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Würde sich ein kleines Mädchen, dem die Mutter eine Gutenachtgeschichte vorliest, den Seefahrer Sinbad in Gestalt von Lou Ferrigno vorstellen? Oder ist es womöglich etwa die Fantasie der Mutter, die sich da auf der Leinwand manifestiert? Da steht er in der Blüte seines Daseins: Muskelbepackt, glänzend, sehnig, fleischig und ultimativ formvollendet, gekrönt mit der gewellten Lockenpracht eines David Hasselhoff, dem man ein Jahr lang Hausverbot beim Friseur erteilt hat. Begleitet von Freunden, die auf ihre Art ebenso formvollendet erscheinen, wenn sie ihre maßgeschneiderten Silhouetten werfen und so als Repräsentanten ihrer gesamten Rasse auftreten. Begrüßen wir also den Zwerg, der immer einen frechen Spruch auf den Lippen hat. Machen wir Bekanntschaft mit dem Wikinger, dessen Zottelbart mehr Charisma hat als er selbst. Lachen wir über den glatzköpfigen Koch, der Witze über sein eigenes Gekochtes in einer Art reißt, als sei er dem Geiste Goscinnys und Uderzos entstiegen. Verbeugen wir uns vor dem Asiaten, vorgestellt als Chinese, gespielt von einem gebürtigen Japaner, auf der Tonspur dabei stets begleitet von einem Motiv, das wohl aus der reinen Essenz asiatischer Klischees geschöpft wurde, wie sie schon in den Kindergärten dieser Welt gelehrt wird. Treten muss er, tanzen soll er, schnaufen und das Gesicht verziehen wie Bruce Lee.

Die Weltmeere bereist die Crew unter einem Segel, das es locker mit der Regenbogenfahne für Toleranz und Heterogenität aufnehmen kann. Es wird quasi zum Logo, zum Wiedererkennungsmerkmal dieses Films. Kulturelle Vielfalt wird da in knalligen Farben zelebriert, die von Kulissen und Kostümen unentwegt reflektiert werden. Was da zwischen orientalischem Kitsch und Geisterbahneffekten auf die Schienen gelegt wird, entspringt ganz offensichtlich einer kindlichen Vorstellungskraft. Es wird ein höchst naives Verständnis dafür unter Beweis gestellt, was Vielfalt eigentlich bedeutet. Sie definiert sich nämlich einzig über das Verlangen nach Buntem und Abwechslung. Das Skript wird permanent angetrieben von Wendungen wie „und dann“, „aber nun“, „doch plötzlich“, sie verketten sich zu einer schillernden Reihe von monströsen Problemstellungen und einfachen Lösungen.

„Sinbad – Herr der sieben Meere“, soviel steht fest, ist die Metapher eines Abenteuers anstatt des Abenteuers selbst. Schon der narrative Rahmen, der die Handlung zur Einschlafhilfe erklärt, macht deutlich, dass sich diese Billigproduktion, obgleich sie durch Nachdrehs und Recuts doch noch ziemlich teuer wurde, lieber nicht mit den Ahnen der eigenen Filmreihe anlegen will; schließlich thronen da die zeitlosen Stop-Motion-Kreaturen Ray Harryhausens und machen den Klappergestellen aus der italienischen Trickkiste eine lange Nase. Dabei hat es natürlich einen gewissen Charme, wenn sich Gummi-Aale in sprudelnden Wasserbecken winden und sich Geister-Ritter samt Pferd aus dem Sand erheben, als wären wir hier bei den reitenden Leichen. Und wenn in einem gefühlten Fantasy-Märchen für Kinder auf einmal die morbiden Schwingungen eines Splatterfilms aus der Euro-Sleaze-Ära freigesetzt werden, wo dann auch mal der ein oder andere Moder-Zombie-Arm mit blutigem Crunch-Effekt ausgerissen wird, dann freut sich sogar der Papa… erst recht, wenn dann auch noch exotische Tänzerinnen für ihn die Hüften zu schwingen beginnen.

Es mag schon sein, dass der Produktionsablauf mit den Regiewechseln zwischen Enzo Castellari und Luigi Cozzi ein einziges Chaos war, bei dem die eine Hand nicht wusste, was die andere tat, doch an der gesunden Selbsteinschätzung aller Beteiligten hat das offenbar nicht gerüttelt. Dieser Film scheint genau zu wissen, was er ist. Die Darsteller setzt er als Boten ein, um dieses Wissen an die Zuschauer zu vermitteln. Ferrigno ist eine echte Bank, wenn er Plastikketten und eingezeichnete Energiekäfige mit seiner Blasebalg-Anatomie in zelebrierter Zeitlupe in Stücke reißen darf, doch sogar seine geringschätzigen Blicke auf die widerwärtigen Gegner sind Gold (und noch mehr Zeitlupe) wert. Trotz der typischen Bodybuilder-Unbeholfenheit stellt er sich dabei auch professioneller an als etwa die Paul-Zwillinge aus Deodatos „Die Barbaren“, obwohl die aus Sicht des Trash-Gourmets zweifellos die noch größeren Momente hatten. Der eigentliche Clou aber ist John Steiner als hemmungslos chargierender Fiesling Jaffar, für dessen schauspielerische Leistung nurmehr Vergleichswerte im Bereich des Zeichentrickfilms in Frage kommen: Pyradonis aus „Asterix und Kleopatra“ vielleicht und Scar aus „Der König der Löwen“. Oder, nun ja, Dschafar aus „Aladdin“. Klar. Und selbst bis in die kleinsten Nebenrollen hinein färbt sich dessen Elan (beziehungsweise Wahn) ab. Im Grunde kann sich Sinbad vor schrulligen Weggefährten und Widersachern kaum retten, sie machen seinen (und unseren) Tag heiter und sonnig, selbst wenn Sinbad mal wieder gegen ein Stein- oder Sumpfmonster (wer weiß, vielleicht sogar dasselbe Kostüm, einmal mit Algen behangen, einmal ohne) antreten muss.

In gewisser Weise fühlt man sich ob des schäbigen Masters-of-the-Universe-Dekors und der armseligen Trickeffekte um einen wahrhaftigen Abenteuerfilm nach Vorlage von „Der Dieb von Bagdad“ betrogen, zumindest aber um einen räudigen Fantasy-Actioner für Männer und all jene, die es mal werden wollen. Nicht, dass man nach der irreführenden Edgar-Allan-Poe-Biografie im Vorspann überhaupt irgendwelche konkreten Erwartungen hätte bilden können, aber dass sich die Handlung letztlich um ein Kind dreht, das vom Sandmann abgeholt werden möchte, sorgt für eine zusätzliche Entwertung der ohnehin bereits recht schäbigen Umsetzung. Die Besänftigung tritt erst nach und nach ein. Sie kommt mit der Erkenntnis, dass die Akteure das alles genauso bekloppt finden und uns mit ihrem überzogenen Spiel zumindest noch eine gute Zeit bescheren wollen, bevor das Kind endlich seine Äuglein schließt… und hoffentlich von besseren Filmen träumt.

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