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WENN DIE GLOCKEN HELL ERKLINGEN ist mal wieder ein Titel, der alles und nichts bedeutet, und mit dem dazugehörigen Film kaum etwas zu tun hat, denn mehr Glocken als in den meisten anderen Filmen erklingen auch hier nicht. Stattdessen bekam der Zuschauer Anno 1959 eine harmlose Geschichte aus einer Welt serviert, in der der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden zu haben scheint und sich alles noch genauso verhält wie in einer nostalgischen Konstruktion der guten alten Zeit. Graf Warthenberg hat sich vor Jahren von einer seiner beiden Töchter entzweit, die gegen seinen Willen einen Mann heiratete, den er ganz und gar nicht billigte. Selbst nach dem Tod des ungeliebten Bräutigams und obwohl er weiß, dass er inzwischen Großvater wurde, hat er nie Kontakt zur verstoßenen Tochter aufgenommen. Gemeinsam mit Hanna, seiner jüngeren Tochter, lebt er seitdem allein in seinem stattlichen Herrenhaus oberhalb eines Bergdorfes. Der Zufall will es, dass sein Enkel Michael, inzwischen zwölf Jahre alt, als Mitglied der Wiener Sängerknaben einen Ausflug in die Berge unternimmt und exakt in dem Dorf, in dessen Nähe sein Großvater wohnt, einige Konzerte gibt. Hanna und ihr Liebster Toni versuchen nun Großvater und Enkel, die nichts voneinander wissen, zusammen zu bringen, und somit die längst überfällige Familienversöhnung herbeizuführen… 

WENN DIE GLOCKEN HELL ERKLINGEN ist eine Mixtur aus so ziemlich allen Unterhaltungsfilmgenres, die der deutsche und österreichische Film der Nachkriegszeit zu bieten hatte: Heimatfilm, Revuefilm, Musikfilm, Tierfilm, Lausbubenfilm, Familienmelodram, von all dem und noch viel mehr lassen sich Spuren in dem Werk finden.  

Die Geschichte an sich ist ein Familiendrama, das jedoch wesentlich dramatischer klingt als es dann tatsächlich umgesetzt wurde, denn das Konfliktpotential wird nie völlig ausgespielt, der Tragödie quasi ihre Stacheln gezogen, nach dem Motto, dass alles gar nicht so schlimm ist wie es scheint. Es ist nicht verwunderlich, dass die verstoßene Tochter und der Vater sich am Ende in die Arme fallen, obwohl sie sich nach vielen Litern bösen Blutes zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder sehen, so, als sei nie etwas zwischen ihnen gewesen. Selbst in den dramatischsten Szenen ist jedem Zuschauer klar, dass alles gut ausgehen wird. Hier passiert niemandem etwas. Der Film ist derart harmlos, dass man sich nicht mal versehentlich an ihm verletzen könnte. 

Das Setting entlehnte man immerhin dem Heimatfilmgenre: ein hochgelegenes Dorf, in dem Ziegen frei umherstreunen, Jägerromantik und viele Naturaufnahmen. Fürs Auge bietet WENN DIE GLOCKEN HELL ERKLINGEN dennoch kaum etwas. Rein optisch steht der Film weit hinter den reinen Heimatfilmen der gleichen Zeit. Störend empfand ich zudem die ständigen Musikeinlagen. Wenn man schon mal die Wiener Sängerknaben am Set hat, ist es verständlich, dass man sie auch das eine oder andere Lied singen lässt. Von christlichen Chorälen bis hin zu traditionellem Liedgut wird demnach einiges aufgefahren. Schrecklich wird es allerdings, wenn man jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um den Knaben ein Ständchen zu entlocken. Noch schrecklicher, wenn auch der Italiener Toni, der die Knaben als Aufpasser begleitet, sich andauernd seine Akustikklampfe umhängt und sentimentale Liebeslieder trällert. Ohne all die Musikeinlagen, die natürlich rein gar nichts mit der Handlung zu tun haben, wäre der Film sicher um etwa eine halbe Stunde kürzer und für ein heutiges Publikum um einiges erträglicher. 

Immerhin verfolgt der Film keine Agenda, die darüber hinausgeht, sein Publikum unterhalten zu wollen. WENN DIE GLOCKEN HELL ERKLINGEN ist ein Film, der niemandem wehtun sollte, den man sich anschaut und sofort wieder vergisst. Für jemanden, der einen auf neunzig Minuten konzentrierten Querschnitt durch die Landschaft des deutsch-österreichischen Unterhaltungskinos der 50er sucht, mag er immerhin ein interessantes Studienobjekt abgeben. Alle anderen sollten ihn tunlichst meiden, wobei das eine Warnung ist, die wohl schon der Filmtitel selbst ausspricht.

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