Sylvester Stallone ist schon ein Schelm. Da zieht er während seiner Promotiontour durch die ganze Welt, um seinem Publikum zu mitzuteilen, dass er mit seinem Film vor allem auf den grausamen Genozid an den Karen in Myanmar aufmerksam machen möchte und dann entpuppt sich "Rambo" in erster Linie als martialischer Kriegsactioner, der sich am ehesten noch mit "Rambo: First Blood Part II" vergleichen lässt und keineswegs dem fingierten Anspruch seines Machers gerecht wird, wieder an den ersten Teil anzuknüpfen und die beiden Sequels links liegen zu lassen.
Keine Frage, der traurige Konflikt ist hier nur ein Mittel zum Zweck, weil in Vietnam keine Kriegsgefangenen mehr zu holen, die Russen längst aus Afghanistan verjagt worden sind und das einst ins Auge gefasste Engagement gegen den internationalen Terrorismus angesichts der rückblickend unfreiwillig komischen Widmung von "Rambo III" sowieso einer Farce gleichgekommen wäre.
Slys "Rambo" ist eine klassische Search&Rescue-Mission mit einem Wahnsinnsbodycount von 236 Toten in 80 Minuten, martialischen Sprüchen ( "Live for nothing or die for something", "War is in my blood" oder "Killing is easier than breathing") und hemmungsloser Gewaltdarstellung, die noch einige charakteristische Grundzüge der reaktionären Achtziger in sich trägt, als Chuck Norris ("Missing on Action", "Invasion U.S.A.") und Co. dem Aufruf folgten ebenso ähnliches Gedankengut rücksichtslos zu propagieren.
War "Rocky Balboa" ein Abschiedsgeschenk an die Rocky-Fans, so ist "Rambo" das Pendant für die Rambo-Jünger und alle, die dem Actionfilm der Achtziger bis heute treu geblieben sind.
Denn "Rambo" ist schnörkelloses Action-Kino par excellence, vermutlich der Letzte seiner Art, ein Film, wie man ihn heute nicht mehr zu Gesicht bekommt, wenn man nicht die Klassiker aus dem Regal holt. Viel Zeit bleibt Sly bei gerade einmal 80 Minuten nicht die geradlinige Geschichte zu erzählen, deswegen drückt er gewaltig auf die Tube. Das Szenario in Myanmar wird anhand von zusammenmontierten Nachrichten grob umrissen, das Grauen kurz im Detail dargestellt und dann geht es auch schon zur eigentlichen Hauptfigur, DER Ikone des Action-Kinos: Rambo.
Stallone ist 20 Jahre älter geworden, seine Figur natürlich auch. Zurückgezogen lebt Rambo in Thailand, fängt dort Schlangen oder Fische und will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Eine Gruppe christlicher Missionare aus Amerika bittet ihn darum, sie mit seinem Boot den Salween hinauf nach Myanmar zu bringen, da die Landwege vermint sind und der Fluss die einzige Möglichkeit darstellt, den Karen medizinische Versorgung zukommen zu lassen.
Rambo, wortkarg wie eh und je, lehnt ab, weist sie auf die gefährliche Situation vor Ort hin, lässt sich aber schließlich doch überreden. Natürlich schlägt die naive Gruppe alle seine Warnungen in den Wind und wird vom Militär verschleppt beziehungsweise erschossen, als ein Dorf überfallen wird. Wenige Tage später taucht bei Rambo der verzweifelter Pastor Arthur Marsh (Ken Howard) auf, der ihn darum bittet eine Gruppe hartgesottener Söldner nach Myanmar zu schiffen. Das Kommando soll die Missionare retten. Er nimmt den Auftrag an, schmiedet sich eine Machete und schließt sich in Myanmar überraschend dem Trupp an. Die sind zunächst wenig erbaut davon, einen alten Mann mit durchzuschleppen. Bis es zur ersten Auseinandersetzung kommt...
Für die Figur John Rambo bleibt zwischendurch leider nicht so viel Zeit, doch Sly interpretiert sie nun etwas anders. Der brummelige Vietnamveteran ist müde geworden, wird von Albträumen verfolgt, kann aber immer noch plötzlich wie ein Vulkan ausbrechen und hat nichts von seinen tödlichen Fähigkeiten eingebüßt. Optisch präsentiert er sich als massiver Hüne, neben dem alle weiteren Figuren fast schon schmal wirken.
Die Nostalgie, der Ursprung dieser Figur und ihre Missionen, spielen dabei eine wichtige Rolle, denn Stallone setzt auf diesen Faktor, indem er öfter auf seine Vergangenheit verweist.
Rambo ist mürrisch, sehr leicht reizbar und genauso gnadenlos wie früher, teilweise wiederum aber auch sehr melancholisch und nachdenklich, ja vielleicht traurig. Dabei begeht der Film nicht den Fehler seine Hauptfigur abseits der Actionszenen zu einer Ikone zu stilisieren, sondern zeigt einen längst ausgebrannten Veteranen, dessen Leben auf nichts mehr zusteuert. Den Fans wird diese Entwicklung sicher gefallen, aber es hätten noch viel mehr Details einfließen dürfen. Die Gespräche zwischen ihm und Sarah (Julie Benz, "Punisher: War Zone") bieten dafür einen interessanten Ansatz, der leider nicht weiter verfolgt wird. In dieser Hinsicht bleibt "Rambo" leider deutlich hinter "Rocky Balboa" zurück, der wesentlich mehr mit seiner Figur anzufangen wusste.
Daneben stimmt natürlich traditionsgemäß auch das Gesamtpaket. Brian Tylers heroischer Score ist erstklassig, interpretiert unter anderem Jerry Goldsmiths legendäre Kompositionen und sorgt speziell in den letzten Minuten für Gänsehaut, wenn er wieder eine instrumentale Version von Dan Hills "It's a long road" einspielt.
Der Dschungel könnte daneben als Kulisse kaum idealer in Szene gesetzt werden, denn in atmosphärischer Hinsicht ist "Rambo" nahezu perfekt. Die atemberaubende Naturkulissen werden in epischen Panoramaaufnahmen festgehalten und der Dschungel wieder als undurchdringliches Dickicht präsentiert, in dem Rambo, ganz in seinem Element, selbst gegen eine Übermacht, seine tödlichen Fähigkeiten ausspielt.
Die Actionszenen setzen sich darin vornehmlich aus zwei verschiedenen Parts zusammen. Auf der einen Seite zeigt "Rambo" in sehr drastischen Bildern, wie das sadistische Militärregime Myanmars Dörfer abschlachtet, die mit den Rebellen sympathisieren. Es werden Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet und tödliche Spiele in provisorisch verminten Reisfeldern veranstaltet. Mit Flammenwerfern werden Menschen zusammengetrieben und exekutiert. Diese Szenen gehen für den Moment tatsächlich unter die Haut, funktionieren im Kontext allerdings nicht, weil sie nur Rambos Feldzug legitimieren. Man kann diese schrecklichen Szenen durchaus als gut gemeinte Geste verstehen, auf die schlimme Situation in diesem Land aufmerksam zu machen, aber als Appell sollte man sie nicht werten, denn dafür legt Stallone sich doch zu sehr auf einen rücksichtslosen Kriegsactioner fest, dessen Mittelpunkt sein Alter Ego John Rambo darstellt.
Denn wenn der erst einmal loslegt, können so ziemlich alle Actionfilme der letzten Jahre einpacken. Ohne nervigen Einsatz neumodischer Stilmittel kredenzt Stallone ein blutiges Spektakel der alten Schule. Rambo kämpft nicht, er wütet, durchbohrt Köpfe mit Pfeile oder schlägt sie ab, reißt einen Kehlkopf heraus, schlitzt Bäuche auf, von seinem Umgang mit dem Browning M2 .50 Kaliber-Maschinengewehr ganz zu schweigen. Die Resultate fallen grundsätzlich sehr graphisch aus, denn die Kamera blendet nicht aus, zeigt ganz im Gegenteil zerreißende Körper, platzende Schädel und abgetrennte Gliedmaße. Die grausamen Ausmaße bewegen sich nahe an der Realität, ohne dass sich der Film die Titulierung Antikriegsfilm verdient. Audiovisuell ist er allerdings ein wuchtiges Erlebnis.
Das brutale Spektakel steigert sich mit zunehmender Laufzeit in einen schonungslosen Blutrausch, der seinen Höhepunkt im letzten Showdown findet. Insbesondere das Finale dauert auf diese Weise mehrere Minuten an, bevor Stallone mit einer denkwürdigen Szene den exakt richtigen Ton trifft, um die Rambo-Reihe (hoffentlich) ein für alle mal ausklingen zu lassen.
Fazit:
Sylvester Stallone zelebriert den vierten Teil der "Rambo" - Reihe als schnörkellosen, hyperbrutalen Kriegsactioner ohne Leerlauf. Den selbsternannten Filmexperten wird dies sicherlich nicht gefallen. Denn spätestens wenn der friedliche Missionar, der sich den ganzen Film über gegen Gewalt ausspricht, dem nächstbesten Soldaten mit einem Stein den Schädel eindrischt, weiß man, wo der Barthel den Most holt. Die Actionszenen jenseits von Gut und Böse sind spektakulär, einige böse Klischees besonders hinsichtlich Myanmars Militär auf jeden Fall vorhanden und Slys vorgeschobenes Vorhaben auf die Misstände hinzuweisen größtenteils gescheitert. Was er allerdings geschafft hat, ist den Zyklus in den letzten Sekunden des Films abzuschließen und der legendärsten Ikone des Actionfilms einen würdigen Abgang zu erschaffen, der sicherlich allen Rambo-Fans gefallen wird. Ein wenig mehr Tiefgang hätte angesichts der doch sehr knappen Laufzeit, gerade weil die Figur John Rambo das Potential dafür bietet, allerdings nicht geschadet.
Letztlich gelingt ihm damit auch eine Hommage für den Actionfilm der Achtziger. Wohl der beste Film dieses Genres seit vielen, vielen Jahren und gleichzeitig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der Letzte seiner Art.