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Man sollte meinen, dass Regisseur Enzo G. Castellari allenfalls eine Teilschuld am Endprodukt zugetragen werden kann, war sein ursprünglich geplantes Sindbad-Filmprojekt doch aus Mangel an Moneten jäh gestoppt worden, nachdem gerade etwas mehr als die Hälfte aller Szenen im Kasten war. So war es schließlich an Drehbuchautor Luigi Cozzi (hier einmal mehr unter seinem Pseudonym Lewis Coates), das vorhandene Material inklusive eines Nachdrehs irgendwie zu einem verkaufsfähigen Produkt zu verwursten. Ein Produkt, das man kaum glauben kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat.

Der Film beginnt mit einer Kurzbiografie von Edgar Allen Poe, der sich im Grabe umdrehen dürfte, sollte er eines Tages tatsächlich erfahren, welch groteske Ausmaße sein literarisches Lebenswerk bisweilen zur Folge hatte. Es folgt ein kurzer Vorspann mit einem Synthie-Score, der so typisch für eine 80er-Jahre-Billigproduktion ist, dass es bei jedem geneigten Genrefan sofort Nostalgiegefühle auslöst.

Gleich die erste gespielte Szene zeugt von der Handschrift Luigi Cozzis: Statt einem Direkteinstieg in die Sindbad-Mythologie (ursprünglich war ein längerer Prolog geplant) bekommen wir eine Rahmenhandlung in einem eher notdürftig als Kinderzimmer dekorierten Studio zu sehen. Die eigentliche Geschichte wird nun von der Mutter eines kleinen Mädchens vorgelesen. Dass diese narrative Form dramaturgisch gesehen eher ungeschickt ist, dürfte jedem klar sein. Sie beinhaltet für den Macher aber einen entscheidenden Vorteil: Szenen oder ganze Handlungsstränge, die in gespielter Form nicht vorhanden sind, werden einfach aus dem Off vorgetragen, sodass deren Fehlen auf den ersten Blick kaum ins Gewicht fällt. Doch spätestens beim zweiten Hinsehen offenbart sich dadurch umso der Patchworkcharakter des Streifens. Beispiel gefällig? Was tun, wenn man nur eine Kampfszene gegen ein Steinmonster in einer Höhle zur Verfügung hat, aber mit dem Rest des Materials keinerlei Handlungsbezug dazu aufbauen kann? Das Rezept: Besagte Off-Erzählung, aufgepeppt mit etwas Archivmaterial aus dem eigenen Zelluloidfundus - in diesem Fall eine Schwimmszene und eine Einstellung der „Totenkopfinsel“ aus dem nicht minder zusammenhanglosen Cozzi-Vehikel „Herkules“.

Womit wir auch schon bei dem Aspekt des Films wären, der ihn endgültig zu einer Trashkanonade für die Ewigkeit macht: Die Darsteller. Zu aller erst sei hier natürlich das Italopendant zu Arnie, Lou Ferrigno, genannt, der mit seinen nicht vorhandenen Schauspielerqualitäten einmal mehr eine sich nah am Rande der Lächerlichkeit bewegende Performance abgibt. Verteufeln kann man ihn dafür freilich nicht. Seine Mimik, die bei genauer Betrachtung aus „dumm aus der Wäsche gucken“ und „grimmig aus der Wäsche gucken“ besteht, ist sehr überschaubar, doch sympathisch ist einem grobschlächtige, aber stets unbeholfen wirkende Muskelprotz jederzeit. Als Sindbad muss er seine Abenteuer selbstverständlich nicht ohne die passenden Gefährten bestehen. Heraus kam dabei eine Mannschaft, deren Zusammensetzung am ehesten mit einer Mischung aus Comic-Convention und Muppetshow zu beschreiben ist: Ein Klischee-Chinese namens Kantu, der glatzköpfige Koch, der „Wikinger“ und der Zwerg Poochie. Ergänzt wird diese Truppe durch den Prinzen Ali, der aussieht wie ein Mitglied einer Boygroup und damit in diese illustre Runde ungefähr so gut hineinpasst wie ein Mofafahrer auf ein Harley-Treffen. Immerhin beschränkt sich dessen Rolle auf Rumturteln mit „seiner“ Prinzessin Alina (zu ihr gleich mehr) und homoerotisch angehauchten Freundschaftsbekundungen (Sindbad...mein Freund). Alles in allem gibt dieses dreckige halbe Dutzend definitiv die kultigste Bootsbesatzung seit dem „Yellow Submarine“ ab.

Und was für John, Paul, George und Ringo die „Blaumiesen“ waren, das ist für Sindbad und Co. der Großwesir des Kalifen: Jaffar, alias John Steiner. Dieser gibt hier eine Vorstellung ab, die man selbst in der Stummfilmzeit als zu theatralisch abgewunken hätte, die aber hier einen Bösewicht formt, wie er nicht besser ins Bild passen könnte: Kreischanfälle, sinnloses Herumgezappel und ständiges großmäuliges Gefasel vom eigenen Triumph (Iiiiiiiich gewinneeeeeeeeeeeee) bilden die Eckpfeiler für eine Performance, die noch für viele Generationen von Schauspielern ein perfektes Lehrbeispiel für Overacting abgeben dürfte.

Dieser überdrehte Bösewicht wagt es also nun, die belebte Hafenstadt Basra in einen großen Friedhof und seinen gutmütigen Kalifen in einen willenlosen Sklaven zu verwandeln. Bereits erwähnte Prinzessin Alina soll im Übrigen die Frau des Großwesirs werden. Da die sich aber berechtigterweise weigert, wird sie in eine Maschine gesteckt, die ihren Willen brechen soll (behauptet die Stimme aus den Off). Bei dieser Maschine handelt es eigentlich nur um ein paar bunte Röhren aus einer ausrangierten Weihnachtsaumbeleuchtung, aber wir wollen das mal so hinnehmen. Die vier magischen Steine der Stadt verbannt Jaffar zudem, wie es sich für einen bösen Zauberer gehört, an Orte, die kein Sterblicher je lebend verlassen würde. Orte mit so vielsagenden Namen wie „Totenkopfinsel“, „Insel der Amazonen“ und „Geisterinsel“ (gut, dass man alle diese Orte problemlos mit dem Schiff erreichen kann). Und nachdem sowohl ein Versuch der Gefangennahme wie auch ein Angriff durch ein paar halbverfaulte Untote unsere tapferen Helden nicht stoppen kann, geht es nun darum, die Steine an ihren ursprünglichen Ort zu verfrachten. Dieses Vorhaben wird garniert mit putzigen Monstereffekten, Grusel-Make-up aus dem Spielzeugladen, ausrangierten Kulissen und zwei weiteren Gefährten. Als da wären: Eine Frau namens Kyra (der gute Sindbad muss ja auch was abbekommen) und ihr Vater, ein unverständliches Kauderwelsch brabbelnder Zauberer, dessen Darsteller offensichtlich die gleiche Schauspielschule besuchte wie John Steiner. Und so erobert die Crew die Steine nach und nach zurück, bis diese schließlich alle wieder an ihrem Platz sind, Jaffar im Kerker schmort und die Bevölkerung von Basra wieder putzmunter und glücklich sein darf. So wie es sich eben für ein Märchen gehört.

Was soll man zu diesem Highlight der italienischen Filmschmiedekunst noch abschließend sagen? Versuchen wir es mal so: Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die an diesem Werk garantiert ihre Freude haben werden: Kinder unter 8 Jahren und natürlich Filmfreunde, die sich auch nur ansatzweise für Trash wie diesen begeistern können. „Sinbad – Herr der sieben Meere“ ist filmgewordene Schadenfreude in Reinstform, für die man Filmemachern wie Luigi Cozzi manchmal direkt dankbar sein möchte. Wir wären ohne sie jedenfalls um einige Erfahrungen und jede Menge Lachfalten ärmer. Darauf eine Flasche Lambrusco!

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