Computeranimationen, so gelungen sie auch seien, haben immer etwas Affektiertes an sich. Sie wirken steril. Auch wenn mit modernster Animationstechnik versucht wird, die Realität nachzubilden, so sind diese Versuche allein schon durch den Umstand zu scheitern verurteilt, dass ein Rechner niemals die Mannigfaltigkeit der Natur zu reproduzieren im Stande sein wird. Egal mit wie vielen Bits und Bytes berechnet wird. Die Bilder bleiben in ihrer Wirkung auf den Betrachter unnatürlich. Bestes Beispiel hierfür ist der 2001 erschienene Animationsstreifen „Final Fantasy – Die Mächte in Dir“, welcher erstmals versuchte durch aufwendiges Performance-Capturing-Verfahren die Schauspieler in ihren Bewegungsabläufen zu kopieren und dies auf die computergenerierten Figuren zu übertragen, um damit einen abendfüllenden Spielfilm ins Kino zu bringen. Damals ein Meilenstein in Sachen Animation, war das Ergebnis vielleicht erstaunlich, aber dennoch ließ sich in jeder Szene, in jeder Einstellung erkennen, dass es eben doch „nur“ ein Produkt aus dem Rechner ist. Zudem verließen sich die Macher zu sehr auf die Bildgewalt und vernachlässigten leichtfertig die Geschichte, welche hier einmal mehr im Sumpf des Style over Substance an Bedeutung verlor. Doch das Publikum ließ sich nicht so leicht an der Nase herumführen und bewirkten einen Dämpfer für die Folgejahre: Sollte „Final Fantasy“ nur den Anfang einer Reihe solcher Filme bilden (viele befürchteten gar die Ablösung echter Schauspieler durch computeranimierte Figuren), so verkam der Film zu einem mittelschweren Flop. Realität blieb weiterhin in.
Sechs Jahre später, und somit sechs Jahre Entwicklungszeit, versucht sich Regisseur Zemeckis erneut an dieser Sisyphosarbeit (sein zweiter Animationsfilm nach dem recht gelungenen Weihnachtsfilm „Der Polarexpress“), welche schon im Vorhinein als gescheitert zu betrachten ist. Doch die Animationen sind überdeutlich besser geworden; und ja, es ist schwer in einigen Einstellungen zu unterscheiden, ob das Gesehene nun „echt“ ist oder doch nur ein Gerüst aus Nullen und Einsen. Die Animationen wirken nahezu fotorealistisch. Aber was taugt nun der Film? Der Reihe nach…
Robert Zemeckis ist ein begnadeter Regisseur. Um seine Vielfältigkeit und Wandlungsfähigkeit können ihn viele nur beneiden. Seien es Dramen, Horrorfilme, Komödien, Sci-Fictioner oder Kinderfilme. In so gut wie allen Genres liefert er solide bis großartige Arbeiten im Mainstreambereich ab, die sich immer durch beständige Qualität vom Gros absetzen. Doch bei all der Fülle an Output gibt es immer wieder Konstanten in seinen Filmen. Vor allem seine Liebe zu visuellen Effekten macht sich in jedem seiner Arbeiten bemerkbar. Stets modernste Animationen bietend, verewigte er sich mit Klassikern wie „Back to the Future“ und „Contact“ in den Annalen der Filmgeschichte. In den letzten Jahren ist es wesentlich ruhiger um ihn geworden, doch mit dem Film „Der Polarexpress“ meldete er sich zurück und das Publikum dankte es ihm. Zwar konnte Zemeckis mit dem Streifen niemanden vom Hocker reißen, doch als Weihnachtsfilm ging der „Polarexpress“ ziemlich gut durch.
Vier Jahre später, um genau zu sein in diesem Jahr, gibt es mit „Die Legende von Beowulf“ den nächsten Trickfilm Marke Zemeckis. Anders als der weihnachtliche Kinderfilm „Der Polarexpress“ spricht Bob Zemeckis diesmal ein wesentlich älteres Publikum an und erzählt ihnen die Geschichte um Beowulf, einer Heldenfigur eines angelsächsischen Stabreims aus dem Mittelalter, welcher sich Trollen, Drachen und seinen Gelüsten entgegenstellen muss…
Wie ich bereits erwähnte, stellt „Die Legende von Beowulf“ tatsächlich auf evolutionäre Weise eine Darstellung des an die Grenzen des Machbaren gehenden Zurschaustellung der Animationstechnik dar. Da die Geschichte – allein schon durch die Vorlage – nichts Überraschendes bietet, konzentrierte man sich auch hier mal wieder auf die Technik, womit abermals der gleiche Fehler wie vor sechs Jahren mit „Final Fantasy“ begangen wurde. Doch erweist sich dies als nicht ganz so tragisch, da es einen Unterschied gibt. Einen gewaltigen Unterschied; und gerade dies macht „Die Legende von Beowulf“ in Sachen realistischer Animationsfilm so evolutionär und verblüffend:
Der Fotorealismus an sich ist schon enorm und es fällt schwer sich an ihm satt zu sehen, doch eines blieb der Animationstechnik bis dato verwehrt: Emotionen. Es war nie wirklich möglich gewesen die realen Emotionen realer Schauspieler auf animierte Figuren zu übertragen. In „Final Fantasy“ wirkte es geradezu lächerlich, wenn diese „Programme“ plötzlich begannen zu lachen oder zu weinen. Doch vergleicht man dies einmal mit den Modellen in „Beowulf“, so mag man kaum glauben, dass es sich nur um Figuren aus dem Rechner handelt, die dort „agieren“. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass sich echte Schauspieler vor der Kamera bewegten und sich diese durch das Capturing-Verfahren auf den Rechner duplizierten; doch das Ergebnis bleibt verblüffend. Von der Realität ist das Ganze natürlich immer noch meilenweit entfernt und irgendwie schafft es auch dieser Film nicht, jene Affektiertheit abzulegen, die schon immer dazu führte, dass realistisch angehauchte Animationsfilme nie auch nur ansatzweise den Grad menschlicher Emotionen fühlbar machten, als dass sie die Zuschauer je wirklich berührt hätten. Doch in einigen Nahaufnahmen, wenn sich Hautpartikel nahezu greifbar auf der Leinwand manifestieren, ist es doch unglaublich, wie schnell sich die Animationsarbeit entwickelt hat und ein Lachen oder Weinen wirkt nicht mehr ganz so lächerlich.
Wer sich davon jedoch nicht beeindrucken lässt und nach der Geschichte im Hintergrund Ausschau hält, wird schnell ernüchtert werden, denn diese erweist sich als ziemlich plump und vorhersehbar. Beowulf ist letzten Endes nichts weiter als eine richtig spaßige Demonstration des aktuell Machbaren in Sachen Animationstechnik. Zwar kann Zemeckis handwerklich einige Akzente setzen und zeigt einige wunderschöne Kamerafahrten und „Naturaufnahmen“, wie es sie teils wirklich nur aus dem Computer geben kann, doch auch das tröstet nicht über die vielen Aussetzer abseits der zahlreichen Actionszenen hinweg. Erst im letzten Drittel scheint der Film – auch inhaltlich – richtig in Fahrt zu kommen und die unterkühlte mit leichtem Witz aufgelockerte Atmosphäre weicht einer ziemlich melancholisch angehauchten Grundstimmung mit einigen dramatischen Spitzen. Leider verzichtet Zemeckis auf eine Vertiefung dieser Ansätze und lässt sie schnell in der nächsten Actionsequenz vergessen machen.
Letztlich muss man unterscheiden: Wer auf Animationsfilme für Erwachsene steht und sich vollkommen von Eye-Candy und Action berieseln lässt, der fährt mit „Beowulf“ absolut richtig und bekommt genau das geboten, was er erwartet. Sucht man jedoch nach einer spannenden, mitreißenden Geschichte, die mit vielen Wendungen und Überraschungen gespickt ist (ja, teils versucht auch „Beowulf“ diese Anforderungen zu erfüllen), der wird schnell enttäuscht sein und sich spätestens nach 20 Minuten nach dem Abspann sehnen.