Review

Man schreibt nicht, wie man spricht.
Dieses ungeschriebene Gesetz könnte man ergänzen mit einem Zweiten: man filmt nicht, wie es geschrieben steht.
Literatur ist etwas Anderes als es ein Filmskript je sein könnte. Und Drehbücher bedingen natürlich auch einer ganz eigenen filmischen Handschrift, um einer Vorlage etwas visuell Neues abgewinnen zu können.

So kann das, was Frank Darabont mit „Der Nebel“, einer Novelle von Stephen King gemacht hat, eigentlich nur unter Sorgfalt und Heldenverehrung abgelegt werden, denn der für die King-Verfilmung „Die Verurteilten“ vielgerühmte Regisseur hat sich mit diesem Film nicht nur seinem Stück Lieblingsprosa gewidmet, sondern sich auch über weite Strecken geradezu sklavisch an die Vorlage gehalten.

Die kaum 120seitige Novelle ist King at ist best – purer Suspense auf beengtem Raum: eine Gruppe von Menschen, eingeschlossen in einem Supermarkt, draußen wellt ein unheimlicher Nebel über das Land, hervorgekrochen wahrscheinlich aus einem Dimensionsriß, voller unheimlicher Monstren oder blutrünstiger Alienlebewesen. Wie geht man mit einer solchen Situation um? Fliehen? Kämpfen? Sich in die Religion flüchten? Das Ende ist nahe, die Situation ausweglos – aus solchen Lagen entstehen die intensivsten Geschichten, voller trauriger Schicksale und einer beklemmenden Belagerungssituation, hervor gerufen durch einen Feind, den man meistens nicht sehen kann.

Bis auf die letzten 15 Minuten folgt Darabonts Skript dabei sehr nahe der Geschichte des Gruselmeister, beschreibt die Ausgangssituation, behält die Personen bei, hält die Actionsequenzen und Monsterangriffe absolut deckungsgleich. Selbst die Dialoge sind zu einem Großteil übernommen, was dem Literaten fehlte, ergänzte der Drehbuchautor Darabont einfach, indem er es erweiterte und in die Länge zog.
Und genau da fangen bei der Verfilmung die Probleme an.

Darabont liebt die Vorlage offenbar so sehr, daß er sich auf die Kingsche Bildsprache verläßt – alles ist exakt so, wie man es sich als Kenner der Novelle vorstellen kann. Jedoch eine eigenen kreative Handschrift, zusätzlicher Suspense, eine spannungsfördernde Kameraführung – das alles geht in diesem Fall dem fertigen Produkt ab.

Stattdessen bedeutet mehr Dialog leider nicht auch mehr Fleisch auf die Knochen. Zwar schafft es der Filmemacher, einige der typischen Kingschen Hinterwäldlergestalten nahezu perfekt auf die Leinwand zu bannen – bei den Hauptrollen setzt der Film jedoch aus. Und der Autor nicht selten aufs falsche Pferd.

Da wäre zunächst Thomas Jane, der mit seinem eher sparsam-mimischen Einsatz durchaus schon Genrefilme durch bloße Präsenz veredelt hat (etwa „Deep Blue Sea“), hier jedoch an den verbreiteten Banalitäten aus dem Katastrophenfilmkabinett spöttisches Gelächter provoziert, je länger der Film andauert.
Dazu hat er noch seinen kleinen Filmsohn mit sich herumzuschleppen, der im Buch relativ wenig auffällt, im Film aber für die emotionalen Bombentrichter zuständig, da herrscht Heulen, Zähneklappern und wieder Heulen und Darabont hat offenbar nicht verinnerlicht, das Genrefans immer nur das Eine wollen, wenn Kinder mit von der Partie sind: möglichst wenig von ihnen, nicht unangenehm auffallen ist die Devise.

Das größte Ärgernis ist jedoch das, was man mit der religiös motivierten Fanatikerin Mrs.Carmody gemacht hat, dargestellt immerhin von der Oscarpreisträgerin Marcia Gay Harden. In der Vorlage eine dezent eingesetzte Unheilsbringerin, die sich im stärker in den Vordergrund spielt, setzt sie der Regisseur hier mit nie dagewesener Penetranz von Anfang an in absolutem Breitwandformat ein und gewährt ihr vom Start weg endlose Apokalypsenmonologe, bis auch der gutwilligste Zuschauer vor mentalen Schmerzen schäumend nach Blut schreit.
Wäre ein sorgfältiger Punkteinsatz noch ausreichend gewesen, sie zu einer der hassenswertesten Figuren des Filmjahres zu machen, gleichen ihre Auftritte spätestens nach der Hälfte der Laufzeit einem Napalmflächenbombardement auf das Nervenkostüm des geneigten Zuschauers.

Das wahre Problem liegt somit in den Dialogen, die zwischen scharfem Wortwitz, grenzenloser Banalität und großformatiger Ermüdung in Verbindung mit übelsten Klischees schwanken.
Helfen kann da nur die Action, die sorgfältig und ohne große Fehler abläuft, allerdings auch nicht gerade ungeahnte Finessen erreicht. Die Monstren kommen allesamt aus dem PC und können trotzdem halbwegs überzeugen, dafür generiert die Produktion einfach ein paar zu sauber beklemmende Szenen, die allerdings so schon in der Vorlage standen. Ob man sich bei den anstrengen Figuren nach einer Weile noch darum schert, ist eine andere Sache.
Für ein paar Ekelreflexe ist jedenfalls gesorgt.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist jedoch sein Finale – die einzige Sequenz, in der Darabont von der Vorlage abweicht. Generierte King noch ein offenes Ende, dessen verhaltener Funke Hoffnung in etwa an Hitchcocks „Die Vögel“ gemahnte, entschied sich Darabont für das wohl fieseste und boshafteste Anti-Ende, das er finden konnte, scheißt auf Logik und Erklärungen und gibt dem Publikum eine Schrotladung dramatischer Tragödie mit nach Hause.
Das wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn „dieses“ Ende nicht den kompletten Film dahingehend auf den Kopf stellt, daß die Guten stets im Unrecht waren und die Bösen offenbar alle recht hatten. Zwar steht es einem Film nicht schlecht, mal alles gegen den Strich zu bürsten, aber so sehr betrogen hat man sich schon lange nicht mehr gefühlt, da Logik, Emotion und gesunder Menschenverstand offenbar hier nichts mehr zählen.
Das Ende wirkt – zweifellos – und hält lange nach, passen will es zum Restfilm allerdings schon gar nicht – und Darabont inszeniert es mit dermaßen quälender Langsamkeit, das es schon gehässiges Gelächter provoziert.

Insofern bis auf das Ende eine sehr vorlagengetreue Abfilmung der Kingschen „Novella“, allerdings deswegen filmisch nicht unbedingt ein Meisterwerk, das vor allem die Geduld des Zuschauers auf die Probe stellt, anstatt daß es vor Beklemmung einem die Fußnägel hochklappt, wartet man hier voller Ungeduld nur darauf, wer denn nun alles gemeuchelt wird und wann, womit der Schuß nach hinten losgeht.
Es gibt natürlich schlechtere Horrorfilme und auch ebensolche King-Verfilmungen, aber einen Gefallen hat Darabont seinem Oeuvre damit nicht getan – der Mann weiß offenbar nicht recht, wann er aufhören muß. Getrimmt um 10-15 Minuten Dialoge und versehen mit einem weniger nihilistischen Ende (bei dem das Publikum eher zum Abraten neigt, denn zum Weiterempfehlen wie bei „Sieben“ etwa) und es wäre eine sehr gute Verfilmung geworden.
Aber so ist das mit Lieblingsprojekten: irgendwann fehlt der Abstand und man kann gut und schlecht nicht mehr unterscheiden. Hier gabs eindeutig zu viel des Guten. (4/10)

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