Schon der saloppe Titel macht es deutlich - hier geht es um eine Sache, die normalerweise längst schon "Futschicato" ist - das Leben in einer anarchistischen Wohngemeinschaft. Doch gerade zur aktuellen 68er Diskussion kommt der Film von Olav F. Wehling genau richtig, denn er führt wieder direkt ins Eingemachte von gesellschaftlicher Utopie und ihrer realen Umsetzung.
Sein ca.45minütiger Film nimmt den Gestus eines Dokumentarfilms ein, der quasi mit der Handkamera durchs Haus streunt. Manchmal scheint er sich unbemerkt zu nähern, ein anderes Mal vermittelt er den Eindruck, dass den Bewohnern die Anwesenheit der Kamera bewusst ist - so als wenn sie selbst einen Film über ihre eigene WG drehen. So verzichtet der Film auch auf jeden Überblick oder irgendeine Totale - der Ort der Handlung, der als "am Rand einer Stadt" bezeichnet wird, bleibt ungewiss.
Rainer (Patrick von Blume) ist als einziges Gründungsmitglied der seit 20 Jahren bestehenden WG noch übrig, und nimmt wie selbstverständlich die Rolle des Wortführers ein. So kritisiert er bei einer der regelmässigen Versammlungen der Wohngemeinschaft deren fehlendes Engagement. Tatsächlich wirkt die Gruppierung recht unhomogen. Da ist zum Einen Rainers Ex-Geliebte Maria (Helene Grass), die mit ihm ein Kind hat, und zum Anderen drei weitere männliche Mitbewohner unterschiedlichen Alters, die wenig kommunikativ wirken.
Rainer hatte zur Gründung der WG zehn Gebote aufgestellt, die schon die Problematik einer solchen Konstellation verdeutlichen. In diesen zehn Geboten wird der Widerstand gegen jede bürgerliche Regel gefordert, darunter "seine Eltern nicht zu ehren", "den Staat nicht anzuerkennen" , nur schwarz zu arbeiten ,wenn es für das Überleben unbedingt notwendig ist, auf jeden Privatbesitz zu verzichten, keine festen Beziehungen zu führen und einiges mehr. Diese Regeln werden dem Betrachter von Rainer vorgeführt und in Bildtafeln eingeblendet.
Die Absurdität, die darin liegt, Regeln aufzustellen, um keine zu befolgen, wird nicht diskutiert, genauso wie kleinste Kritikpunkte an diesem System von Rainer schon im Keim erstickt werden. Er verfügt noch traumwandlerisch über jenes Vokabular, dass seit den 68er Zeiten berühmt berüchtigt ist, indem er Jeden, der auch nur ein wenig zu differenzieren versucht, gleich als Abweichler oder Speichellecker der Bourgoisie bezeichnet. Nicht erstaunlich ,dass seine Mitbewohner fast niedergedrückt wirken, angesichts der ideologischen Diktatur, der sie täglich ausgeliefert sind und die im krassen Widerspruch zu dem Gebot steht, welches besagt, dass alles ,was einen stört, offen ausgesprochen werden soll.
Regisseur Wehling erzählt diese Ereignisse in der WG locker und scheinbar ohne bewertende Attitüde, aber der Unterhaltungswert entsteht vor allem durch den Widerspruch, der darin liegt, dass einerseits diese Lebensform von Rainer als ideal hochgehalten wird, sich andererseits Niemand ausser ihm in der momentanen Situation wirklich wohlfühlt. Die Räumlichkeiten wirken wenig wohnlich, sondern unaufgeräumt und heruntergekommen. Und als Rainer die junge, hübsche Maria (Helene Grass) mit in die WG nimmt, bricht das fragile Zusammenleben endgültig zusammen. Die Bilder, die die Kamera in diesem Moment einfängt, sind mehr als deutlich, denn sie schaut in einsame, traurige Gesichter, während Rainer lautstark seinem sexuellen Vergnügen nachgeht...
Angesichts der hier gezeigten Ereignisse ist es erstaunlich ,wie diese WG schon seit 20 Jahren existieren konnte. Wehling zeigt hier eine Utopie, die in dieser strengen Form nur funktioniert, wenn sie über gleichwertige Protagonisten verfügt, was zum Gründungszeitpunkt vielleicht gewährleistet war. Die offene Diskussion erweist sich dabei als grösste Lebenslüge, da im Grunde nur Dinge diskutiert werden dürfen, die auf der geforderten ideologischen Linie liegen. Diese Forderung ist so regressiv, dass sie die Individualität der einzelnen Bewohner nicht berücksichtigt und letztlich zum Scheitern einer solchen Konstellation führen muss. Man spürt deutlich, wie die einzelnen Bewohner aufatmen, nachdem sie sich zu einer gemeinsamen Revolte gegen Rainer durchgerungen haben.
Regisseur Wehling und seinen durchgehend überzeugenden Darstellern gelingt es, die sechs Bewohner authentisch und sympathisch wirken zu lassen, selbst Rainer ist die Betroffenheit anzumerken, als die Anderen gegen ihn aufmucken - er hatte gar nicht gemerkt, wie sehr er sich in seine Position hinein gesteigert hatte. Gerade damit, dass Wehling hier den Ernstfall für diese Lebensform abseits der gängigen bürgerlichen Modelle zeigt, verdeutlicht er auch die Chancen, die darin verborgen sind, denn letztendlich beseitigt die WG innerhalb der Gruppe selbst das Problem und schafft damit Raum für mehr Individualität.
Trotzdem muss man feststellen, dass nur Betrachter, die einer solchen Utopie und auch der dahinter verborgenen politischen Haltung zumindest offen gegenüberstehen, diese Differenziertheit bemerken werden. Wehlings Film versucht weder Andersdenkende vom Gegenteil zu überzeugen, noch Befürwortern eine heile Welt vorzugaukeln, sondern er betrachtet die Dinge wie sie sind, aber letztlich mit Sympathie für diese Menschen, die auf der Suche nach einem eigenen Weg sind und es sich nicht leicht machen (8/10).