weiter gesteigert wird und außerdem trotz steigender Gewißheit noch Überraschungen bereit hält. Dabei zieht Amenabar die Geschwindigkeit milimeterweise über den ganzen Film an, bis die Dramatik fast unbemerkt auf Volldampf auf den Betrachter zuschwappt. Die Schlußviertelstunde schließlich ist eine morbide Tour de Force, die wahrlich Gruselkino mit Meisterprädikat darstellt.

Amenabar inszeniert außergewöhnlich ruhig und läßt die Atmosphäre des Ortes auf sich wirken. Der sparsame Einsatz von irgendwelcher unterstreichender Musik mag zwar ungewohnt erscheinen (tatsächlich fehlt sie dem Gruselfreund manchmal richtiggehend), doch das läßt die schön sparsam, aber regelmäßig eingestreuten Schocks um so überraschender auftreten. Noch viel besser sind die intensiven Szenen, in denen die Regie den Zuschauer und seine Protagonisten haargenau bis zu der Sekunde hinhält, bis die Nackenhaare aufrecht stehen und die Spannung auf dem Höhepunkt ist, um sie anschließend wieder zu entladen.
Unterstrichen wird das durch das fahle Interieur und die ebensolche Umgebung, die bar jeglicher leuchtenden Farben sind. Die Kamera steht dabei stets am richtigen Platz, kreist im nötigen Moment und sorgt mit perfekt ausgeleuchtetem Halbdunkel immer für den richtigen Ton, stets morbide und leicht leblos, obwohl im Haus die Emotionen hochkochen.

Als Schwächen wären neben der latenten Vorhersagbarkeit allerhöchstens ein paar kurze Durststrecken zu nennen, die sich vor allem im ersten Drittel dramaturgisch ergeben, wenn Personen und Situation eingeführt und eingestimmt werden. Auch ergibt sich nach dem Höhepunkt für die letzten zwei, drei Minuten ein spannungstechnisches Loch, da der Film nicht mit einem Hammerschlag endet, sondern sich noch Zeit für Erklärungen nimmt, die das Gesehene ergänzen, während die Emotionen bereits verflachen.

Wenn es eine Gebrauchsanweisung für den Film geben sollte, dann die, daß man aufmerksam alles Gesagte und Gezeigte auf mögliche Zweideutigkeiten und doppelte Böden abklopfen muß, wenn man an dem Plot so richtig herumkauen möchte. Alle andere rumpeln schwungvoll ahnungslos in eine finale Bombe Surprise, die möglicherweise mit einem "Aber das war ja genau wie..." endet. Aber genau das ist es eben nicht, wenn man richtig hinsieht und nachsinnt.
Sicherlich nicht der effektvollste Grusler des Jahres - aber der effektivste, so viel steht fest.
Übrigens, haben sie eben auch etwas gehört... (9/10)

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