Klaus Kinski spielt den Opernliebhaber Fitzcarraldo, der es sich in den Kopf gesetzt hat, um die Wende zum 20. Jahrhundert mitten im südamerikanischen Urwald ein Opernhaus zu errichten. Dumm nur, dass der Träumer dieses nicht finanzieren kann, nachdem sein Eisenbahnprojekt gescheitert ist. Daher setzt er alles auf eine Karte: Er erwirbt ein Stück Land mit Kautschukbäumen, das aufgrund der ungünstigen Lage noch nicht erschlossen, dafür aber recht günstig zu haben ist. An das Gebiet grenzt ein für den Transport des Rohstoffes benötigter Fluss, der stromabwärts aufgrund der reißenden Strömung jedoch nicht schiffbar ist. Fitzcarraldo fasst einen kühnen Entschluss: Er will mit einem Dampfschiff einen parallel verlaufenden Strom hinauffahren und das Schiff über einen Berg in den Oberlauf des anderen Flusses ziehen. Nachdem sich seine Crew größtenteils aus dem Staub gemacht hat, steht ihm dafür lediglich ein Stamm Ureinwohner als Arbeiter zur Verfügung.
Es gibt Filme, deren Produktionsgeschichten längst Filmgeschichte geworden sind. Die hochriskanten Stunts des Artisten und Filmemachers Buster Keaton, der für sein Stummfilm-Drama „Der General“ eigens eine Brücke errichten ließ, um diese für ein paar Filmsekunden zu sprengen und eine echte Dampflock im drunter fließenden Strom zu versenken, ist eine dieser Geschichten. Oder der Dreh von „Apocalypse Now“ auf den Philippinen, der sich schier ewig in die Länge zog, weil Wetter, Krankheiten und vermutlich auch der Drogenkonsum der Crew für allerhand Verzögerungen sorgten, womit Francis Ford Coppola kurz vor dem finanziellen Bankrott stand.
Ähnlich verhält es sich mit Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, einem Projekt, das sich mehrere Jahre in die Länge zog, bei dem die Darsteller Jason Robards, Mick Jagger und Mario Adorf absprangen, nachdem Teile des Films bereits im Kasten waren und das schließlich mit Herzogs liebstem Feind, dem jähzornigen Pulverfass Klaus Kinski in der Hauptrolle fertiggestellt werden musste. Doch der Regisseur hatte es nicht anders gewollt: Gegen den Willen des Studios entschied sich Herzog dafür, sein Mammutprojekt vor echter Tropenkulisse und nicht unter berechenbaren Bedingungen im Filmstudio zu drehen, weshalb er diesen schließlich selbst produzieren musste. Er ließ ein echtes Schiff einen steilen Hang hinaufziehen - eine Tortur für alle Beteiligten. Herzog benötigte dafür wohl den gleichen Übermut, die Beharrlichkeit und den Willen, Berge zu versetzen, der Kinski in der Rolle des Fitzcarraldo ins Gesicht geschrieben steht. Das alles macht diesen Abenteuerfilm für jeden, der ihn gesehen hat, zu einem unvergesslichen Ereignis.
Die Strapazen der Filmcrew, der Schauspieler und der für den Film engagierten Indios haben sich gelohnt. Der finale Kraftakt, mit dem das Schiff über den Berg gewuchtet wird, ist ein physisches Erlebnis. Die Anstrengungen der schwitzenden Ureinwohner werden ebenso greifbar und spürbar wie Widerspenstigkeit und Gewalt der Natur, was „Fitzcarraldo“ etwas gleichermaßen Monumentales wie Archaisches verleiht. Bilder, wie die Einstellung, in der Kinski mit verwirrtem Blick auf das im Hang stehende Dampfschiff blickt, sind unvergesslich und werden vom pathetischen Score bzw. der im Film via Grammophon abgespielten Opernmusik perfekt unterlegt. Herzog ist ein Regisseur, dessen Filme zwar immer etwas distanziert und spröde sind, der sich aber auf das Visuelle, auf die schiere Bildgewalt versteht - und „Fitzcarraldo“ ist nicht nur in optischer Hinsicht seine beste Arbeit. Beeindruckend sind nicht nur die Szenen, in denen der tonnenschwere Dampfer den Berg hinaufgewuchtet wird, auch die übrigen Sequenzen im Regenwald, insbesondere auch die auf den Flüssen, sind absolut sehenswert geworden.
Der gewaltigen, kaum zu bändigenden Naturkulisse steht ein nicht minder beeindruckender und für die übrigen Darsteller nahezu erdrückend präsenter Klaus Kinski gegenüber, dessen Spiel wie gewohnt sehr exaltiert, aber auch ungeheuer fesselnd ist. Anders als in seinen Westernrollen oder in „Aguirre“ verkörpert der Exzentriker diesmal keinen bedrohlichen Irren, keinen psychopathischen Größenwahnsinnigen, sondern einen Träumer, einen Phantasten, der mit aller Macht eine Oper in den Urwald holen will. Die Konstruktion dieser Figur zieht sich anfangs zwar deutlich in die Länge, was auch der spröden Machart und dem behäbigen Erzähltempo geschuldet ist, wenn sich dieser Fitzcarraldo dann aber sein schwieriges Vorhaben in den Kopf gesetzt hat, gewinnt der Film zunehmend an Fahrt.
„Fitzcarraldo“ ist ungeschliffen und roh, was ihm etwas Einzigartiges verleiht, er ist damit aber auch schwer zugänglich und hat auch im weiteren Verlauf einige dramaturgische Hänger. Dennoch hat Herzogs Film, der immer eine elektrisierende, eine fesselnde Stimmung erzeugt, etwas Faszinierendes an sich. Am Ende kommt es dann zur gleichermaßen tragischen wie komischen Pointe, die Herzogs Abenteuerfilm letztlich zu einer regelrechten Ode an das Scheitern macht. Was könnte einen solchen Film besser abrunden, als die finale Szene, in der ein sonst so rastloser Fitzcarraldo für den Moment selig lächelnd auf seinem Schiff einen Fluss hinabfährt, während auf diesem eine Oper gespielt wird?
Fazit:
„Fitzcarraldo“ ist gewaltiger Abenteuerfilm, ein Mammutprojekt über ein Mammutprojekt, bei dem die Widerspenstigkeit der Natur, die Anstrengungen aller Beteiligten und der Übermut der titelgebenden Hauptfigur nicht zuletzt aufgrund der fesselnden Vorstellung von Klaus Kinski förmlich greifbar werden. Etwas spröde und ungeschliffen, anfangs schwergängig, aber auch einzigartig und faszinierend gehört „Fitzcarraldo“ definitiv zum cineastischen Pflichtprogramm auch über den deutschen Film hinaus.
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