Es hat ja schon ein wenig was von Eigenlob gegenüber sich selbst und Speichelleckerei gegenüber der NBA und ihrem König Michael Jordan, was die Warner Brothers Studios hier kellenweise austeilen. Joe Pytka, bis dahin erfolgreicher Werbe- und Videoclipregisseur, durfte ein leicht verdauliches, 80-minütiges Werbefilmchen für Warner drehen. Technisch die seit “Falsches Spiel mit Roger Rabbit” wohl gelungenste Mischung aus Trick- und Realfilm, hat “Space Jam” inzwischen am Verfallsdatum seines Gegenstands zu knabbern.
Denn mal ehrlich, wenn Namen wie “Larry Johnson”, “Shawn Bradley” oder “Muggsy Bogues” mit Mittneunziger-Hip Hop und Flashlights im Vorspann erscheinen, wird sich der Normalsterbliche am Kopf kratzen. Viele Insider um die damaligen Superstars der NBA - Charles Barkleys nachgesagte Affäre mit Madonna, Larry Johnsons Spitzname “Grandma” - haben inzwischen an Wert verloren, so wie die 1996 noch weltbekannten Spieler ihren Ruhm. Und wenn nun die Looney Tunes, ein Evergreen des Zeichentrick-Slapsticks, eine Generation von Basketballern anhimmeln, die längst von einer neuen Generation von Kobe Bryants und Allen Iversons überholt wurden, mutet das auf den ersten Blick etwas seltsam an; fast so, als wenn eine unsterbliche Gottheit das Leben einer Eintagsfliege bewundern würde.
Natürlich ist unter den Fliegen noch eine besondere, nämlich Hauptdarsteller Michael Jordan, der neben Kareem-Abdul Jabbar als bester NBA-Spieler aller Zeiten gilt. Das ist dann schon auch eine Sache für die Ewigkeit, nicht weniger als die Looney Tunes selbst. Allerdings spielt der Basketballer, bislang wie der Regisseur vor allem durch Werbespots filmerfahren, die Hauptrolle, und in dieser Funktion als Schauspieler ist er wieder ein Rookie - obwohl sich die Werbespot-Auftritte zumindest insofern bezahlt gemacht haben, als dass Jordan die nötige schauspielerische Solidität mit bringt, um die Hauptrolle in einem an Aufwand nicht geringen Blockbuster ohne Peinlichkeiten tragen zu können.
Die Idee hinter dem Projekt ist gar nicht mal so verkehrt. Die Begeisterung für den Basketball trägt so weite geistige Verästelungen mit sich, dass über die sportlichen Extreme nachgedacht wird, die der Sport mit sich bringt. Gewaltige Sprünge, ästhetische Dunks, kontrolliertes Dribbling, bei den Meistern ihrer Kunst so präzise und perfekt, dass die Kunststücke der NBA-Protagonisten manchmal nicht wie von dieser Welt erscheinen. Da liegt kaum etwas näher, als den Sport mit dem Toon-Universum zu verbinden, das bekanntlich davon lebt, sich keinerlei Naturgesetzen zu unterwerfen. Mit der thematisch passenden Verschmelzung von Real- und Animationsfilm wird der Basketballsport in überirdische Sphären gehoben, und den designierten Großmeister des Sports konnte man symbolisch für die Hauptrolle gewinnen. Die Faszination der NBA wird geschickt mit der “alternative reality” der Looney Tunes verknüpft und fortan wirkt beides aufeinander ein. So weit, so gut.
Problematisch aus künstlerischer Sicht - nicht aus kommerzieller Sicht - ist es, dass weniger über die Ästhetik des Sports an sich referiert wird, sondern vielmehr über das Kommerzprodukt “NBA” mitsamt seiner Stars, seiner Vermarktung, seiner Skandale und Höhepunkte. Selbst bei Michael Jordan schien es den Produzenten weniger um eine Auseinandersetzung mit dem Sportler und Menschen zu gehen, sondern vielmehr um die seinerzeit aktuelle Diskussion um Jordans Sinneswandel, plötzlich in der “MLB”, der “Major League Baseball” aktiv zu werden. Die Fixierung auf damals aktuelle, heute längst vergessene Sachverhalte wirkt sich heute störend aus, hat man sich damit doch freiwillig ein kurzes Haltbarkeitsdatum aufs Etikett geschrieben. “Space Jam” hätte trotz seiner Fixierung auf die Hauptzielgruppe der Jugendlichen schätzungsweise zwischen 12 und 18 Jahren eine zeitlose Geschichte werden können; diese Chance hat man leider zugunsten der kurzfristigen Gewinnspanne ausgelassen.
Immerhin, einige selbstironische Anspielungen auf den Status eines Superstars funktionieren auch heute noch. Bei den Baseballspielen gibt der hinter MJ hockende Catcher seinem berühmten Vordermann nur seiner Berühmtheit wegen Tipps, anstatt wie üblich den Pitcher mit Zeichen zu versorgen. Der Strike Out wird von den eigenen Teamkollegen bejubelt, während jeder andere für die Leistung niedergemacht worden wäre. Nur im Fernsehen wird die bittere Ehrlichkeit über den orientierungslosen Ex-Star vergossen, vor seiner ganzen Familie. Problematisch ist nur, dass die Darstellung Jordans trotz der gelegentlichen Selbstironie insgesamt sehr subjektiv bleibt, und zwar in einem störenden Maß. Jordan erfährt eine Überstilisierung zum kosmischen Helden, kritiklos angebetet von Cast und Crew. Erfreulich, dass man in Jordans Acting keinerlei Spuren von Überheblichkeit findet; das macht wenigstens ihn sympathisch, weniger aber seine Bewunderer, als da wären Wayne Knight, einige Cartoonfiguren und nicht zuletzt der Regisseur.
Ähnlich kritikfrei und fast schon überheblich positiv ist die Darstellung der Warner Brothers-Studios und seiner Cartoons. Für die Außerirdischen, die Auslöser für die Geschichte sind, erweisen sich die Looney Tunes als Nonplusultra der Unterhaltung. Ein kurzer Blick auf ein paar Bildschirme genügt und schon weiß der Alienboss, das ist es, was sein erfolgloser Vergnügungspark braucht. Eine Glorifizierung der Cartoons ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn halt das WB-Logo auf dem Hintern von Daffy Duck prangt, welches selbiger auf ordinäre Weise recht ironisch knutscht, was gewissermaßen dem Umgang der Simpsons mit ihrer Sendeanstalt Fox schon recht nahe kommt. Und doch scheinen die Looney Tunes ohne Wenn und Aber das Beste zu sein, was die Menschheit an Unterhaltung zu bieten hat.
Natürlich kann man sich ob der glorreichen Tradition durchaus ein wenig von dieser Überheblichkeit erlauben. Ein Beispiel wieso, liefert die bunte Comicwelt auch diesmal. Einmal in der Looney-Welt angekommen, werden sämtliche Regeln der Realität ausgehebelt und die Toons zeigen, was sie so alles mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln anstellen können.
Dabei wirkt die Darstellung der Comicwelt durchaus retrospektiv, sie ist abgenabelt von den Original-Cartoons und bezieht sich auf sie wie die Folgeserie “Tiny Toons”. Das liegt zum einen daran, dass sämtliche Comicfiguren plötzlich unter einem Dach zu finden sind, als seien wir hinter den Kulissen der “Bugs Bunny Show”, wo sich alle gemeinsam auf die nächsten Sketche vorbereiten. Sind die TV-Serien eher Entertainment-Veranstaltungen (”Das Publikum war heute wieder wundervoll, und traurig erklingt der Schlussakkord in Moll. Wir sagen Dankeschön, und auf Wiedersehn, schau’n Sie mal wieder rein, denn etwas Schau muss sein. Und heißt es Bühne frei, dann sind Sie mit dabei, die Schau muss weitergeh’n, auf Wiedersehen.”), so bekommt man in diesem Film den Eindruck, sich in der “richtigen”, unreflektierten Toon-Welt zu befinden - wo sich die Charaktere sympathischerweise kein Stück anders verhalten als in der inszenierten Show fürs Fernsehen. Die Sprecher um Billy West (“Futurama”) leisten ihr Bestes, Bugs & Co. zu alten Bekannten zu machen, die man endlich mal privat zu Hause beehren darf.
Als Kontrast auf die schräge Toon-Parallelwelt wird die Realität nicht zuletzt durch die zahlreichen Cameos der besten NBA-Spieler (Hmm, na ja, ich habe damals als Sonics-Fan Shawn Kemp vermisst...) als unsere Realität verkauft. Abgesehen von wenigen Schauspielern wie Wayne Knight, der aus Storygründen eine Rolle spielt, sind alle realen Personen sie selbst. Inklusive Bill Murray, der sich wohltuend von der Fixierung auf den Filmmittelpunkt Michael Jordan ausnimmt und lieber sich selbst in den Vordergrund hebt auf seine sympathische, erheiternde Art. Zusammen mit Ex-Celtics-Star Larry Bird ist er in der 3D-Welt die stets willkommene Abwechslung. Ansonsten ist man aber froh, wenn sich die Story wieder in den Cartoonbereich bewegt, denn die Animationsmontage ist der Aspekt, der wirklich ausnahmslos gelungen ist. Ob nun die Interaktion der Cartoonfiguren mit realen Gegenständen oder Lichteffekte und Schattierung, die Comicwelt fügt sich stets filigran in die reale Welt ein und umgekehrt.
Speziell die Verwandlung der “Monstars” lässt sich sehr schön anschauen, ist dabei allerdings für ganz kleine Kinder nicht unbedingt geeignet. Doch Effekte betreffend findet man hier sein Atrium. Mit Originalität ist es oft zwar nicht weit bestellt, aber in altbekannten Bereichen bekommt man köstliches Eyecandy geboten.
Wie rasend schnell man dann beim Finale in Form des alles entscheidenden Basketballspiels angekommen ist, überrascht dann doch sehr. Im Prinzip ist alles Vorhergehende der Vorbereiter für dieses eine Spiel, das seiner Konfiguration auf den Klimax hin allerdings auch gerecht wird mit zwei inhaltlich auf Meilen vorhersehbaren, aber optisch äußerst abwechslungsreichen Halbzeiten und einer ausgedehnten Pause mittendrin. Sämtliche Toons und vor allem Michael Jordan dürfen zeigen, was sie drauf haben. Die alte Zweischrittregel gilt dabei nicht mehr, von Fouls mal ganz abgesehen - hier übernimmt das Cartoon-Regelwerk endgültig das Ruder.
Und dann ist man auch schon wieder beim familienfreundlichen Ende angelangt. Es folgen noch ein paar Insider mit Barkley, Ewing & Co., und dann ist die tricktechnisch auch heute noch ziemlich hübsche Werbeveranstaltung für Warner und für die NBA beendet. Man kann hieraus extrem kurzweilige Unterhaltung ziehen (kaum fängt er an, ist er auch schon wieder vorbei), die auf interessante Art die Looney Tunes zurück ins Bewusstsein des Publikums bringt. Die weitgehende Kritiklosigkeit gegenüber sich selbst muss man soweit wohl einfach ertragen; dafür bekommt man Originalstoff aus der NBA, der heutzutage zwar keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt, jenen, die damals in den Sport vernarrt waren, jedoch ein Stück Nostalgie zurückgibt. Und Michael Jordan hat eine cineastische Bestätigung dafür, dass er als Basketballer nicht von dieser Welt war.