Utopia, du hast es besser, für dich gibt es keine Grenzen.
Leider gilt das nicht für den menschlichen Verstand und seine offensichtliche Einfallslosigkeit.
Wenn man sich das Fanecho so betrachtet, dann muß man unwillkürlich zu dem Schluß kommen, daß mit "Equilibrium" ein verschmähtes Meisterwerk der Filmgeschichte in den USA an der Kinokasse durchgefallen und bei uns nicht mal an den Start gegangen ist. Blickt man auf den Film, dann wird schon klarer, was da geschehen ist.
Zunächst ist "Equilibrium" ein Vertreter der Gattung "Utopia eines totalitären Systems". Für alle, die bei Filmgeschichte halbwegs wach waren, ist klar, daß die 60er und 70er Jahre dafür die Blütezeit waren, als man Politikern endgültig nicht mehr vertraute, als Umweltverschmutzung und Überbevölkerung plötzlich zu ernsten Problemen wurden und Filmemacher Visionen in dieser Richtung mehr oder weniger gelungen umsetzten.
Immerhin hatten sie Visionen, von Kurt Wimmer, dem Regisseur dieses Films kann ich das nicht behaupten.
Denn "Equilibrium" ist nichts anderes als das, über was Fans so gern hinwegsehen, wenn sie sich mal wieder so richtig verstanden fühlen wollen: ein dreister Klau.
Das Drehbuch und der gesamte Look des Films sieht so aus, als seien die Autoren mit großen Einkaufswagen durch die SF-Geschichte gestiefelt und hätten alles eingeräumt, was halbwegs kontrovers oder visuell ansehnlich gewesen wäre. Nur: Originialität und Aktualität, die fehlen.
Denn düstere Utopias benötigen einen direkten Bezug zu unserer aktuellen Gegenwart, die die Klassiker hatten, hier allerdings ist die Prämisse nicht nur beliebig (Gefühlsunterdrückung als Mittel gegen Aggressionen und damit gegen Krieg), sondern auch noch voller Löcher. Und wer lieber nicht im Seichten fischt, merkt gleich, daß sich hier ein billiger B-Film eine politische Attitüde ummäntelt hat, um gut auszusehen. Und prompt laufen alle auf ihren Knien.
Dreister allerdings kann man schon nicht mehr klauen als Wimmer und Konsorten es getan haben und darüber hinaus sieht alles noch verdammt billig aus, wo gerade Eindruck gemacht werden müßte.
Die erste Stunde des Films vergeht ohne eine Szene, die nicht einen direkte Parallele zu einem Klassiker aufweist. Das Volk unter Drogeneinfluß zur Gefühlsunterdrückung, das ist aus George Lucas "THX 1138", der allgegenwärtig sabbelnde Vater auf allen Bildschirmen ist aus "1984", die Klerikerkaste als Aufpasser und die Hauptfigur, die beauftragt wird, in den Untergrund zu gehen ist aus "Logan's Run/Flucht ins 23.Jahrhundert", die Kultur- und Kunstverbrennung ist aus "Fahrenheit 451", ebenso wie die Bedrohung des Anschwärzens durch Familienmitglieder und der Läuterungsprozeß. Und über die rasend kreative Idee, eine neue Kampfform einzuführen, die den Film sich an "Matrix" hängen läßt, ist da noch nicht mal dabei.
Das ist nicht nur einfallslos und flach, es ist auch extrem ärgerlich, wenn man intelligent genug ist, im Film beschlagen und halbwegs anspruchsvoll.
Das wäre dann auch noch zu ertragen, wenn der Film nicht ständig Riesenlöcher aufweisen würde. Da sollen nun sämtliche Emotionen ständig unterdrückt werden, aber anscheinend hält sich die Hälfte der Bevölkerung nicht daran. Da machen diverse Hundertschaften beständig auf einem großen Platz (Berlin ist genau der richtige Drehort für die riefenstahlesken Hintergrundbauten) Entspannungsgymnastik, anstatt zu arbeiten. Da brechen selbige in höchsten Beifall aus, obwohl sie die Rede emotionslos hinnehmen müßten. Da tarnt sich der Sohnemann samt Töchterlein sein Jahren hundertpro vor dem linientreuen Daddy, obwohl der ja sowas im Voraus spüren kann. Da sind Spiegel (sogar die Reflektionen in Fensterscheiben) verboten, Bale steht im Badezimmer aber ständig vor einem. Da gehen die Polizeistreifen in der Welpenszene höchst agressiv vor, obwohl sie kühl und emotionslos handeln müßten. Da denkt Taye Diggs als fieser Partner während des ganzen Films nur an seine Karriere, obwohl Ehrgeiz auch zu unterdrückendes Gefühl ist. Da ist der Untergrund ein heller Basar, der offenbar genau und der Straßenpflaster der Oberwelt stattfindet (eine originellere Variante findet man in, man höre und staune, "Demolition Man") und niemand merkt es, obwohl die Technik des Ausspionierens perfektioniert wurde. Da wird in der Asservatenkammer ein Eingang immer noch handschriftlich in ein Buch gemacht, obwohl sonst überall Computer stehen (wie soll man da etwas schnell wiederfinden?). Da tarnt sich Sean Bean überhaupt nicht sorgfältig, obwohl Erschießen einem fühlenden Menschen nicht gerade angenehm sein müßte. Da werden "Gefühlsverbrecher" sofort hingerichtet oder verbrannt, aber die für Christian Bales Läuterung wichtige Emily Watson wird noch fünf Tage festgehalten. Und als sie dann verbrannt wird, geschieht das in einer Art Zeremonie, bei deren Tempo die ihre Verbrennungsquoten nie schaffen würden. Und warum trägt sie ein rotes Kostüm wie ein Ehrenopfer, obwohl sie nur schnell-schnell hingerichtet werden soll?
Fragen über Fragen.
Auch wirkt die ganze Gesellschaft arg schwach durchdacht. Nie wird geklärt, in welchem Land wir uns befinden sollen und ob diese Stadt die Restenklave der gesamten Menschheit darstellt. Ist es anderswo ebenso? Wo ist der Rat, der den "Vater" (nicht "Big Brother", nein, besser!!!) eingesetzt hat, als es zur Abrechnung kommt.? Warum gibt es für einen totalitären Führer nur eine knappe Hundertschaft (ich setze damit hoch an) Wachen und keine besseren Schutzmaßnahmen? Wie wird in einer zerstörten Welt diese ungeheure Menge Emotionsblockierer hergestellt? Wie hat der Untergrund erfahren, daß er genau am Filmende als wütender Mob losschlagen darf?
Wimmers Vision von morgen hat mehr Löcher als ein Fischernetz und leider ist der Look des Films zwar halbwegs passend zur "Botschaft", da es sich um eine farblose Betonwüste handelt, doch die unterschwellige Billigkeit der Kulissen läßt nie echte Atmosphäre aufkommen. Einfallslos werden da einseitige Feuergefechte runtergespult (es kommt nicht ein Polizist ums Leben und am Ende beim Aufstand kein Untergrundkämpfer) und alles jubelt und lacht ob der Riesenidee mit der Gun Kata.
Ja, ihr von "Matrix Reloaded"-Enttäuschten, das ist doch Wasser auf eure Mühlen, denn es ist endlich mal wieder was Neues, nur relativ schlecht durchdacht. Sieht todschick aus, gebe ich zu, nur das im Text angekündigte Ausweichen der Kleriker im Kugelhagel fällt doch arg sparsam aus oder alle übrigen schießen supermies.
Kommen wir also zur Botschaft: ja, wir wollen alle frei entscheiden, was wir tun (deshalb Equilibrium, bitte den Begriff notfalls nachschlagen) und unsere Gefühle wollen wir auch. Leider hat das kaum Bezug zur heutigen Situation auf der Welt, wo es in Ländern der ersten Welt wohl hauptsächlich um Existenzsicherung oder um den reinen Spaßfaktor geht. "Equilibrium" jedoch u.U. als Reflexion auf die permanent herrschende Kriegsangst zu sehen, wäre hochgradig albern und findet keine Entsprechung im Film.
Dafür kocht selbiger im Plot aber fleißig Filmklischees auf, wenn Bale auf einem Plattenspieler natürlich zuerst klassische Musik entdeckt (hochemotional), den guten alten Ludwig Van...nein, das war jetzt keine Anleihe bei "Uhrwerk Orange! Und er verdrückt sich alsbald ein paar Tränchen, weil es ihn übermannt. Kurz darauf killt er zehn Leute wegen eines Welpen, der dann komplett aus der Handlung verschwindet (vermutlich haben Ratten ihn gefressen). Wie süüüüß! Und die Lebendigkeit von Emily Watson macht auch dick Eindruck auf ihn, während alle seine Mitarbeiter komplett blind sein müssen, weil er sich so erbärmlich tarnt.
Aber: wenn auf eins Verlaß ist, dann auf Männer mit Wut, dicken Wummen und einer ausgefeilten Kampftechnik, der man die mögliche Geliebte gegrillt hat. Jupp, der monströse Einzelkämpfer ohne Gnade für ein gnadenloses System rückt die Verhältnisse im Alleingang wieder gerade, weil ja die hochgesicherte Regierung so schön schnell und kugelreich auszuschalten ist. WIE REALISTISCH!
Nein Leute, "Equilibrium" ist keine Offenbarung für den SF-Fan, der sich erstmal gepflegt rückwärts orientieren sollte, was Geschichte angeht. Es ist nichts anderes als technisch brauchbar gemachte Videothekenware, die den armen Seelen, denen zwei Jahrzehnte Popcornblockbuster und C-Standard-Videotheken-Schund jeglichen Geschmackssinn geraubt haben, plötzlich wie ein engagierter, wichtiger Film vorkommt.
Kurt Wimmer hat hier einen so einfallslosen wie dreisten Klau hingelegt, daß ihm die Plagiatsklage schon so gut wie sicher ist. Nur ist das an sich kein Verbrechen - ihn für diese erbärmliche Durchschnittlichkeit auch noch zu feiern, ist allerdings eins. (3/10)