Was wäre die Filmlandschaft ohne Namen wie Ray Harryhausen oder George A. Romero? Stil prägend und neue Genres erschaffend setzten sie sich ein für alle mal Denkmäler in den Annalen der Filmgeschichte und beeinflussen auch heute noch Filmemacher. Bestes Beispiel ist der neu angelaufene dritte Teil der „Mumie“. Mit modernsten Special Effects und einem Millionenbudget ist er nichts weiter als eine Fortsetzung der klassischen Monsterfilme, nur ohne dessen Charme oder der Liebe zum Detail, wie sie die legendäre Stop-Motion Technik Harryhausens verlangte. Dinosaurier, Monster und allerlei Fabelwesen konnten plötzlich auf der Leinwand zum Leben erweckt werden. Stets mit einem Augenzwinkern inszeniert, wurden die „Sindbad“ - Filme oder „Jason und die Argonauten“ schnell zum Kult. Doch schon ein „King Kong“ (1933) oder ein „The Lost World“ (1925) bediente sich dieser revolutionären Technik, welche Harryhausen später immer weiter perfektionierte.
War Harryhausen der Fachmann in Sachen Special Effects, so konnte Romero in seinen Horrorfilmen durch die subtile Einbindung von gesellschaftskritischen Untertönen punkten, mit denen er stets den aktuellen Zeitgeist widerspiegelte und selbst vor politisch orientierten Subtexten nicht Halt machte. Ganz nebenbei erschuf er mit dem Zombiefilm ein ganz neues Genre und spaltete mit „Die Nacht der lebenden Toten“ die Meinung vieler Kritiker, welche den Film anfangs als unappetitliches Horrorfilmchen abtaten, ihn später aber als Meisterwerk anerkannten.
In der aktuellen Horrorfilm-Welle wird viel zitiert, doch sind es dabei eher die Exploitationsfilme der Siebziger, welchen in Streifen wie „Hostel“ oder „The Hills Have Eyes“ (Remake) momentan mehr als genug gehuldigt wird und denen wir es verdanken, dass Splatter und Gore längst im Mainstream-Film angelangt sind.
Die Fünfziger – die Zeit der Schwarzweiß-Filme und der Monsterkreaturen und fliegenden Untertassen, werden bis auf ein paar Ausnahmen (noch) vernachlässigt. Doch der Erfolgs- und Qualitäts-Regisseur Frank Darabont („The Green Mile“; „Die Verurteilten“) will mit seinem neusten Streich „Der Nebel“ eben genau das: Einen Film drehen, welcher den Charakter eben dieser Monsterfilme Marke Harryhausen aufweist. Dazu eine Prise Sechziger Marke Romero, inklusive politisch angehauchter Grundstruktur und vielleicht auch etwas Siebziger, wenn es um das Blutgehalt geht. Nicht ohne Grund wollte Darabont seinen Film in Schwarzweiß veröffentlichen, beugte sich aber schließlich den Anweisungen der Studios, welche auf Nummer sicher gehen wollten, womit der Film dann doch in Farbe in den Kinos anlief. Umso erfreulicher ist es doch, dass es das Medium DVD gibt, auf dem ein Regisseur seinen Film so zeigen kann, wie er es im Sinn hatte.
Fraglich ist nun aber, warum „Der Nebel“ allgemein hin so schlecht aufgenommen wurde. Die Gründe hierfür liegen so ziemlich auf der Hand. Darabont hält sich nicht damit auf, eine schlüssige Story zu präsentieren, er entblößt den Schrecken schon in der Anfangsphase des Filmes, indem er riesige Tentakeln zeigt, welche nicht einmal sehr gut animiert wurden (in Schwarzweiß fallen die Effekte hingegen nicht so arg auf). Natürlich ist das niedrige Budget hierfür verantwortlich, es handelt sich bei „Der Nebel“ immerhin um eine Low-Budget-Produktion; doch genau das ist Kalkül: Ich fühlte mich teils an „Planet Terror“ oder „Death Proof“ erinnert, wenn plötzlich der Trash Einzug in eine Hochglanzproduktion hält und ein Regisseur seinem Lieblingsgenre huldigt und dabei sogar etwas Blut spritzen darf. Tentakeln, riesige Fledermäuse, ätzende Fäden spritzende Spinnen oder riesige undefinierbare Ungeheuer stehen überdeutlich für die Fünfziger. Selbst der immer wieder eingestreute schwarze Humor ist Indiz dafür, dass man den Film kaum zu ernst nehmen sollte.
Daher sollte man als geneigter Zuschauer auch nicht drum herum kommen, den Film einmal in Grautönen zu bestaunen. Es lohnt sich wirklich, zumal die Barriere zwischen der Gegenwart und der trashig-nostalgischen Geschichte aufgebrochen wird. Dem Film wird somit deutlich etwas von der Komik der Kreaturen genommen, welche auf einige möglicherweise unfreiwillig wirken könnte.
Doch andererseits zeigt Darabont auch immer wieder deutliche Anlehnungen an die Sechziger, wenn es innerhalb der Gruppe zu Auseinandersetzungen kommt und kleine Anspielungen auf amerikanische Befindlichkeiten Einzug in die Geschichte halten. Es werden deutlich überzeichnete Charaktere aufeinander losgelassen, die fast jedes Klischee eines typischen Amerikaners abdecken: Die fanatisch Religiöse, der naive Ami, der die Gefahr von Außen einfach nicht wahr haben will, der junge Wilde, welcher sich mutig der Gefahr stellt, und so weiter und so fort. Die Charakterzeichnung ist dabei so plakativ wie unnötig, denn es geht nicht um die einzelnen Charaktere, sondern viel mehr um deren Verhalten innerhalb einer Gruppe, bzw. als Gruppe. Schnell erwachsen aus dieser Gruppe Vereinigungen, und Misstrauen und gegenseitiges Bespitzeln nimmt Überhand. Darabont skizziert dabei die Eigenschaften der Menschen in Angstsituationen, und verschafft seinem Film dadurch einen nicht zu verachtenden gesellschaftskritischen Unterbau mit leicht politisch angehauchten Zwischentönen.
Der Mensch wird dabei als schwaches Wesen hingestellt, welches sich in Angstsituationen an jede noch so kleine Hoffnung klammert und alles für diese Hoffnung in Kauf nimmt. Vor allem die fanatisch Religiöse nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, indem sie (typisch für Darabont) Gott als Bestrafer für die Untaten der Menschen darstellt.
Bisweilen mutet der Film wie eine Art Kammerspiel an, wenn plötzlich die Angst die Macht ergreift und die Auslöser für das Unheil in den eigenen Reihen gesucht werden. Zwar sind die Aktionen der Menschen in diesen Momenten genau so überzeichnet wie die Charaktere selbst, doch lanciert Darabont in diesen Szenen immer wieder eine mutige Ernsthaftigkeit, aus denen auch mit die besten Szenen des gesamten Filmes resultieren. Exemplarisch sei hier nur einmal die Mordszene des Soldaten genannt, die inszenatorisch perfekt gelöst wurde und einmal mehr die Versiertheit eines Ausnahme-Regisseurs demonstriert. In diesen Momenten schafft es Darabont auch aus der Hommage auszubrechen und etwas ganz eigenständiges zu erstellen. So ist das Filmende (übrigens ein völlig anderes als in der Vorlage von Stephen King) eines der nachhaltigsten, welches ich je sehen durfte.
Zwar schafft es Darabont zu keiner Zeit ein weiteres Meisterwerk abzuliefern, doch ich glaube auch kaum, dass er dies mit diesem Horrorfilm im Sinn hatte. Als Hommage an Vergangenes gewinnt er hingegen völlig. Ein Streifzug durch die Jahrzehnte aus der Sicht eines Horrorfilm-Fans, wenn man so will. Und ich habe ihn genossen.