Review

Der Ort ist das Ziel.
Weder große Namen wie Colin Farrell oder Ralph Fiennes, noch die Kombination aus Gangsterkomödie und tolstoischer Tragik nehmen die erste Stelle in „Brügge sehen...und sterben?“, dem Langfilmdebut des oscarprämierten Kurzfilmregisseurs Martin McDonagh ein, sondern der Handlungsschauplatz an sich, nämlich Brügge, eine malerische, noch beinahe mittelalterlich anmutende kleine Großstadt mitten in Belgien, Flandern respektive.

Die Fokussierung auf diesen Ort verschafft McDonagh ein sicherlich bemerkenswertes Debut, eine seltsame Chimäre von Film, die versucht, verschiedenen Genres neue Seiten abzugewinnen. Farrell und Brendan Gleeson spielen zwei diametral entgegengesetze britische Killer, jung gegen alt, hetero gegen schwul, modern frustriert gegen angenehm kultiviert. Beide sind nach ihrem letzten Job von ihrem Chef Harry dorthin geschickt worden, um wahrhaftig Land zu gewinnen, denn bei dem Einsatz hat der junge Ray versehentlich ein Kind erschossen. Während er noch mit der Erinnerung hadert, muß er sich einer ganz anderen Bedrohung stellen: das für ihn totlangweilige Brügge, in dem es (fast) nichts gibt, was ihn interessiert – während der gesetzte Ken von der Stadt mehr als angetan ist. Aber während sich die Liebe regt und kleinwüchsige Darsteller um sie herum surreale Filme drehen, kommt der eigentliche Sinn der Aktion ans Licht: Ken soll Ray ausknipsen...

Nicht, daß es einen ähnlichen Plot nicht irgendwo schon mal gegeben hätte.
Zwei gegensätzliche Typen in einem Anti-Buddy-Movie am Arsch der Welt, die mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben und plötzlich dem Leben neue Seiten abgewinnen können – das ist klassischer Hollywoodstoff.
Und doch ist das Endergebnis nicht der übliche Standard – leider ist er aber auch nicht herausragend.

Das liegt in erster Linie daran, daß McDonagh bei seinem Erstling offenbar ein klein wenig zu viel will. Er will Charakterstudie, Komödie, Drama, Tragödie, Actionfilm und Reisebilderbogen. Das alles ergibt vieles, nur noch lange keinen geschlossenen Film. Und so bekriegen sich die einzelnen Elemente über fast die volle Filmlänge mit munterem Elan.

Zu Beginn braucht man vor allem eine gehörige Portion Geduld, denn offenbar hatte sich der kreative Geist so auf das Setting (also Brügge) eingeschossen, das der Plot sich baldigst dem Stillstand annähert. Das ginge okay, wenn die Charaktere schön tief ausgeschürft wären und wenn man etwas später erfährt, welches Drama sich in England abgespielt hat, dann hätte das auch Potential gehabt.
Aber leider hat da jemand dennoch zuviel „Snatch“, „Lock, Stock and two smoking barrels“ oder „Pulp Fiction“ gesehen, denn der Trip nach Belgien soll auch hip sein, witzig, cool und schräg. Komische, teilweise wortlose Interaktion wechselt sich dann ab mit harten Gegensätzen (daß Ray nicht in Brügge sein will, das Kens Sinn für Kultur nicht anerkannt wird), die sich schnell abnutzen. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann wird eben exzessiv auf die gute alte „Fucking“-Vokabel zurück gegriffen, die ungefähr 500mal im Film fällt.
Das ist nun leider gar nicht kreativ, vor allem wenn man seine Sets so schön ausleuchtet, mit dem Pfund einer herzzerreißend schönen Kulisse wuchern kann oder in Brendan Gleeson einen Darsteller hat, der bessere Rollen in noch besseren Filmen verdient hat, weil er nämlich hier als einziger ein bißchen Herz auszustrahlen hat.

Dagegen irren die anderen beiden Hauptdarsteller wie (immerhin zeitweise ganz lustige) Karikaturen durch den Streifen: Farrell müht sich mit seinem unkultivierten, aber nicht blöden Klotz ab, der ständig bewußt seicht sein muß und deswegen die Tragik des Kindsmords und seinen flotten Charakter nie überein bringt – während Ralph Fiennes die Gangsterbossversion seines Lord Voldemorts darstellen darf, nur noch ein wenig cholerischer. Eine Comicfigur, beeindruckend, mitreißend, aber wenig Seele.

Ergo läuft die Maschinerie von „In Bruges“ immer wieder leer: bisweilen zeigt McDonagh eine brilliant-humorvolle Seite, auch wenn die Brit-Gangsterfilme sich längst selbst überlebt haben. Doch dann steigt man wieder in Schuld-und-Sühne-Abgründe herab, irgendwo zwischen weinerlichem Kind und müdem Killer. Das brüskiert – und zwar noch mehr als die ganze halbgare Liebesgeschichte, die man da noch irgendwo zwischen gezwängt hat.
Als Ergebnis gibt es keinen natürlichen Fluß, einzelne Elemente für sich sind durchaus bestechend und manchmal, wenn auch nur kurz, ahnt man die Abgründigkeit, die sich hinter dem Geschehen auftun könnte, etwa wenn beide sinnierend vor Hieronymus Boschs „Das jüngste Gericht“ das Ende des Films vorab nehmen oder Gleeson sich in einer heroischen Tat aufopfert, um der Jugend eine Chance zu geben.
Doch das sind einzelne Glanzlichter in einer sonst unruhigen Nummernrevue, die nie so ganz zu sich findet und nicht selten zu selbstverliebt an den alten Fassaden der flandrischen Stadt klebt, als ginge es um den nächsten ARD-Ratgeber Reise.

Für die „Snatch“-Fraktion werden sicher genug Flüche und skurrile Situationen rund um Waffen und Gewalt drin sein, um sich zu amüsieren; Touristen werden ein mögliches neues Reiseziel finden und einige hinter der Kombination aus Tragik und Komödie die Zeitenwende für den Genrefilm erahnen, aber letztendlich bekommt man doch nur eine Patchworkdecke, die in den Staaten auf der Arthaus-Schiene mit gerade mal 7 Mio. Dollar unterging. Was auch kein Wunder ist, denn „In Bruges“ ist für echten Arthaus zu albern und oberflächlich, für eine Krimikomödie stellenweise zu traurig und für das Multiplex schlichtweg zu behäbig, um punkten zu können. Der Film wird seine Liebhaber finden, Säle füllen kann man mit ihnen aber vermutlich nicht, ebenso wie Kinosäle. (5/10)

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