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„Allerdings sollte man auch hier mit der nötigen Brutalität zurückschlagen.“

1975 war es dann endgültig soweit und der Ruf Dirty Harrys wurde in Italien erhört. Regisseur Marino Girolami („Zombies unter Kannibalen“) drehte mit „Gewalt rast durch die Stadt“ den ersten wirklichen einer ganzen Reihe von kompromisslosen Selbstjustizstreifen im Poliziesco-Genre und etablierte mit Maurizio Merli, der hier eine erste Hauptrolle als skrupelloser Kommissar bekleidet, einen Genre-Star.

Rom ächzt unter einer Welle von Gewalt, ausgelöst von eiskalten Gangstern, die ein Menschenleben nach dem anderen auslöschen und offensichtlich durch die Justiz kaum Repressalien zu fürchten haben. Kommissar Betti, berüchtigt für seine harte Linie, stellt sich der zunehmenden Gewalt entgegen und eckt mit seinen vom Gesetz nicht abgedeckten Methoden kräftig an, bis er schließlich suspendiert wird. Daraufhin schließt er sich einer Bürgerwehr, bestehend aus gut situierten Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft Roms, an und geht weiter auf Verbrecherjagd, bekämpft Feuer mit Feuer.

Selbstjustiz war schon häufig Thema in italienischen Polizei-, Gangster- und Mafia-Filmen, doch wurde sie meist durchaus differenziert betrachtet und richtete sich gegen einflussreiche Kräfte, denen auf normalem Wege kaum beizukommen war oder gegen einzelne, besonders skrupellose Täter, die wie wahnsinnig eine einzige Blutspur hinter sich herzogen. In „Gewalt rast durch die Stadt“ jedoch geht es nun erstmals den „kleinen Fischen“ an den Kragen, die im gesamten Film vollkommen undifferenziert keinerlei Charakterisierung außer der als schießwütige Soziopathen erfahren. Ihnen entgegen stellt sich mit Kommissar Betti ein wahrer Hooligan im Filzmantel, der nach der Prämisse „erst schießen, dann fragen“ vorgeht und sie reihenweise über den Haufen knallt. In sehr hohem Tempo wird recht zusammenhanglos Episode an Episode aneinandergereiht, die einzig das Ziel haben, neues Futter für Action-Szenen voller Verfolgungsjagden in italienischen Kleinwagen, wüsten Prügeleien und tödlichen Schusswechseln zu liefern. Wer glaubt, mit Bettis Konfrontation mit der Bürgerwehr würde der Film eine kritische Wendung erfahren, irrt: Betti stürzt sich mit Haut und Haaren ins Geschehen und hat sichtlich Freude daran, kleine Ganoven zu misshandeln und auch außerhalb von Notwehr-Situationen an Ort und Stelle hinzurichten. Dabei sieht er mit seinem blonden Scheitel und seiner Rotzbremse auch noch aus wie der geborene Unsympath und beschränkt sich mimisch auf ein absolutes Minimum. Doch anstatt die äußerst fragwürdigen Umstände einer das Gesetz selbst in die Hand nehmenden, elitären Vereinigung selbsternannter Richter und Henker kritisch zu beäugen, scheint der Film Applaus zu klatschen und bedient in seiner stumpfen, plumpen Primitivität reaktionäre Stammtischklientel, rechte Rattenfänger und faschistoide Bestrebungen nach der „starken Hand“, die „kräftig durchgreifen müsse“, glorifiziert Polizeigewalt und lässt jegliche ethische Distanz vermissen. Eine tiefergehende Analyse der Gewalteskalation auf den Straßen Roms bleibt komplett aus und wäre der Film vermutlich auch gar nicht in der Lage zu bieten gewesen. Dass sich der Streifen dabei absolut ernst nimmt und präsentiert, verhindert jegliche Möglichkeit ironischer Brechung des Gezeigten. Das nachdenkliche Ende hinsichtlich der entfachten Gewaltspirale wirkt aufgesetzt und wie ein halbherzig angeheftetes Alibi.

Es kann nur gemutmaßt werden, wie viele autoritätsgeile Gewalttäter sich berufen fühlten, in den Polizeidienst zu gehen und tatsächliche oder vermeintliche Delinquenten zu misshandeln, legitimiert durch die von Filmen wie „Gewalt rast durch die Stadt“ aufgegriffene, unreflektiert wiedergegebene und dadurch weiter angeheizte Stimmung. Autoritätsmissbrauch und Polizeigewalt sind schwerwiegende gesellschaftliche Probleme, gerade auch in Italien, auch heutzutage. Statt sich kritisch damit auseinanderzusetzen, redet Girolamis Film dem Lynchmob nach dem Mund. Technisch ist Girolami davon, was das Genre bisher zu bieten hatte, ein gutes Stück entfernt, einige gewitzte Kamerakniffe täuschen nicht über den zur „Story“ passenden schlicht gehaltenen Stil hinweg, namhafte Darsteller wie Richard Conte („Tödlicher Hass“), Ray Lovelock („Oben ohne, unten Jeans“) oder John Steiner („Tödliche Schlagzeilen“) sichern zumindest ein gewisses schauspielerisches Niveau, doch selbst die Musik der De-Angelis-Brüder fiel eher mittelmäßig aus. Girolami begrub hiermit die Intelligenz, die z. B. ein als stilbildend geltender „Das Syndikat“ vorgegeben hatte. Da ich ihm jedoch nicht vorwerfen möchte, mit diesem auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnittenen Machwerk bewusst Politik betrieben haben zu wollen, gebe ich faire 3 von 10 Schnäuzerzuckungen statt der für auf Leinwand gebannte reaktionäre Propaganda obligatorischen 1 von 10 Pünktchen.

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