Wenn Filmbilder alterungsbedingt von herrschenden Sehgewohnheiten abweichen (wie der Stummfilm-Indianer auf dem Bildschirm im Raumschiff in "High Life" (2018)) und/oder verblassen oder transparent werden (wie Elvis Presley als Hologramm in "Blade Runner 2049" (2017)), gesellt sich eine melancholische Note hinzu: Die Bilder geben sich als Aufgezeichnetes zu erkennen und besitzen (verblassend, transparent, ruckelnd und/oder gealtert) eine Schemenhaftigkeit, welche schon während ihres aktuellen Ablaufens ihren virtuellen, in überholter Vergangenheit verankerten Charakter offenbart.
Für diese Bilder gilt teilweise, was Roland Barthes der Fotografie in Abgrenzung vom Film zugeschrieben hatte – insbesondere dann, wenn sich die einzelnen frames im Stummfilm (oder im Fotofilm und in Pausier-&-Spul-Exzessen à la Godard) gewissermaßen über den Fluss der Bilder erheben, wenn der Film als Bewegtbild in seine Reihung statischer Einzelbilder zu zerfallen droht.
Das verleiht dem Stummfilm – insbesondere wenn er ordentlich Patina angesetzt hat – einen ganz speziellen Reiz und macht ihn zu einem Faszinosum, welches vor allem den nostalgischen und den melancholischen Blick nährt (was im Fall der Slapstick-Komödien entschärft wird, beim Melodram hingegen voll zur Geltung kommt).
Im Fall von "Sioux Ghost Dance" kommt dieser melancholische Blick in ganz besonders seltener Vollendung zur Geltung. Der Film, der im September seinen 125. Geburtstag feiern darf, gehört zu den frühesten Filmproduktionen Thomas A. Edisons, der im Vorjahr mit seiner "Blacksmith Scene" (1893) bereits einen Markstein der frühen Filmgeschichte produziert hatte und später so markante Klassiker des frühen Stummfilms wie "The Execution of Mary, Queen of Scots" (1895), "Electrocuting an Elephant" (1903), "Frankenstein" (1910) oder "The Patchwork Girl of Oz" (1914) in Szene setzen ließ. "Sioux Ghost Dance" wurde von den Pionieren William Heise und William K. L. Dickson ("Monkeyshines" (1890)) umgesetzt und dokumentiert einen im Rahmen von Buffalo Bills Wild-West-Show umgesetzten Ghost Dance. Damit gehört er neben "Bucking Broncho" (1894), "Buffalo Dance" (1894) oder "Annie Oakley" (1894) – der die einzige Filmaufnahme der legendären und ab 1885 zur Show Buffalo Bills gehörenden Kunstschützin bietet – zu einer ganzen Reihe dokumentarischer Aufzeichnungen der populären Show.
Zum Zeitpunkt, an dem dieser Ghost Dance als Bestandteil einer populären Wildwest-Show gefilmt worden ist, war es um das eigentliche Vorbild längst geschehen: Die Renaissance des Ghost Dance hatte 1890 zum Chankpe Opi Wakpala, zum Massaker von Wounded Knee geführt, welches demnächst den 130. Jahrestag erleben wird. Jenes Massaker markierte seinerzeit den Endpunkt der Sioux-Kriege und wurde später vielfach als letzter großer Einschnitt in der Geschichte des Genozids an den amerikanischen Ureinwohnern eingestuft. Susanna Whites "Woman Walks Ahead" (2017) hat sich dieser Thematik vor rund zwei Jahren filmisch angenähert.
Der 1894 bloß als exotische Attraktion existierende Ghost Dance seinerseits besaß indes auch schon eine gewissermaßen restaurative Qualität und sollte als Form der Kommunikation mit den verstorbenen Ahnen die indigene Tradition gegen den Einfluss des weißen Mannes verteidigen.
Und so bietet der Films heutzutage einen reizvollen Dreischritt: Gewissermaßen im Off liegen (virtuell) die verstorbenen Ahnen der tanzenden Indianer, deren (aktueller) Tanz als quasi-mystische Aufhebung linearer Zeit einen Kontakt herstellt; der sichtbare (aktuelle) Tanz ist jedoch ein nachahmender, gespielter (und somit vermutlich unmotiviert-inhaltsleerer) Tanz, der auf den nahezu ausgestorbenen (virtuellen) Tanz verweist, der etwa halbe Dekade oder ein Vierteljahrhundert zuvor große kulturelle Relevanz besessen hatte. Und schließlich wird das heute sichtbare (aktuelle) Filmbild – das Spiel der Formen und Farben/Graustufen mit all seinen Unschärfen, Verschmutzungen und dem groben Bildfluss aufgrund geringer Bildfrequenz! – vom (virtuellen) Original, dem vor 125 Jahren zelebrierten Tanz vor der Kamera, durchdrungen; denn dem (völlig tonlosen) Tanz kommt in seinen heute zirkulierenden Bildqualitäten eine fast gespenstische Qualität zu: die Tanzenden erscheinen traumhaft langsam und merkwürdig schwerelos und ihre Konturen geraten bisweilen Unscharf – was das stumm-tonlose Ereignis seltsam entrückt wirken lässt. Sinnlich begreifbar wird somit über einen melancholischen Blick die (im wahrsten Sinne des Wortes) Vergangen-heit der Eindrücke, die zunächst ins Jahr 1894, dann in den groben Zeitraum 1870-1890 und schließlich in den Zeitraum des noch gänzlich unberührten indianischen Lebens überführen.
Was 1894 für empfindsamere Gemüter eine geschmacklose Abbildung eines fragwürdigen Ausverkaufs fremder Kultur (und für eine Mehrheit ein Spektakel mit relativ hohem Kuriositätenwert) gewesen sein mag, gewinnt heutzutage längst eine beachtliche melancholische Qualität.
8/10