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Wenn die Abschlussarbeit eines Filmstudenten so qualitativ hochwertig ausfällt, darf man sich wieder Hoffnung auf den deutschen Regisseur-Nachwuchs machen.
Andy Fetscher beweist mit der Umsetzung eines brisanten Themas ein sicheres Händchen für Dramaturgie und Timing, die hanebüchene Schlussfolgerung seiner Sozialkritik lassen wir dabei mal ein wenig außen vor.

Auf angeblich wahren Fakten beruhend, dreht es sich hier um das Thema Gammelfleisch, welches in rauen Mengen von Deutschland nach Rumänien gebracht und an Straßenkinder verteilt wurde, - mit katastrophalen Folgen, wie Studentin Laura (Friederike Kempter) und ihre Freunde schon bald feststellen müssen. Zunächst ließ sie der plötzliche Unfalltod ihrer Eltern nach Rumänien reisen, doch schon bald überstürzen sich die Ereignisse und man befindet sich völlig ohne Hilfe von außen auf der Flucht durch die Wälder.

Die deutliche, sowie angebrachte Kritik, minderwertiges Fleisch zu entsprechenden Niedrigpreisen in hilfsbedürftige Staaten zu schicken, kommt deutlich an.
Nicht nur die Snuff-Szenen einer Rinderverarbeitung versetzen Freunden tierischen Genusses einen Hieb in die Magengegend, - es ist die Konsistenz und der Umgang mit dem Gammelfleisch selbst, der immer wieder leichten Ekel auslöst, die Botschaft aber umso deutlicher zum Ausdruck bringt.
Jedoch steht der moralische Zeigefinger nie wirklich im Mittelpunkt, denn in erster Linie handelt es sich um einen temporeichen Horror-Thriller, der irgendwo zwischen „Them“, High Tension“ und dem etwas aktuelleren „King of the Hill“ anzusiedeln ist.

Die leicht merkwürdig distanzierte Hauptfigur Lara offenbart einen interessanten Charakter, dem etwas latent Geheimnisvolles anhaftet. Man kann sich nie wirklich sicher sein, ob da gegen Ende nicht doch ein großer Plot Twist platzt und die scheinbar Gute ihr wahres Gesicht zeigt.
Die Gesichter der Angreifer sieht man hingegen zu keiner Zeit, ihre Körper sind von oben bis unten verhüllt, nur die Haare liegen frei. Ihr Erscheinen sorgt zu Beginn zwar für ein etwas zu schnelles Ableben einiger Randfiguren, doch im Verlauf entfalten sie Potential für mächtig spannungsgeladene Momente.

Bereits die abweisende Krankenschwester im Hospital und der aufbrausende Typ, der nervös mit einem Colt herumfuchtelt, setzen böse Vorzeichen. Doch mit knarrendem Fenster, huschenden Schatten und der Massenentsorgung mehrerer Doseninhalte und plötzlichem Licht aus wird zusehends Fahrt aufgenommen.
So erhält die Gruppe zunächst Unterschlupf bei einer Einheimischen, flieht zum Unfallauto der Eltern, verbarrikadiert sich darin, findet eine kleine Holzkirche in der Besteck von der Decke hängt, dann Flucht durch den Wald, Gefangennahme, und finale Konfrontation am Strand. Dabei bietet eine seichte Lesbenszene nur ein kurzes Intermezzo, um für die letzten Minuten noch einmal Gas zu geben.

Verpackt wurde der Stoff nicht immer gefällig, besonders die noch unsicher geführte Wackelkamera stört hier und da und auch die Sequenz der recht körnigen Bilder mit Nightshot-Filter sind anstrengend zu verfolgen. Demgegenüber sind kleine Inserts mit Schnitt-Staccato gelungen, Szenenwechsel sauber getimt und einige Einstellungen durchaus stilvoll, wie etwa ein einsam stehendes Auto im orangefarbenen Sonnenaufgang oder die umherstreunender Wölfe.
Auch die Darsteller erfüllen mindestens ihren Zweck, Friederike Kempter in der Hauptrolle empfiehlt sich mit ihrem facettenreichen Spiel sogar problemlos für weitere tragende Rollen.

Gedreht in Deutschland, Rumänien und Frankreich vermag dieses Langfilm-Debüt tatsächlich über die volle Distanz zu unterhalten, auch wenn die Schlussfolgerung aus der Kernthematik ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt.
Simple Handlungsabläufe können ohne große Schnörkel treffend auf den Punkt gebracht werden, - Jungspund Fetscher zeigt, bis auf wenige Makel, wie man mit einfachen Mitteln einen atmosphärischen, mit ein paar blutigen Gewaltszenen angereicherten Streifen inszenieren kann.
Nicht Fisch, sondern Fleisch: In der Konsistenz vielleicht etwas mager, dafür jedoch ohne Fett und im Filet-Bereich herzhaft mariniert.
8 von 10

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