Review

Ganz still und heimlich kam 2008 ein Film heraus, der rückblickend und unerwartet zu den großen Highlights gezählt werden muss. Während das amerikanische Kino zu seiner Opulenz zurückgefunden hat, mit Schwere vorgetragen und einem nicht zu verhehlenden Pessimismus, besticht ausgerechnet ein europäischer Film durch beschwingte aber bitterbös makabre Unterhaltung. Neben den in Stein gemeißelt zu scheinende Opus um einen misanthropischen Ölmagnaten in "There will be blood", einer bitter brutalen Abhandlung des amerikanisch hedonistischen Zustands in "No Country for old Men" und einem pechschwarz fatalistischem Wiederaufleben des Musicals in Tim Burton's "Sweeney Todd" mutet "In Bruges" geradezu leichtlebig an. Dabei ist auch die signifikanteste Eigenschaft von "In Bruges" eine sanfte aber dennoch den Stil bestimmende Melancholie. 

Der Film handelt von zwei Profikillern, die nach tragisch geendeten Auftrag von ihrem Arbeitgeber ins Exil nach Brügge geschickt werden. Der Killer Ray (Colin Farrell), der nach dem von ihm verschuldeten Ableben eines Kindes - und man lernt hier, dass selbst in der unmoralischen Welt der Gangster, das Töten eines Kindes nicht so einfach hingenommen wird - suizidale Gedanken hegt und sein älterer väterlicher Kollege Ken (Brendan Gleeson). Zwei in ihrem Wesen unterschiedliche Menschen. Der eine sprunghaft unbedacht und mit kindlichen Gemüt ausgestattet, der andere ernsthaft, nachdenklich und über sein Leben räsonierend. Beide in Brügge angekommen, der eine sich langweilend, der andere das reichhaltige kulturelle Programm der Stadt nutzend, warten nun auf weitere Instruktionen ihres Auftraggebers Harry (Ralph Fiennes). Während Ray die gerade eben kennengelernte Chloë (Clémence Poésy) ausführt und u.a. prompt eine Schlägerei anzettelt, erhält Ken im Hotel wartend den Anruf von Harry. Der fordert allerdings unerwartet die "Beseitigung" von Ray, da wie bereits erwähnt, das Töten eines Kindes auch in der Welt der Gangster nicht toleriert werden kann. Nach einer irrwitzigen alkohol.- und drogenreichen Nacht entschließt sich Ken, den Auftrag nicht zu erledigen und weiters hält er Ray sogar von einem Selbstmordversuch ab. Die Missachtung von Harry's Auftrag hat zur Folge, dass dieser ebenfalls nach Brügge kommt um dort für Klarheit zu sorgen was natürlich nicht ohne Waffengewalt gehen kann. 

Die von vielen kritisierte Nähe zu Tarantino's Stil ist einerseits nachvollziebar als auch recht leicht zu entkräften. Einerseits hat der Film, die durch Tarantino so populär gewordenen, "menschlich" dargestellten Gangster, die einerseits brutal und verachtenswert sind aber durch intime, Schwäche zeigende Momente zu Identifikationsfiguren und weiter zu Sympathieträgern werden. Doch Regisseur McDonagh kontakariert diesen so beliebten wie mittlerweile auch sehr überstrapazierten Stil mit einer ruhigen ja fast behäbigen Inszenierung und verzichtet auf effektvoll eingesetzte Montagen oder anderwärtige visuelle Spirenzchen. So haben wir diese durch und durch postmodern tarantino'esken Figuren in einem nahezu lethargisch, melancholisch europäischen Stil über den sich der Film aber gleichzeitig liebevoll lustig zu machen scheint. Neben der eigentliche Handlung laufen in Brügge wie zufällig Dreharbeiten zu einem surreal anmutenden Film. Wie wir erfahren, eine Hommage oder doch eher kleine Verbeugung zu Nicolas Roeg's "Don't look now" (zu dem "In Bruges" ja auch einige handlungsimmanente Parallelen aufweist). Diese Dreharbeiten überschneiden sich immer leicht mit der eigentlichen Handlung bis sie schließlich beim Finale im Mittelpunkt stehen und in einem fatalistischen Ende kulminieren. 

"In Bruges" bleibt in erster Linie eine schwarzhumorige Gangstergroteske und lebt von den wunderbaren Charakteren und eben seiner sich wohltuend von der temporeichen und skurrilen Handlung abhebenden elegisch melancholischen Inszenierung. Durch die Tage die in Brügge zugebracht werden, begegnen unsere zwei Helden einigen Gestallten, die sich in Sachen Skurrilität durchaus mit ihnen messen können. Unter anderem, der ständig unter Drogen stehende und rassistische Theorien von sich gebender Zwerg, ein höchst unfreundlicher Kartenverkäufer - der seine Lektion noch bekommen soll - und natürlich der brandgefährliche aber durch manch absurde Situationen und seinem cholerischen Wesen sich nicht selten lächerlich machenden Gangsterboss Harry. Sie alle verleihen dem Film einen wunderbaren Charme der durch die schwermütig traurige Ausstattung und die wieder mal großartige Musik von Carter Burwell perfekt ergänzt wird. Neben den zwei Hauptfiguren ist eine indirekt dritte Figur die Stadt Brügge selbst. Die Stadt verströmt mit süßlicher Melancholie einerseits das Gefühlsleben des Selbstmordgefährdeten Ray als auch das des zweifelnden und lakonischen Ken. Brügge ist, so wie es Harry nicht leid wird zu betonen, einfach märchenhaft und versprüht einen unverwechselbaren Charme, der letztlich dem Film sehr zu Gute kommt.

Alles in allem ist "In Bruges" ein wunderbarer Film, der von dem unaufdringlichen, natürlichen und harmonischen Spiel des Gespanns Farrell/Gleeson extrem profitiert und sich durch seine recht ungewöhnliche Inszenierung angenehm abhebt von angestrengten Tarantino-Klonen wie seinerzeit "Snatch". Die Dialoge , obgleich sie von Tarantino beeinflusst sind, finden eine wunderbar stringente Balance aus absurder Komik und tiefer aber authentischer Betrübtheit und funktionieren dahingehend angenehm Eigenständig. Nie wirken sie oder auch die Figuren aufgesetzt oder um ihrer Selbstwillen eingesetzt. Tatsächlich wirken sie, trotz des ganzen zwangsläufigen Zynismus der sich aus dem dargestellten Milieu ergibt, zutiefst menschlich und warmherzig. All das und die Verwebung mit dem immer surrealer werdenden Geschehen, das sich letztlich als wunderschöne und intelligente "Don't look now" Hommage offenbart, ergibt einen der wahrscheinlich kauzigsten und liebenswertesten Beiträge des europäischen Kinos seit langem. 

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