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Aus heutiger Sicht betrachtet ist “Johnny Rocco” so etwas wie ein gar nicht mal so wehmütiges “Bye-Bye” dem Film Noir gegenüber. Die Low-Key-Beleuchtung wurde schon wieder gegen einen hellen, fast freundlichen Stil ausgetauscht und TV-Serien-Regisseur Paul Landres, der höchstens zu 20 Prozent TV- oder Kinofilme gedreht hat, bietet eine fast schon “sitcomishe” Rotation der Drehorte auf, um voller Freude an der Arbeit ein Figurennetz zu spannen und es schließlich aufplatzen zu lassen.

Interessant ist dabei, dass für die ambivalenten Gangsterfiguren - darunter der Vater des titelgebenden Jungen Johnny Rocco - kaum mehr Interesse aufgebracht wird. Irgendwie winden sich die bösen Jungs am Rande und buhlen um Aufmerksamkeit, doch Landres lässt sich nicht beirren und pocht auf die moralischen Institutionen der Gesellschaft, wenn er einen Pater, eine Lehrerin und einen Polizisten in den Mittelpunkt rückt - drei Figuren, die gemeinsam nicht halb so interessant sind wie Tony Rocco und sein schmieriger Kumpel Mooney.

Die sich hieraus bietende Perspektive ist zwar nicht uninteressant und begründet irgendwo wie erwähnt die auslaufende Epoche des Film Noir, nur wenn die Charaktere im Zentrum langweilig bleiben wie eine weiße Wand, ist das alles für die Katz. Da schielt man dann doch gerne mal wieder zur Peripherie, denn dort gibt es immerhin faszinierende Gestalten zu erhaschen.

Folglich hat die Geschichte immer dann ihre Höhepunkte zu verzeichnen, wenn Johnnys Vater kurzzeitig für die Handlung von Bedeutung wird. Seine Angewohnheit, hübsche Frauen “Schwester” zu nennen, bleibt als eines der wenigen Details zurück, an die man sich möglicherweise erinnern wird; ebenso wie seine irrationale Aversion gegen “Pfaffen” und “Polypen” und die Tatsache, dass sich die Angewohnheiten des Vaters langsam in denen des Jungen wiederzuspiegeln scheinen.

Das in der Story sich diffizil ausbreitende Netz aus Verstrickungen darf sich dabei sogar einer gewissen Komplexität rühmen. Beginnend bei der einzigen actionhaltigen Szene im Prolog, als ein Motorradpolizist von Tony und Mooney mit dem kleinen Johnny als Augenzeuge durch eine Vollbremsung mit dem “heißen” Auto getötet wird, wird die Story auf Kurs gebracht. Wie in den Vierzigern und Fünfzigern nicht unüblich, macht man einen Jungen zum Katalysator, der die kontrollierte Welt der Erwachsenen mit einem Mal ins Chaos stürzen könnte - in der jüngeren Geschichte sah man diese Ausgangsposition unter anderem in “Das Mercury Puzzle”.

Dabei bleibt die psychologische Ausarbeitung des Jungen, dessen Rollenname offenbar von Edward G. Robinsons Figur aus “Gangster in Key Largo” entlehnt ist, leider viel zu unreif. Tatsächlich anzunehmen, dass ein traumatisches Erlebnis den kleinen Zeugen zwar dauerhaft ins Stottern versetzt, er sich aber ansonsten ausgesprochen forsch und überhaupt nicht zurückgezogen verhält, erscheint recht merkwürdig.

Dass es zu alldem letztlich drei das Recht und die Ordnung vertretende Autoritätspersonen (der Polizist für das Gesetz, der Pater für den Glauben, die Lehrerin für die Bildung) sind, die Johnny auf den rechten Weg führen, muss folglich in einem Finale enden, das die Bösen zur Rechenschaft zieht und das Gute siegen lässt. Nicht nur deswegen wendet sich der über weite Strecken besonnene Film am Ende der unfreiwilligen Komik zu; verschiedene Szenen häufen sich schließlich in ihrer komischen Ausrichtung (Polizist schießt einen Verdächtigen an und quasi noch in der gleichen Sekunde ruft er, jemand solle dem Verdächtigen ärztliche Hilfe zukommen lassen) und pointieren die eindimensionale Zeichnung von moralischer Rechtschaffenheit damit nochmals. Gegenüber den Hochphasen des Film Noir muss dieser Verlust an Charakterambivalenz ein herber Rückschlag sein, allerdings bleibt es unter Vorbehalt, wie man Ende der Sechziger auf diesen Stilwandel reagierte, als der Film Noir bereits zwei Dekaden lang regiert hatte.

Vielleicht hört sich das alles etwas schlimmer an, als es im Endeffekt ist. In mancher Hinsicht lassen selbst die Szenen mit den moralisch integren Figuren Assoziationen zu Klassikern des Genres aufleben. So erinnert der sich für die Kinder aufopfernde Pater leicht an den Cagney-Streifen “Angels with Dirty Faces”, ohne aber dessen Charaktertiefe zu erreichen. “Johnny Rocco” konzentriert sich zu sehr auf die Zusammenhänge und hebt den Zeigefinger etwas zu hoch. Das ist der Knackpunkt.

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