In der malerischen Altstadt des belgischen Brügge quartieren sich die beiden irischen Hitmen Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) in einem unauffälligen, kleinen Hotel ein, wo sie auf weitere Anweisungen ihres Chefs Harry Walters (Ralph Fiennes) warten. Um die Zeit bis zu dessen Anruf zu überbrücken, besuchen sie die vielen mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten vor Ort, von denen der ältere Ken sehr angetan ist, während der jüngere Ray sich überhaupt nicht dafür interessiert sondern stattdessen mit der Einheimischen Chloë (Clémence Poésy) anbandelt. Als Harry Walters dann telefonisch einen neuen Auftrag durchgibt, geraten die Dinge außer Kontrolle...
Brügge sehen… und sterben? ist eine feine Charakterstudie dreier vollkommen unterschiedlicher Männer, die jeder für sich gewisse Prinzipien haben und auch leben - Prinzipien, welche die Story vorantreiben und logisch begründen. Der ruhige, ältere Ken, durch und durch katholisch, der bigotte Chef Harry mit seiner übertriebenen Kinderfürsorge und der eher nonkonformistische junge Ray, der sich an den Prinzipien der anderen beiden fast die Zähne ausbeißt und seinen Weg noch sucht. Daneben führt Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh einige andere, teils skurrile, teils alltägliche Figuren ein (u.a. eine Drogendealerin, einen Kleinwüchsigen, eine Hotelbesitzerin, einen eifersüchtigen Ex-Freund, einen sturen Turmwärter etc.) die vor den prächtigen Kulissen der Brügger Altstadt ein bunt schillerndes Hintergrund-Ensemble darstellen, innerhalb dessen sich die drei Hauptdarsteller zurechtfinden müssen.
Was mit Kirchen- und Museenbesuchen eher weniger spannend beginnt, entwickelt sich ab Harry Walters´ Anruf inklusive Plottwist zu einer interessanten Rochade der drei Persönlichkeiten, wobei die Position des altersbedingt impulsiven Ray für die meiste Unruhe sorgt. Die wenigen und durchaus derben Actionszenen wirken fast schon wie Fremdkörper in diesem feingesponnenen, an ein Schachspiel erinnernden Beziehungsgeflecht. Einige humoristische Untertöne wie beispielweise die öfters geäußerte Ansicht, Brügge sei ein langweiliges Kaff oder auch Rays Ablehnung von Amerikanern generell, was ihn nebenbei auch irrtümlich ein kanadisches Touristenpaar vermöbeln läßt, sorgen für eine gewisse Auflockerung. Diese Running Gags, die sich durch den ganzen Film ziehen ("Ja, ich bin Amerikaner - aber machen sie mir das nicht zum Vorwurf") werden schließlich nur noch durch die ins Groteske übersteigerte Prinzipientreue übertroffen, die beliebige Auftragsmorde als alltägliches Business darstellt, ein versehentlich erschossenes Kind jedoch als todwürdiges Verbrechen hochstilisiert, welches einen anderen Tabubruch (Suizid) rechtfertigt.
Sämtliche Nebenrollen bis hin zu den nur kurz auftretenden Prostituierten sind gut besetzt und mit Bedacht ausgewählt und konstruiert (man denke z.B. an den stoischen belgischen Turmwärter, der sich nicht bestechen lassen will und dem völlig konsternierten Harry Walters an dessen Stirn tippt), lediglich Clémence Poésy als Chloë wirkt auf mich etwas zu wenig eigenständig. Bezüglich der Hauptrollen bringen sowohl Gleeson als auch Farrell ihre Profikiller-Rollen jeder für sich genommen überzeugend rüber, am meisten beeindruckt jedoch wieder jener mit der kürzesten Screentime aller drei, nämlich Ralph Fiennes (Schindlers Liste, Der englische Patient), der hier unter drei Bösewichten den Ober-Bösewicht gibt, mit seinem einerseits distanziert-kühlen, andererseits kapriziösen und dennoch extrem fokussierten Auftreten: Wie er auf einen einzigen flapsigen Satz von Ken reagiert, wie er später mit der Hotelbesitzerin verhandelt und sich danach seelenruhig durch die nächtliche belgische Altstadt ballert - eine phantastische Performance des Briten. Sein Manierismus gehört zu jenen Momenten, die einem im Gedächtnis bleiben und Brügge sehen… und sterben? zu einem Film machen, den man sich auch gerne ein zweites Mal ansieht - 8,49 Punkte.