Wenn sein muskulöser Arm ihre zarte Taille bestimmend und gleichzeitig zärtlich umfaßt, wenn seine Finger sanft über ihren Unterarm streichen und ihre Körper beginnen, sich lasziv im Rhythmus zu wiegen, dann ...ja dann verlieren wir unseren Verstand. Entweder wir begeistern uns für diese Liebesgeschichte zwischen einer Tochter aus gutem Hause und einem begnadeten Tänzer aus der Working-Class, die dazu noch in den reaktionären Zeiten der frühen 60er Jahre spielt (sind die eigentlich vorbei ?), oder wir schalten einfach ab.
Klischeehaft, schmalzig, kitschig, schlecht gespielt, vorhersehbar, unlogisch - andere Attribute fallen dem in seinem Vernichtungswillen nicht zu stoppenden Kritiker nicht mehr ein, ohne das ihm auffällt, daß hier die notwendige Distanz und die Offenheit selbst gegenüber einem persönlich unbeliebten Genre notwendig ist, um zu einem angemessenen Urteil zu kommen.
Ein Ansatz dazu wäre die allgemein gelobte Filmmusik, der eine bis heute anhaltende Popularität zugestanden wird. Doch hier verwechselt man meist Ursache und Wirkung. Mag sein, daß ein Stück wie "Time of my Life" auch allein erfolgreich geworden wäre, aber keiner wird behaupten, daß es bei sich diesem 80er Jahre Pop um eine Musik von singulärer Bedeutung handelt. Ohne die direkte Verbindung zu "Dirty Dancing" und die dazu gehörende abschließende Tanzszene ,läge der Bekanntheitsgrad dieses Stückes sicherlich deutlich niedriger. Und dabei wird noch übersehen, daß es sich bei dieser Musik um eine Art Verfremdungseffekt handelt. Tatsächlich spielt der Film 1963 und eine Vielzahl zeitgenössischer Musikstücke untermalen diese Epoche. Doch die wirklich bekannten und für "Dirty Dancing" signifikanten Stücke stammen aus dem Entstehungsjahr des Films 1987 und hier ist schon der erste Samen zu erkennen, der "Dirty Dancing" zu seinem Erfolg verholfen hat - die Macher schließen mit diesem gewagten Schachzug die Schere zwischen 1963 und heute und vermitteln mit der Liebe zwischen Johnny (Patrick Swayze) und Frances ( Jennifer Grey) ein aktuelles Gefühl, jenseits von historisierenden Rückblicken.
Gerade an Hand einer Betrachtung aktueller romantischer Komödien oder Liebesfilmen, sollte auch dem ablehnendsten Kritiker bewußt werden, daß "Dirty Dancing" eine Menge Dinge richtig gemacht haben muß, um den bis heute anhaltenden Bekanntheitsgrad zu erlangen. Nur die Begeisterung von pubertierenden weiblichen Teenies zu erwecken, wie gerne von männlicher Seite kolportiert wird, reicht dafür nicht aus.
So fällt im Vergleich zu zeitgenössischen Filmen die zurückhaltende, wenig überspitzte Art auf, mit der die Ereignisse in dem Reichen-Feriencamp geschildert werden. Selbstverständlich ist die Story einfach strukturiert, aber das war schon immer eine der wichtigsten Grundlagen erfolgreicher Unterhaltungsfilme. Nehmen wir einmal Billy Wilders "Manche mögen's heiß" - Was passiert da ? - Zwei Männer verkleiden sich als Frauen, um ihren Häschern zu entgehen und mischen sich deshalb als Musiker unter eine Damenkapelle, that's ist !
Gerade die Einfachheit und Überschaubarkeit der Story ermöglicht an Hand vieler Details ,Vertrautheit und Nähe zu den Protagonisten herzustellen.
Und genau darauf konzentriert sich auch "Dirty Dancing" . Es schafft eine dichte Atmosphäre in dem möndänen Reichen-Ferienort. Es zeigt die zwei Seiten der Medaille, die automatisch entstehen, wenn eine Seite ständig in jeder Hinsicht verwöhnt wird. Denn Irgendjemand muß ja die Arbeit machen und so beobachtet der Film genau, was entsteht als mit Frances, genannt Baby, angetrieben von ihrer Neugier und Individualität, Jemand von der einen auf die andere Seite gerät. Natürlich ist das klischeehaft, aber nicht mehr als bei jedem Action- und sonstigen Unterhaltungsfilm auch, die sich nur selten Zeit dafür nehmen , widersprüchliche und damit realistische Situationen zeigen. Dabei vergessen Kritiker, die besonders die Charakterisierung des bornierten und selbstgefälligen Neffen des Camp-Chefs bemängeln, gerne, wie letztendlich harmlos der Film mit diesem umgeht. Kein moderner Film würde sich ersparen, diesen zum Schluß deutlich der Lächerlichkeit preiszugeben, doch "Dirty Dancing" zeigt einfach, wie wenig sich die "Upper-Class" ihrer eigenen Begeschränktheit bewußt ist und dabei bleibt es .Trotz dieser aus meiner Sicht angemessenen Vereinfachung ist der Film jederzeit authentisch in seinem Blick auf "Baby", die hier nichts weniger ist, als eine junge Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Weg.
Dabei vermeidet der Film jegliches Extrem - so mutiert Jennifer Grey nicht plötzlich zur "Super-Tänzerin" und auch die sich anbahnende Beziehung zu Johnny ist von nachvollziehbarer Qualität. Natürlich nimmt der Film sich Zeit dafür, die Beiden bei ihrer Annäherung zu beobachten, aber dabei bleibt er einerseits diskret, andererseits scheut er sich nicht davor ihre Emotionen auszuleben. Und hier sind wir auch beim Hauptvorwurf angekommen, der "Dirty Dancing" gerne Kitschigkeit unterstellt. In diesem Zusammenhang sollte man sich doch genauer mit dem Begriff Kitsch befassen, der als Gegensatz zur Kunst angewendet wird, in dem man damit Künstlichkeit, Übertreibung und Geschmacklosigkeit benennen will.
Und genau das passiert in "Dirty Dancing" nicht. Die Entstehung der Liebesaffäre, die die beiden Protagonisten schon in der Mitte des Films zusammenführt, ist von natürlicher Steigerung. Der Film vermeidet sowohl in dieser Phase als auch in der zweiten Hälfte des Films jegliche "künstliche" Dramatisierungen. So gibt es weder Eifersüchteleien, Verwechslungen irgendwelcher Art noch merkwürdige Mißverständnisse zwischen den beiden Liebenden - und der Film hätte eine Menge Gelegenheiten dazu gehabt ,diese bekannten Stilmittel hervor zu kramen. Alleine das "Dirty Dancing" die Beziehung schon bei der Hälfte des Films vollzieht und nicht bis zur großen Schlußszene wartet, unterscheidet ihn schon wohltuend von den meisten Werken dieses Genres.
Das Mißverständnis zwischen Johnny und Frances' Vater, der glaubt dieser hätte Penny geschwängert und sie dazu gebracht, das Kind abzutreiben, ist dagegen nachvollziehbar. Dabei braucht man sich gar nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, ob das konstruiert ist oder nicht, denn es steht nur für die natürliche Auseinandersetzung zwischen dem Vater und dem (eventuellen) zukünftigen Mann seiner Tochter. Ein klassischer Konflikt, der durch Swayzes obercooles Auftreten eher noch verstärkt wird. Da hinterfragt man als Vater gar nicht mehr sein schon gefestigtes Vorurteil.
Im Endeffekt verdeutlichen diese gesamten Ereignisse nur das, was den Film letztendlich ausmacht - er bleibt ganz klein und persönlich und will weder sozialkritisch noch realistisch sein, sondern authentisch in seiner Mischung aus Liebe und Abenteuer nach etwas Neuem, ausgedrückt in Musik und Tanz.
Fazit : äußerst gelungene Geschichte über eine entstehende Liebe zwischen zwei jungen Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die sich selbstverständlich Klischees bedient, aber völlig authentisch die Emotionen widerspiegelt und deshalb bis heute seine zeitlose Qualität bewahren kann.
Dabei kommen dem Film zwei Dinge zu gute. Zum Einen beschränkt sich die Story auf einen kleinen überschaubaren Lebensraum, der schnell Vertrautheit beim Betrachter erzeugt, zum Anderen sind hier Tanz und Musik nicht Beiwerk oder schmückendes Element, sondern zwingender Teil des Geschehens und letztendlich überzeugender Ausdruck der Emotionen. Durch die Mischung aus zeitgenössischer Musik, die das Lebensgefühl der 60er Jahre verdeutlichen sollen und moderner Musik, die die dramatischsten Elemente des Geschehens untermalen ,entsteht eine dauerhafte Identifikation, die den tatsächlichen Kultstatus des Werkes begründet.
Die intensive Liebesgeschichte bedarf eines persönlichen Zugangs und es ist völlig legitim, diesen Film nicht zu mögen. Doch sollten sich Kritiker abgewöhnen, ihre Aversion mit Pseudo-Argumenten zu untermauern und dem Film damit seine eindeutigen Qualitäten abzusprechen. Ein Film, der eine Dichte der Atmosphäre schafft, die über persönliche Vorlieben erhaben ist (9/10).