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Vorsicht: Im Nebel verstecken sich kleine und große Spoiler!

Endlich halte ich ihn in Händen, den neuesten Darabont, den mein heimisches Kino ob der dürftigen Einspielergebnisse in den USA ins Programm aufzunehmen für unwert erachtete, sodass mir der Filmgenuss auf der großen Leinwand versagt blieb. Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen und The Mist gleich so sehen, wie es vom Regisseur vorgesehen war - in Schwarzweiß? Eine gute Entscheidung: Allen Unkenrufen zum Trotz stellt sich die farbfreie Fassung als rundum gelungen und keineswegs plumpe Geldmacherei heraus; einige schöne Kontrastspiele fallen auf, vor allem aber wirken die (oftmals kritisierten) digitalen Effekte in vielen Szenen nun so, als wären sie einem Film der 50er entsprungen, also zwar künstlich, aber wertige Handarbeit.

Nun zum Inhalt von The Mist, der ja - vorsichtig ausgedrückt - eine eher gemischte Zuschauerreaktion hervorgerufen hat. Das Set-Up ist schnell erklärt, denn der Film kommt ohne unnötige Umschweife zur Sache: Ein Sturm zieht auf und hinterlässt nicht unbeträchtliche Verwüstung: Bäume sind umgeknickt, haben Autos, ja ganze Hauswände unter sich begraben, überall liegen Überreste verstreut. Dann zieht auch noch dieser seltsame Nebel von den Bergen herunter. Und auf dem Weg zum Supermarkt, in dem Reparaturwerkzeug eingekauft werden soll, kommt einem noch das versammelte Militär entgegen. Was die wohl damit zu tun haben? Der geneigte Horrorfan ahnt es bereits mit einem wohligen Gefühl der aufkommenden Spannung: Es kann sich nur um ein missglücktes Experiment handeln!
Daraus wird auch kein Geheimnis gemacht: Im Supermarkt angekommen, der verständlicherweise hoffnungslos überfüllt ist, weil die halbe Stadt gern so schnell wie möglich wieder ein vollständiges Dach über dem Kopf hätte, bemerken die Anwesenden bald den Nebel, der das gesamte Haus umschließt. Ein alter Mann kommt wie wahnsinnig zur Tür hereingerannt und schreit, dass dort draußen etwas sei. Etwas Großes, Gefräßiges. Der Ansturm kann beginnen.
Und er kommt, so viel darf verraten werden; erst gibt es nur einige Anzeichen des drohenden Übels, doch nach und nach gerät die Lage der Eingeschlossenen zunehmend hoffnungslos. Immer grässlichere Biester speit der schier unendliche Nebel aus und verschluckt immer mehr Tote. Dabei ist The Mist beiliebe kein reiner Monsterfilm. Es gibt einige spannungsreiche und durchaus ungemütliche Szenen mit den fiesen Viechern (die auch für sich genommen ohne Weiteres überzeugen können), doch wir kennen King und Darabont zu gut: Wir brauchen Drama, Baby.
Die Zutaten sind unfraglich vorhanden: Der gute Teil einer Kleinstadt auf engem Raum eingeschlossen, das bedeutet viele verschiedene Charaktere und ein hohes Konfliktpotential. Bald haben wir drei Parteien: den redegewandten, die irrationale Realität verleugnenden Anwalt, die bibeltreue Fanatikerin, die das Ende der Welt gekommen sieht, und mittendrin: den Protagonisten, David. Er ist einfach ein Mann der Tat, der die Lage sieht, wie sie ist, und eigentlich nur möchte, dass er und sein Sohn Billy überleben - und möglichst viele der Anderen auch. Die Sympathiepunkte sind also sehr schnell eindeutig verteilt.
Während David und die Menschen, die sich um ihn scharen, sich darum bemühen, das Überleben aller zu sichern und eine Rettung auszutüfteln, marschiert der Anwalt in blindem Vernunftvertrauen hinaus ins Verderben (die Empirie ist schließlich überschätzt - Monster darf es einfach nicht geben) und die Fanatikerin fordert bald ein Menschenopfer, um den strafenden Gott zu besänftigen. Hallelujah!
Klingt platt, billig, abgedroschen? Klischeehaft gar? So einfach macht es sich Darabont aber nicht. Er zeigt uns in teilweise beiläufig scheinenden Szenen, dass alle Personen ihren Grund haben, so zu handeln, wie sie handeln. Sie alle haben nur ihren eigenen Weg, mit der Angst umzugehen. Für die Meisten ist diese Angst keine natürliche, gesunde Angst mehr, die Suche nach einem guten Ausweg, sondern eine lähmende Furcht vor dem Ausweglosen. Diese führt, begleitet von den unerbittlichen Monsterattacken, zu Handlungen, die dem Zuschauer im gemütlichen Sessel irrational erscheinen mögen. Wer sich ein wenig in die Lage der Gefangenen hineinversetzt, merkt, dass es für viele schlicht der letzte Hoffnungsschimmer ist, der vor dem Griff zum Strick bewahrt.
Die Lage spannt sich also immer weiter an, bis es schließlich zur notwendigen Konfrontation kommt - wie man sich denken kann, natürlich nicht Mensch versus Monster. Der Befreiungsstoß (wer ihn gesehen hat, wird mir vielleicht zustimmen) kommt unerwartet und wirkt wahrlich wie eine Erlösung. Geschickt hat Darabont uns vorgegaukelt, dass alle Gefahr von der finsteren Fanatikerin ausging, die in ihrem Wahnsinn keine Grenzen mehr kannte. Unser wackerer Held hingegen tut, was man tun muss (so scheint es zumindest), und rennt mit seiner Schar zum rettenden Wagen - nichts wie hinaus in den Nebel, fort von den Verrückten!

ENDSPOILER ANFANG
Was dann folgt, hat im Rezipientenkreis weitgehend für Verstimmung gesorgt: David fährt heim - doch seine Frau ist tot, wie ein Gespenst hängt sie in Spinnenfäden eingewoben von der Veranda. Nur weg von der Stadt, durch den endlosen Nebel. Urtümliche, gigantische Bestien, an lovecraftsche Wesen aus den dunkelsten Ecken des Universums gemahnend, streifen umher, nirgendwo auch nur das geringste Anzeichen von menschlichem Leben. Welcome to the Apocalypse! Dann: Das Benzin geht aus. Draußen nur Nebel und das gierige Grunzen der wartenden Monster. Drinnen fünf Menschen und vier Patronen. David sieht die Anderen an. Sein Sohn schläft. Die Erwachsenen nicken. Vier Schüsse, dann taumelt der blutbespritzte David schreiend aus dem Wagen. Doch es kommt kein Monster. Nein, der Nebel lichtet sich, und das Militär kommt zur Rettung, die Bestien liegen schon brennend am Boden.
ENDSPOILER ENDE

Darabont zeigt uns hier mit niederschmetternder Brutaliät und EIndringlichkeit den Fehler, allzu sehr auf den immer patenten Protagonisten zu vertrauen. Nein: Er zeigt, dass die lähmende Angst in jedem steckt, dass jeder in seiner subjektiven Wahrnehmung gefangen ist und selbst der, der immer so objektiv und unfehlbar zu sein schien, verblendet sein kann. Dabei ermahnt Darabont nicht etwa zur Vernunft, zur steten Selbstreflexion, ohne die all der gezeigte Wahnsinn nie hätte geschehen können. Nein, all das ist tief menschlich; instinktiv zu handeln ist kein Fehler. Ein Fehler ist es lediglich, die Hoffnung aufzugeben. Die Botschaft der Hoffnung, die The Shawshank Redemption mit einer unglaublich positiven Intensität ausstrahlte, findet sich in The Mist in einer durch und durch finsteren Variante.
Mag letzterer Film auch nicht so rundum gelungen und ausgereift sein wie Darabonts Meisterwerk, so bietet sich dafür ein ungewöhnlicherer Streifen, der sich nicht scheut, den Zuschauer an der Nase herumzuführen und ihn vor den Kopf zu stoßen. Somit bleibt Darabont trotz einer guten Arbeit abermals ein finanzieller Erfolg verwehrt, zudem stehen nun auch die Kritiken nicht auf seiner Seite. Es darf zudem bezweifelt werden, dass die Zeit ihm diesmal Recht geben wird. Umso mehr sei dem Leser dieser Zeilen geraten, sich diesen empfehlenswerten Film (noch einmal) zu Gemüte zu führen.

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