Review

Clive Barker, Vinnie Jones und Ryûhei Kitamura – was für eine ungewöhnliche Mischung. Der eine ein etablierter Horrorschriftsteller, der neben King und Koontz (komisch, so auf dem „Papier“ wirkt das ein wenig wie Hinz und Kuntz – vielleicht nicht mal von ungefähr) zu den ganz Großen gehört und sich (im Gegensatz zu King) auch als Regisseur schon seine Lorbeeren verdienen konnte (King mit "Rhea M." – Mist im ganz großen Stil, Barker mit "Hellraiser" – Meisterwerk für die Ewigkeit). Der Andere ein ehemaliger Profifußballer, der angeblich immer noch den Rekord für die schnellste gelbe Karte hält (3 Sekunden nach Anpfiff) und sich mittlerweile als B-Movie Darsteller eine treue Fanbase erspielt hat ("Snatch", "Euro Trip", "Nur noch 60 Sekunden"). Und dann Herr Kitamura. Ein japanischer Regisseur, der seit seinem Debüt bekannt für Style-over-Substance Actioner geworden ist ("Versus", "Azumi"). Was also passiert, wenn diese drei Herren aufeinander treffen um eine (mehr oder weniger) klassische Horrorgeschichte zu verfilmen?  

Genau: Ein harter, top-stylischer Film.  

Barkers Kurzgeschichte aus dem „Ersten Buch des Blutes“ war eine eiskalte und ultrabrutale Abrechnung mit einem Moloch von Stadt. Einer Stadt die ihre Bewohner gleichzeitig aufrisst, wie sie sie existieren lässt. Kitamura setzt diese Isolation, dieses Unbehagen in sterilen, kühlen Bildern der New Yorker U-Bahn um. Dabei beweist er (wie immer) ein absolut gutes Gespür dafür, der Szenerie gerecht zu werden. Alles sieht unbehaglich aus, hier möchte man sich wirklich nicht nachts alleine aufhalten. Und noch dazu wird von der ersten Minute an der Tenor der folgenden Geschichte vorgegeben. Wenn das Blut literweise vom blank geputzten Stahl des Zuges tropft, wird sich auch der letzte Zweifel daran gelegt haben, dass Kitamura durch seinen Sprung über den großen Teich zahm geworden sein könnte. Nein, zahm ist der „Mitternachtsfleischzug“ (dieser Name ist nun mal Programm) ganz gewiss nicht. Leider jedoch handelt es sich bei Barkers Story um eine Kurzgeschichte. Und zwar eine perfekt ausgereifte. Kein Gramm zu viel, keins zu wenig – doch für einen abendfüllenden Spielfilm reicht das Konstrukt dann doch nicht. Und hier beginnt ein Problem des Films. Die erweiterte Geschichte um die (im Buch nicht existente) Freundin des Protagonisten (ein Photograf der zufällig auf die Spur eines massenmordenden Schlächters kommt) und seine Ausstellung ist zwar nicht reines, überflüssiges Beiwerk und vermag es einige Male die Tiefe der Geschichte zu fördern, nur ist sie zwischendrin dem Tempo des Films abträglich. Eine Straffung um etwa 15 bis 20 Minuten wäre optimal gewesen. Eventuell hätte sich auch ein Format wie die "Masters of Horror"-Reihe angeboten (ca. 60 Minuten pro Episode), doch „The midnight meat train“ ist viel zu weit über TV-Standart angesiedelt. Des weiteren bleibt der psychologische Aspekt, der Hass auf die stinkende, verkommene Stadt und ihre Bewohner viel zu kurz, oder eher: er wird nur zu Beginn einmal kurz angesprochen. Die Story geht somit in eine etwas andere Richtung als im Buch (SPOILER wenn ich das im Film richtig mitbekommen habe, sollen die „Opfer“ die „Stadtväter“ davon abhalten an die Oberfläche zu kommen – im Buch hatte ich das anders interpretiert, lasse mich aber gern eines Besseren belehren SPOILER ENDE). 

Nun, der Preis für die „Bücher des Blutes“ bei amazon.de zeigt, dass sich diese nicht unbedingt wie warme Semmeln verkaufen (für was gibt´s eigentlich eine Buchpreisbindung, hä?). Daher wird dieser letztgenannte Kritikpunkt für die meisten von euch eher unerheblich sein. Kommen wir also zu den offensichtlichen Stärken. Da sind zu allererst, neben den schon erwähnten toll eingefangen Bildern der U-Bahn-Schächte, die tollen optischen Spielereien zu nennen. Ich weiß nicht ob es so was in einem anderen Film schon gab (nun gut, diese POV-Shots gabs schon bei "Freitag der 13.", aber nie zuvor so konsequent), aber wer mal seinen Tot in Ego-Perspektive sehen will – hier bitte! Auch wenn Blut und Gekröse augenscheinlich dem PC entspringen, wirkt es doch (bis auf eine Szene, die jedoch allein durch den „verwursteten“ Darsteller – Ted Raimi – eine gehörige Portion Trashcharakter erhält) schön schmoddrig und seltenst störend (zumal ich die Effekte bei „Wanted“ deutlich mieser fand). Allerdings sollte einem bei all diesem metzgern auch klar sein, dass das zwar alles top aussieht aber richtige Gruselatmo auf der Strecke bleibt. Wer also Gänsehaut beim schauen bevorzugt, sollte sich während des Films in einen Kühlschrank setzen. Zusammen mit dem Nebenstrang ist das auch die deutlichste Änderung zur Vorlage. Vinnie selbst macht seinen Job gut, er spielt halt nun mal den (in diesem Fall extrem) wortkargen und (ebenso in diesem Fall EXTREM) brutalen Kerl, dem man nicht nachts allein auf der Straße begegnen will (geschweige denn in der U-Bahn). Übrigens gibt es da noch eine kleine Filmanspielung die ihm den absoluten Horrorfaktor dann doch wieder nimmt – genial by the way.. Der main character arbeitet auch gut, obwohl er nicht ganz in die letzten Szenen passen will – er wirkt ein wenig zu weich. Andererseits entspricht er wohl äußerlich ein wenig dem jungen Barker – so what!  

Wir haben ja oft genug von asiatischen Meistern gehört, die nach ihrem Sprung Richtung Übersee all das verloren, was an ihnen geschätzt wurde. John Woo wird wohl seit seinem MI:2-Debakel als Lachnummer in Erinnerung bleiben – aber Kitamura schafft es, und das auch noch fernab von den bei ihm sonst üblichen Fight-Filmen. Der Humor ist nicht mehr infantil, die Story tatsächlich mal einen Blick wert und seinem ungewöhnlichen Inszenierungsstil bleibt er treu. Um ehrlich zu sein – das hier ist der beste Kitamura den ich je gesehen habe. Auch wenn ihm das Studio von Anfang an Klötze zwischen die Beine warf und seinen Film nie unterstützte: Dieser Film hätte das große Kino verdient. Endlich mal wieder ein harter Horror, jenseits von dem nächsten "Saw" oder "Hostel" Dreck!

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