Review

Von Christine Nöstlingers Jugendroman "Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse" über ein künstlich hergestelltes Musterkind, das irrtümlicherweise bei einer liebenswerten Chaotin abgeliefert wird, gab es in den 80ern nicht nur eine deutsche Verfilmung, mit der mich eine gewisse Nostalgie verbindet (ZDF-Ferienprogramm..), sondern auch eine fürs amerikanische TV, die im deutschsprachigen Raum nie veröffentlicht worden zu sein scheint. Die Rechteinhaberin hat den Film aber auf YouTube kostenlos zur Verfügung gestellt. Also wollte ich mal den Vergleich ziehen.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der deutschen und der US-Version ist, dass letztere ein ganzes Stück länger dauert und sich entsprechend mehr Zeit für die Geschichte nehmen kann. Auch ist hier die biedere deutsche Optik natürlich einem professionellen US-(TV-)Look gewichen.
Das zeigt sich schon in der Anfangsszene, als Berti Bartolotti (ja, sie heisst auch hier so, wahrscheinlich weil der Name passend zum Charakter so schön chaotisch klingt..) die Büchse öffnet. In der deutschen Fassung kommt ein mit Dreck beschmierter Junge mit Perücke zum Vorschein, der technisch klein getrickst wurde. Hier dagegen kauert eine tatsächlich verschrumpelt aussehende Gestalt im Behältnis. Das hat fast schon Body-Horror-Qualität. Und die Botschaft, dass das Instant-Kind schnell seine "Nährlösung" braucht, wird hier nicht einer verdutzten Berti von dem Winzling vorgetragen, sondern sie kommt von einer Kassette, wobei die Stimme Big-Brother-mässig immer lauter und eindringlicher tönt. Das könnte für viele Kinder damals ein Hat-mich-verstört-Moment gewesen sein.
Die zweite Hälfte der Geschichte weicht dann recht deutlich von der deutschen Verfilmung ab. Die US-Version behandelt das Thema überraschenderweise reifer und ernsthafter. Frau Nöstlinger hat hier zwar einen "writer credit", ich weiss aber nicht, ob sie effektiv am Drehbuch beteiligt war und das Resultat mehr der Buchvorlage entspricht, da ich diese nicht kenne. Ich weiss aber, dass im Buch und in der US-Fassung Berti Teppichknüpferin ist, während sie in der deutschen Version Malerin ist.
Die Ernsthaftigkeit der US-Verfilmung wird durch die beiden erwachsenen Hauptdarsteller unterstützt, beides gestandene Schauspieler. Ned Beatty kannte ich vorher (vor allem als Nebendarsteller), Polly Holliday nicht, sie hat aber eine respektable Filmografie. Beide bringen viel Herz und Seele in ihre Rollen. Den Charme von Violetta Ferrari als verpeilter Freigeist im deutschen Film hat Polly Holliday aber nicht, sie wirkt mehr wie eine nette Grossmutter (mit damals Ende 40!). Der Junge, hier ebenfalls mit adretter Topffrisur, macht auch einen ordentlichen Job.
Die längere Laufzeit besteht vor allem aus Szenen, die in der "Factory" spielen, wo die Instant-Kinder hergestellt werden, und es wird klargestellt, dass hier "perfekte" Kinder für "passende" Familien produziert werden sollen. Ein ernstes Thema. In diesen Momenten fühlt sich das weniger wie ein Kinderfilm als wie eine "Twilight Zone"-Folge an. Genügend Slapstick-Momente lockern das Ganze aber auf. Einmal gibt der Chef der Organisation, gespielt von Max Wright, dem Vater aus "Alf", sogar eine waschechte Hitler-Parodie (!).
Fazit: Die deutsche Verfilmung ist eine sympatisch-schrullige Jugendkomödie, die US-Version erzählt die Geschichte etwas ernster und ausführlicher, ist aber eine Spur zu lange geraten und hat weniger Charme.

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