Fotograf Leon Kauffman (Bradley Cooper, der in TV-Serien wie "Sex and the City" und "Alias" auftrat und mit dem unterirdischen "Day of the Dead : Contagium" bereits Horrorerfahrungen sammeln konnte) möchte endlich den Durchbruch schaffen: So erhofft er sich durch den Kontakt zur Szenegröße Susan Hoff (Brooke Shields, "Die blaue Lagune") entsprechend große Aufträge. Um sie zu beeindrucken, geht er spät abends im Großstadt-Dschungel auf Streife, und hofft dabei, besonders einzigartige, düster-schmutzige Aufnahmen der bitteren urbanen Sozialrealität schießen zu können. Eher zufällig stößt er dabei auf den mysteriösen, adrett gekleideten Mahogany (Vinnie Jones, "Bube, Dame, König, GrAs"), der eine besondere Leidenschaft für nächtliche U-Bahn-Fahrten zu haben scheint. Als eine junge Frau spurlos verschwindet, die Leon kurze Zeit vorher vor einer Gang gerettet hatte, entdeckt er Hinweise darauf, dass der seltsame Fremde sie brutal getötet haben könnte. Er beobachtet den Mann, der tagsüber in einer Schlachterei arbeitet, folgt ihm auf Schritt und Tritt und gerät so in den blutigsten Albtraum seines Lebens...
MIDNIGHT MEAT TRAIN basiert auf einer Kurzgeschichte des Horror-Meisters Clive Barker aus den "Büchern des Blutes". Da wird man als Rezipient natürlich hellhörig: Immerhin ist "Hellraiser" ,der innovativste und abgründigste Horrorfilm der späten 80er Jahre, eine Referenz im Genre. Und selbst der vom Studio verhackstückelte "Nightbreed" gehört mit seinen kreativen, einzigartig surrealen Masken, sowie der parabelhaften Parteiergreifung für von der Gesellschaft verstoßenen Außenseiter und Freaks, noch zu den einfallsreichsten und substanzvollsten Genre-Beiträgen der letzten 20 Jahre.
Zum Regieführen scheint Barker allerdings keine große Lust mehr zu verspüren, der stilvolle Noir-Schocker "Lord of Illusions" von 1996 bleibt seine bislang letzte Arbeit als Filmemacher. Bei MIDNIGHT MEAT TRAIN beschränkte er sich aufs Co-Produzieren und leistete Unterstützung beim Erstellen des Drehbuchs. Die Regie übernahm der Japaner Ryuhei Kitamura (Genre-Fans dank "Versus" und "Azumi" bekannt), der mit diesem Streifen sein U.S.-Debüt gibt.
MIDNIGHT MEAT TRAIN ist ein höllischer Bastard von einem Film und für ein Mainstream-Publikum, insgesamt betrachtet, zu blutig und brachial. Dies nur schonmal vorweg.
Der Film verfolgt zunächst 2 parallel verlaufende Handlungsstränge, einmal oberirdisch (in welcher Stadt das Szenario spielt, wird übrigens nicht bekanntgegeben) und einmal unterirdisch.
Die Szenen im U-Bahn-Tunnel-Bereich sind visuell atemberaubend "over the Top" inszeniert worden. Die Welt dort unten ist klinisch-steril und gleichzeitig so klaustrophobisch, dass sich nicht nur bei den Opfern, die des Nachts in den leeren Zugabteilen regelrecht abgeschlachtet werden, sondern auch beim Zuschauer Gefühle von Panik breitmachen. Kitamura drückt hier oft aufs Tempo, macht den Zuseher mit rasenden Kamerafahrten aus dem Tunnelbereich und schnellen Schnitten fast schwindelig, was sich dank des surrealen Looks allerdings nicht negativ auf den Filmgenuß auswirkt. Dazu kommen kreative Einfälle, wie der auf dem Bahnsteig geduldig wartende Mahogany, der im Bild einzufrieren scheint, während um ihn herum im Zeitraffer Fahrgäste kommen und gehen (solche Effekte kennt man auch aus der Werbung).
Das Geschehen an der Oberfläche konzentriert sich dagegen anfangs auf die Beziehung zwischen Leon und seiner Freundin Maya (Überzeugend und niedlich: Leslie Bibb, "Iron Man", "Ricky Bobby"), was den Erzählfluß des Filmes an manchen Stellen erstmal ein wenig ausbremst. Je mehr Leons detektivisches Interesse an Mahogany allerdings zu einer morbiden Faszination, ja regelrechten Obsession, zu werden droht, desto weniger interessiert er sich für Maya´s Belange. Diese macht sich immer mehr ernste Sorgen um ihren Freund und versucht schließlich, nachdem er sich von ihr nicht helfen lassen will, auf eigene Faust die Ursachen zu erforschen. Somit laufen die verschiedenen Erzählstränge im Verlauf des Filmes auf einer einzigen narrativen Ebene zusammen, was der Spannung definitiv sehr gut bekommt.
Die Besetzung ist sehr ordentlich geworden: Bradley Cooper spielt den anfangs eher introvertiert-zurückhaltenden, später besessenen Fotografen solide, allerdings ohne einen überragenden Eindruck zu hinterlassen. Vinnie Jones spielt das, was er am besten kann: Den brutalen Schlächter und wortkagen Schlägertypen, was ihm hier mal wieder sehr überzeugend gelingt.
ACHTUNG:SPOILER :
Ein einfacher Serienkiller ist jener Mahogany, der seine Opfer am liebsten mit dem Hammer erschlägt, natürlich nicht (was man als Leser der literarischen Vorlage eh schon weiß). Dieser emotionslose Metzger ist im Auftrag weit höherer Mächte tätig, die sich im Barker-typischen Finale dann offenbaren und die schonungslos nihilistische Tragik der Protagonisten, für die es kein Happy-End geben kann, zusätzlich unterstreicht.
SPOILER ENDE
Neben der grandiosen Optik des Streifens sind es natürlich die derben Splattereffekte (Mix aus plastisch-traditionell und CGI), die MIDNIGHT MEAT TRAIN seine Qualitäten verleihen: Und hier geht es wahrlich zu wie in einem Schlachthaus. Meistens wird mit der Kamera voll draufgehalten, Augäpfel werden ausgestochen, Köpfe fliegen (in einer Szene sogar aus der Perspektive des Opfers!) , Bäuche werden aufgeschlitzt, Zungen herausgerissen.
Das Finale ist dann wirklich nur noch ein einziges Blutbad und ich frage mich ernsthaft, wie der deutsche Verleiher Universal diese Gore-Granate, die ihren Titel wahrhaft wortwörtlich nimmt, ungeschnitten durch FSK oder SPIO bringen will.
Allzu tiefgründig ist die Geschichte natürlich nicht geworden, was aber auch nicht zu erwarten war (die Kurzgeschichte "begnügte" sich sogar mit einem einzigen großen Finale). Subtexte oder Symbolik sucht man vergebens und ein paar kleine Längen im ersten Drittel des Filmes müßen in Kauf genommen werden.
By the Way: Die Logik bleibt natürlich das eine oder andere mal auf der Strecke, im Gegensatz zu anderen Genrefilmen der letzten Zeit, kann man es hier aber verschmerzen.
Dennoch:
MIDNIGHT MEAT TRAIN ist ein durch und durch konsequentes, kompromißloses Stück Horrorkino geworden, welches beim Betrachter endlich mal wieder richtig Angst und Beklemmung auslößt, also das leistet, was moderne Genre-Beiträge eigentlich viel häufiger erreichen sollten. Fantastisch in seiner visuellen Brillanz, grotesk und schnörkellos in seiner (dennoch nicht selbstzweckhaften) Darstellung von Fleisch und Blut und angenehm humorfrei.
9/10