Irren und Wirren des Krieges
Das Buch „Catch-22“ galt wegen seines seltsamen Humors, seines Genies und seiner Sprunghaftigkeit lange als unverfilmbar. Doch dann kam Mike Nichols Ende der 60er um den Gegenbeweis anzutreten. Angestachelt durch sein Meisterwerk „The Graduate“, mit Selbstvertrauen aufgeladen und eh mit einem enormen Talent gesegnet, war er durchaus der richtige Mann für diese Mammutaufgabe, für einen der komplexesten, verrücktesten und passendsten Kriegsfilme überhaupt. „Catch-22“ erzählt vignettenhaft, sprunghaft, rückblendend von einigen amerikanischen Soldaten und ihrer Einheit auf einer sonnigen Mittelmeerinsel, ihrem Kampf gegen die Nazis in Norditalien und dem internen, seelischen Kampf heimzukehren und für verrückt erklärt zu werden…
Eines der kreativeren Schlachtfelder der Filmgeschichte
Noch voll in der rebellischen Phase und dem New Hollywood verschrieben, ist „Catch-22“ ein echter Fang. Intelligent und fast schon aufreizend anders. Und mit fast keinem Kriegsfilm zu vergleichen, weder ernsten noch lustigen. Irgendwo zwischen den Stühlen, kein „M*A*S*H“, kein „Dr. Strangelove“, kein „The Thin Red Line“. Sein ganz eigenes Ding. Freizügig. Famos. Zerstörerisch. Widersprüchlich und doch rund. Starbesetzt von Orson Welles bis Anthony Perkins. Amerikakritisch. Kriegskritisch. Antifaschistisch. Radikal und resolut. Dialoge, geschliffen und in Mündungsfeuer gehärtet. Diabolisch augenzwinkernd. Mit schwarzem, blutigem Humor. Mit Absurditäten und Wahrheiten, die nicht jeder gerne hören wird. Erst recht die Amis nicht. Heute vielleicht etwas eher. Aber damals völlig verpönt und verhöhnt. Mit ein paar der feinsten italienischen (Meeres- wie Menschen-)Busen und Bauten. Ahnungslosigkeit trifft Lebensmüdigkeit. Bürokratie trifft Logik. Tod trifft Tragik. Heimweh trifft Höllenhitze. Paradiesische Strände und kein absehbares Ende. Satire und Schönheit. Kein Ausweg aus dem Wahnsinn. Kein Entkommen aus einer Situation, die eigentlich gar nicht sein sollte. Zumindest nach Empathie und normalem Menschenverstand. Der hier aber aussetzt. „Catch-22“ entzieht sich Mustern, Klischees, Schubladen und Gewohnheiten. Ganz sicher kein gemütlicher Film, der bei jedem funktionieren wird. Was ihn aber noch sympathischer und stärker, eindringlicher und bleibender macht. Vielleicht nicht ganz auf dem Niveau, wo sich das Buch, eine der besten und cleversten Novellen aller Zeiten, befindet. Aber dennoch ein Kriegsfilm wie kein anderer. Gedankenanregend. Herrlich. Böse. Anspruchsvoll. Genial. Wahnsinnig.
Fazit: episodisch, sprunghaft, nicht immer logisch oder greifbar, total menschlich, explosiv und mit dem gewissen Extra - bescheuert wie Krieg selbst. „Catch-22“ tut das filmisch Beste, was man aus diesem unfassbaren Buch machen kann. Irre, Irrwege, Irrsinn. Warum zum Teufel führen wir Kriege? Sind wir eigentlich noch zu retten? Sind wir alle schon verrückt? Oder lassen wir uns nur von Verrückten lenken?