Little Nikita (Kurz und schmerzlos, Teil 46)
Ach ja, das Agentenleben konnte mal so richtig gemütlich sein, da war kein grüblerischer Superspion auf Dauerselbstfindungstrip, da mussten nicht sämtliche Hochhäuser und Hochsicherheitseinrichtungen des Erdballs bezwungen und auch keine globale Verschwörung aufgedeckt werden. Anno 1988 waren Feindbild und Auftragslage noch klar umrissen, je nach Standort saß der Feind entweder in Moskau oder in Washington und wartete auf die gute alte Infiltration. Die hatte besonders gute Aussichten in der schon lange vor 9/11 bestens bekannten Schläfer-Methode. Dazu platziere man lange vor Missionsbeginn einen Agenten im Feindesland und tarne ihn als langweiligen Normalbürger. Am besten gleich mit Kind und Kegel, da schöpft garantiert keiner mehr Verdacht.
Richard und Elizabeth Grant sind ein solches Schläferpärchen und ihre wahre Identität als Sowjet-Agenten kennt nicht einmal ihr leiblicher Sohn Jeff (River Phoenix), ganz zu schweigen von seinem echten Namen "Nikita". Nur dumm, dass sich dieser an der US Air Force Academy bewirbt und vom FBI überprüft wird. Dort trifft er auf den findigen Roy Parmeter (Sidney Poitier), der die elterlichen Abgründe hinter ihrer biederen Gärtner-Fassade entdeckt und fortan alles daran setzt, die Systemfeinde auffliegen zu lassen. Jeff ist schockiert und reagiert wenig begeistert auf Roys Kollaborations-Werben. Zum Gamechanger wird dann erst der abtrünniger Soviet-Agent Scuba ,der nicht nur aktuell Jagd auf amerikanische KGB-Agenten (und damit auch Jeffs Eltern) macht, sondern auch vor 20 Jahren Roys Partner liquidiert hatte.
Das mag Bond-, Hunt- und Bourne-Affinen ein wenig zu beschaulich klingen, aber genau darin kann auch ein besonderer Reiz liegen Zumal man Sidney Poitier und River Phoenix auch beim Kaffeetrinken zusehen könnte ohne sich zu langweilen. Ein wenig schweißtreibender geht es dann doch zu und das nicht nur, weil die Agentenhatz im US-Sonnenparadies San Diego angesiedelt ist. Der KGB ist wenig erbaut von Scubas Ronin-Ambitionen und schickt seinerseits einen Ausputzer nach Kalifornien. Und Jeff alias Nikita möchte weder seine amerikanische Identität noch sein liebevolles Elternhaus verlieren. Für allerlei Komplikationen ist also gesorgt.
Leider auch für allerlei Irrungen und Wirrungen, denn irgendwie hatte man es geschafft, den obligatorischen Logiktest zu umschiffen. Derart unbehelligt röhrt daraufhin die Handlung von einem Plothole zum nächsten und die armen Figuren sollen irgendwann wohl nur noch das Reißen bestimmter Handlungsfäden verhindern. Dem Charme eines Agententhriller alter Schule ist das dann zunehmend abträglich, denn Spannung und Stringenz gehört zur Grundausstattung und ist nicht verhandelbar. Das gilt offenbar auch für den Namens-Fetisch des Agentenkinos wenn es um Tarnidentitäten geht. Aber wenigstens ist „Nikita“ vollends genderneutral und der Film zumindest da seiner Zeit voraus.