Review

Im Gefolge von "Speed" durfte Jan de Bont plötzlich alles und das resultierte schließlich in "Twister", einem kompletten No-Brainer-Popcorn-Dauerfeuerwerk, daß durch Bombeneffekte und ständig in Hetze befindliche Charaktere besticht.

Dabei rettet eine durch und durch sympathische Besetzung den papierflachen Plot vor der totalen Durchlöcherung und der flotte, unproblematische Ton den Zuschauer vor dem Hirntod durch zuviel Klischees.

Tatsächlich gibt die Story von den Tornadojägern, die ein Meßgerät in das Innere eines "Twisters" plazieren müssen, nur Stoff für reichlich Action- und F/X-Szenen damals neuester Prägung. Angereichert mit einem skurilen Supportcast und einer banalen Getrenntes-Paar-findet-über-dieses-Projekt-wieder-zusammen-Binde-Story, wirbelt Twister dann auch mit reichlich Umdrehungen durch seine Filmminuten.

De Bont tut gut daran, das Gewicht des Films auf die Tornadojagd zu legen und den Subplot um die "neue" Frau Bill Paxtons so klein wie nötig zu halten, denn so vermeidet er jegliche Längen, die sich aus diesem menschlichen Klischee-Drama hätten entwickeln können. Der Subplot dient mehr als Aufhänger, um die Geschichte in Gang zu bringen und wird dann nach gut zwei Dritteln klinisch sauber und ohne Trändrückerei zu Ende gebracht, um Platz für das Bombast-Ende zu lassen.

So sehr kann er sich auf seine F/X-Hauptdarsteller verlassen, daß auch die Rivalität zwischen den Tornadojägergruppen auf ein Minimum heruntergeschraubt wird, sehr zu Lasten eines publicity-geilen Cary Elwes, der schlußendlich als Opfer herhalten muß, um die Gefährlichkeit der Tornados überhaupt mal am lebenden Objekt zu demonstrieren.
Denn effektiv stirbt eigentlich niemand sichtbar auf der Leinwand am Brausewind. Sowohl Protagonisten und Supportcrew sind so sympathisch gezeichnet, daß man ihnen kein Leid antun will, Tantchen mag man auch nicht opfern und bei der Zerstörung eines Autokinos sind ebenfalls keine (sichtbaren) Opfer zu beklagen. Keine Leichen, keine Probleme mit dem Rating.

Stattdessen bleibt der Film in ständiger Bewegung, um seine Inhaltslosigkeit gut zu übertünchen. Ohne den generellen Schauplatz auch nur einmal zu wechseln (der ganze Film spielt von der ersten bis zur letzten Szene in der Tornadoregion im Süden der USA, schön ländlich in alle Richtungen), bleibt der Zuschauer an die Jägergruppe gebunden, folgt ihr mit den Autos überall hin und sieht sich als unbeteiligter Teilnehmer wie die unglückliche Jamie Gertz, die nur einen Ausflug wegen der Scheidungspapiere machen wollte.
Die Tourenzahl ist hoch und das Ziel der Jäger ist immer nur noch mehr Chaos, stets hinein ins Unwetter, ins Zentrum der größten Gefahr.
So hangelt sich der Film, abgesehen von der Pre-Title-Sequenz, an vier Tornado-Sequenzen entlang, die ebenso vorhersehbar, wie atemberaubend inszeniert sind. Da wirbeln ordentlich Schauwerte durch die Luft, Kühe, Boote, Tanklastwagen und landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge und das selbstgebastelte Meßgerät funktioniert natürlich erst beim allerletzten Versuch, als alles auf eine Karte gesetzt wird. Als Sahnehäubchen gönnt sich de Bont noch einen Blick in das Zentrum eines besonders großen Wirbels und macht den dicken Schlußwind, wobei Logik und Wahrscheinlichkeit bereits auf und davon sind.

Gerade die Vorhersehbarkeit des Geschehens macht den Film jedoch so problemlos zu konsumieren. Paxton und Hunt sind unverbrauchte, muntere Gesichter, die den Film tatsächlich tragen können und kitzeln so Emotionen aus einem kühl berechneten Film. "Twister" strahlt Sympathie aus und das muß er auch, denn im Grunde ist er dumm wie Torf.
Wer sich nach Ansicht also in seiner Intelligenz beleidigt fühlt, kann dies ebenso mit Fug und Recht behaupten.

Tricktechnisch ist das wunderbar gemeistert, wenn auch fünf Jahre später einiges mehr als damals als Trick erkennbar wird. Wesentlich beeindruckender jedoch die Stimmung, die vor Eintreffen der Tornados erweckt wird, eine bedrohliche Stille, die Ruhe vor dem Sturm, aufgenommen in bisweilen geheimnisvollen Farben, zwischen schwarzen Sturmwolken, verfärbtem Horizont, aufkommender Dunkelheit und sich auftürmenden Schlechtwetterfronten. Teils echt, teils getrickst machen diese Stimmungen den Charme des Filmes deutlich.

Heute ist "Twister", damals ein dicker Blockbuster, nicht mehr als ein poppig-stimmungsvoller Nachmittagsfilm mit reichlich Thermik, bei dem genußvoll essen und lesen kann, ohne je den Faden zu verlieren. Und diese Kompatibilität muß man erstmal erreichen.

Ordentlich Wind um wenig, aber immer noch besser als vollkommene Windstille. (7/10)

Details