Mord und Mathematik sind nicht unbedingt genau die beiden Zutaten, die man gemeinsam in einem guten Filmgericht erwartet, nicht zuletzt, weil die meisten Zuschauer bei Mathe vermutlich nicht mithalten können.
So ist denn auch die Mathematik in Alex de la Iglesias letztem Werk „The Oxford Murders“ auch mehr ein Synonym für philosophische Ansätze über die Existenz einer tatsächlichen, nachweisbaren Wahrheit bzw. der Nachweis dafür, daß so ziemlich alles bestritten und angefochten werden kann, selbst in der theoretischen Mathematik.
Bei der angesehenen Filmkritik nicht selten mit Pauken und Trompeten durchgefallen, hat Iglesias Film so ein Schicksal nicht verdient, ein schönes Ratespielchen mit schön angeschärften Dialogen ist er trotzdem gewesen, auch wenn die sogenannten Spannungsszenen so nachlässig und schnell inszeniert sind, daß alles nach zu knappen Budget schreit.
Als Ausgleich hat man sich dann aber wenigstens ein paar namhafte Darsteller gegriffen, den angejahrten, aber für Akademiker prädestinierten John Hurt (wenn auch nur die dritte Wahl) und als studentisches Gegenstück den gegen sein Hobbit-Image ankämpfenden Elijah Wood. Beide stolpern, wie es scheint, nach dem o.a. Disput über beweisbare Wahrheiten in einen Mordfall, der offenbar bei Professor Seldon angekündigt wurde und mit einem Symbol auf einem Zettel verziert wurde, so daß die Möglichkeit besteht, daß sich der Mörder mit den beiden Begabten messen möchte und eine mathematische Reihe aufstellen will, deren weitere Elemente herauszufinden sind.
Das Schlüsselwort hier lautet „Möglichkeit“, denn hier geht es nicht darum, ausgefeilt perfide Morde zu zeigen, vielmehr mordet hier jemand fast unauffällig, um das Rätselspiel zu komplizieren. Wenn es denn eines gibt, denn die scheinbare Mordserie wird von den Protagonisten praktisch ins Unendliche diskutiert, neue Theorien ausprobiert und dann doch wieder über den Haufen geworfen, während sie dem Kern ihres ureigensten Problems näher kommen.
Mit der Mathe-Metapher gelingt de la Iglesia eine bessere Stilmitteleinbindung als etwa die des Schachs in „Knight Moves“, bleibt doch das Überkomplizierte draußen und verschiedenste Theorien der Mathematik finden nun auf den Täter, sein Schema und sein Motiv Anwendung.
Daß es offenbar um unsere Protagonisten geht, wird dabei immer deutlicher, denn hier bezieht sich alles auf ein Geflecht aus einem halben Dutzend Personen (Hurt und Wood, eine Krankenschwester, die Zimmerwirtin, ihre Tochter und ein russischer Kommilitone), die jeweils in Verbindung stehen und als mögliche Variablen immer wieder durchs Bild huschen – in einer besonders gelungenen Sequenz am Anfang, in der die Kamera frei durch den Ort schwebt und sich die Protagonisten beinahe, aber eben nie ganz sehen oder begegnen, beschreibt schon die monströsen Kurven, die dieser Fall nehmen wird.
Die Inszenierung kommt dabei jedoch selten über das Niveau eines normalen TV-Films hinaus, zu theoretisch und bieder ist dieses auf einen Ort beschränkte Kammerspiel, in dem man sich umkreist, schneidet und neue Funktionen zueinander einnimmt. Schlußendlich kommt noch eine unbekannte Größe ins Spiel, die dann den Fall aufzuklären scheint, aber in diesem Moment eher aufgesetzt und kaum beweisbar wirkt. Und tatsächlich ist dies nur der Auftakt zu der eigentlichen Pointe, in der schlußendlich alle recht haben und jeder verliert. Die Wahrheit kostet hier zwar nicht das Leben, aber schlußendlich muß man viel aufgeben, z.B. ein Leben jenseits der Mathematik.
Das oftmals pointierte und sehr spitzfindige Beziehungsgeflecht kriegt am Ende einen äußerst bitteren Beigeschmack und eine ganz neue Sichtweise verpaßt und ist, genau genommen ein fieser Downer in einem bis dato eher leicht dahin gleitenden Film.
Als Snack kann man ihn aber trotzdem nicht einpfeifen, „Oxford Murders“ bedeutet präzises Mitdenken, um die vielen Lösungsansätze und Verbindungen wirklich nachvollziehen zu können und zu genießen. Unaufgeregt, aber anspruchsvoll, auch wenn Wood immer noch nicht sein dramatisches Potential ausschöpfen kann. Wer sich also einen kniffligen Abend machen möchte, um dann bei der Pointe doch übertölpelt zu werden, was sich aber als zufriedenstellend erweist, der sollte mal zugreifen. So etwas gibt es selten als Unterhaltung. (7/10)