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1993: Der Amerikaner Martin hat einen Studienplatz an der englischen Elite-Uni Oxford ergattert und erhofft sich nun, dass der angesehene Professor Arthur Seldom seine Dissertation als Doktorvater begleiten wird. Dieser denkt jedoch gar nicht daran, sich von Martin für dessen Zwecke einspannen zu lassen und erteilt dem jungen Mathematiker eine gehörige Abfuhr. In den Genuss von Seldoms Gesellschaft kommt Martin erst, als er zusammen mit dem Professor zufällig seine Vermieterin Mrs. Eagleton tot auffindet. Beim gemeinsamen Sinnieren über die Umstände, die zur Entdeckung der Leiche geführt haben, dämmert es Seldom, dass die alte Frau doch glatt ermordet worden sein könnte... zumal auch ein Papier-Fetzen, den ihm ein Unbekannter kurz zuvor noch zugesteckt hatte und auf dem ein Kreis aufgezeichnet gewesen ist, von dem Professor als Startpunkt einer logischen Reihe gedeutet wird, mit dem der Mörder ihn persönlich zum Spiel auffordert. Es soll natürlich nicht bei der einen Toten bleiben. Zusammen mit der hübschen Krankenschwester Lorna versuchen Seldom und Martin die logische Reihe zu komplettieren und dadurch dem mysteriösen Killer auf die Spur zu kommen... Álex de la Iglesia, Regisseur der überdrehten (und ziemlich nervtötenden) Splatter-Groteske "Aktion Mutante" sowie solcher nicht minder überdrehten schwarzen (Horror-)Komödien wie "El día de la bestia" und "Allein unter Nachbarn", ist wohl offensichtlich mittlerweile zur Ruhe gekommen und legt mit der sorgsam inszenierten und schön ausgestatteten Roman-Adaption "Oxford Murders" einen für sein bisheriges Schaffenswerk eher untypischen Film vor, den man ihm ehrlich gesagt auch in dieser Form gar nicht zugetraut hätte. Anstatt wie in seinen bisherigen Genre-Beiträgen ungeniert jedem noch so irrwitzigen Einfall nachzugeben ist dieser beinahe schon als intellektuelle Variante eines handelsüblichen Serienkillerfilms durchgehende College-Thriller nämlich voll und ganz auf seine en détail genau erzählte Geschichte sowie auf das Zusammenspiel seines prominenten Hauptdarsteller-Duos hin ausgelegt. Elijah Wood, dem man anhand der Auswahl seiner Rollen durchaus unterstellen darf, dass ihm immer noch daran gelegen ist, sich vom Hobbit-Stigma der "Herr der Ringe"-Blockbuster freizumachen (man werfe auch einen Blick auf seine Auftritte in "Sin City", dem "Maniac"-Remake oder der prima Horror-Comedy "Cooties"), und John Hurt, dem per se eine blasierte Akademiker-Ausstrahlung anhaftet (und der sich deswegen auch schnell als Idealbesetzung für den Part des Arthur Seldom entpuppt, auch wenn er wohl nicht die erste Wahl der Produzenten gewesen ist), tragen den Film demnach gemeinsam auch über die vermeintliche Aktions-Armut und fehlendes Blutvergießen hinweg... und beweisen damit wieder mal, dass ein paar gute Schauspieler immer noch eher in der Lage sind, das Zuschauer-Interesse über die volle Distanz aufrecht zu erhalten, als jedweder noch so spektakuläre Budenzauber. Im Gegensatz zur inhaltlich eh gänzlich anders gelagerten Thriller-Ware made in Hollywood geht es in "Oxford Murders" demnach mit gemäßigtem Tempo und recht wortreich zu, doch ist das Ganze deswegen nicht minder fesselnd geraten. Somit verbreitet de la Iglesias (übrigens an Original-Drehorten entstandener) Film, auch aufgrund der eigentümlichen Atmosphäre der altehrwürdigen Universitäts-Stadt mit ihren Backstein-Bauten und schummrigen Pubs, ein durch und durch europäisches Flair... und nimmt sich inmitten zahlloser "Sieben"-Nachzieher darum auch eher wie ein Rückgriff auf altbackenere Kriminalfilm-Stoffe aus. Ich persönlich empfinde das aber als ganz angenehm. Zweifellos verlangt der Streifen vom Zuschauer aber die Bereitschaft, mit erhöhter Aufmerksamkeit am Ball zu bleiben, um innerhalb der zahlreichen, mit mathematischen wie philosophischen Theoremen gespickten Wortgefechte zwischen Martin und Seldom nicht den roten Faden zu verlieren. Wohl denen, die nicht am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden und noch Spaß daran haben, wenn mehr oder minder weit hergeholte Gedankenspiele in aller Ausführlichkeit durchgekaut werden. Die unterschwelligen Hitchcock- und de Palma-Reminiszenzen, mit denen Álex de la Iglesia seine alles in allem doch sehr solide Inszenierung unterfüttert hat (man beachte beispielsweise die mehrminütige, ungeschnittene Kamerafahrt, die sich von Charakter zu Charakter hangelt und schließlich in der Entdeckung der ersten Leiche gipfelt... edel!), passen da sogar perfekt ins Bild und zeugen davon, dass er den Stoff (sprich: die Roman-Vorlage von Guillermo Martínez) tatsächlich mit angemessenem Ernst angegangen ist, ohne dem Ganzen zwanghaft einen eigenen Stempel aufdrücken zu müssen. So kann man sich auch dank des zurückgenommenen (aber keinesfalls lethargischen) Regie-Stils voll und ganz auf die komplexe Handlung konzentrieren. Ohne Frage ist "Oxford Murders" ergo ein smarter, gut gespielter Krimi, der all denjenigen gefallen wird, die einen sauber aufgebauten, durchgehenden Spannungs-Bogen einer Vielzahl oberflächlicher Schocks vorziehen. Ob einem jedoch die (wie so vieles an dem Film) quergebürstete Auflösung, die so manche Zuschauer-Erwartung mit Gusto unterwandert und eben nicht mit einem Standard-Action-Showdown einhergeht, in den Kram passt, muss ein jeder mit sich selbst ausmachen...

9/10

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