Manchmal täuscht ein Cover gnadenlos, in Absicht ein möglichst spezialisiertes Publikum anzusprechen. Jenes von „Delivery“ zeigt einen bulligen bärtigen Mann, der mit entschlossenem Gesicht eine blutverschmierte Axt in der Hand hält, - was anderes sollte man denn assoziieren, wenn nicht einen blutigen Slasher, in dessen Zentrum ein gemobbter Pizza-Lieferant steht. Doch was ist es? Eine Charakterstudie, die zwar einigermaßen gelungen ist, jedoch erst weit nach einer Stunde Laufzeit mit minimalen Horror-Anteilen daherkommt.
Der Mann auf dem Cover heißt Monty und der wirkt tatsächlich so, als würde er wenigstens ein Drittel seiner Lieferungen selbst vertilgen. Schluffiger Gang, meist gesenktes Haupt, unbeholfen, schüchtern, aber hart im Nehmen, da er an jeder Ecke gnadenlos mit seiner üppigen Körperfülle konfrontiert wird.
Bis das Maß irgendwann voll ist und er sich an all jenen rächt, die ihm übel mitspielten.
Dabei gestaltet sich das Ganze weder sonderlich humorvoll, noch vermag man der Hauptfigur einen tiefer gehenden Background einräumen, als den, dass er als Kind miterleben musste, wie Dad erst seine Mom und danach sich selbst erschoss. Seither ist Monty traumatisiert und auch die Sitzungen bei einer Psychologin bewirken nicht viel, außer eben der Vermittlung beim Lieferservice und später auch mal kurz zu einem Film-Set.
Diverse visualisierte Alpträume durchleuchten dabei Montys Innenleben, immer wieder erinnern ihn Bilder seiner Kindheit daran, welche Gene er in sich trägt, als sei sein Schicksal auf diese Weise bereits vorherbestimmt.
Im Verlauf wird Monty jedoch ausschließlich auf sein Äußeres reduziert, was in geballter Form fast schon satirische Züge annimmt. Sein Chef, nahezu jeder Kunde hinter der Haustür, die fiese Schlange vom Abschleppdienst (ja, der Kerl hat das Pech gepachtet), dekadente Typen eines (offenbar) bisexuellen Clubs, barbusige Damen in einem zweifelhaften Etablissement, - sie alle nennen ihn mindestens „Fette Sau“ oder ähnlich Gelagertes.
Nur Bibi, die junge, nicht unattraktive Hobby-Künstlerin sieht Monty als Menschen, der ebenfalls Interesse für Kunst zeigt. Obgleich sich eine Romanze anbahnt, kann diese auf Dauer natürlich nicht ohne Störfaktoren ablaufen, denn mit einem Rachefeldzug harmoniert so etwas nicht so recht.
Ab Minute 65 setzt dieser letztlich ein (man bedenke, bis dahin gibt es, außer in Montys Träumen nicht eine blutige Szene).
Doch wer da meint, als Horror-Freund deftiger Szenen endlich auf seine Kosten zu kommen, irrt gewaltig. Bis auf einen abgetrennten Kopf und einer Bohrmaschine in der Stirn, lässt sich nichts Explizites entdecken. Im Gegenteil, eine Sequenz mit unterirdischen CGI verdeutlicht (erneut), es hier mit einer preiswert abgedrehten Independent-Produktion zu tun zu haben.
Da bietet der Showdown, der soliden Drive entwickeln kann, keine Überraschungen außer dem obligaten Schlussgag und die Ankündigung einer Fortsetzung mit feststehendem Untertitel. Dann hoffentlich mit mehr Horror-Anteilen.
Denn als Drama ist „Delivery“ zwar brauchbar unterhaltsam ausgefallen, doch die Erwartungen auf einen temporeichen, schwarzhumorigen Slasher werden eben komplett enttäuscht. Hauptdarsteller Matt Nelson, der bislang für technische Angelegenheiten in kleineren Produktionen mitarbeitete, liefert mit seinem Schauspiel-Debüt eine bemerkenswerte Leistung ab, eine, die aufgrund seiner Ausstrahlung eine Menge vom wenig abwechslungsreichen Plot aufwertet. Dank seiner Präsenz trifft der latent böse Unterton zuweilen doch ins Schwarze und rettet somit die erste Stunde, während das anschließende Gemetzel beinahe schon enttäuschend ausfällt.
Merkwürdiger Film, merkwürdige Mischung. Mit Vorsicht zu genießen.
5,5 von 10