"Schätzchen, ich nehm den Zug jeden Tag. Laufen ist gefährlicher."
"The Midnight Meat Train" basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clive Barker, die im ersten Band der "Bücher des Blutes" nachzulesen ist.
Leon Kauffman (Bradley Cooper) ist ein aufstrebender Fotograf und will es mit seinen Bildern in eine Kunstgalerie schaffen. Dazu müssen die Bilder aber auch etwas abseits des Gewöhnlichen sein, und so zieht er in der Nacht los, um die wahre Seele der Stadt abzubilden. Von den ersten Bildern, einer bedrohten Frau in der U-Bahn, ist die Ausstellungsleiterin Susan Hoff (Brooke Shields) begeistert und fordert noch weitere Fotos ähnlicher Art. Als die von Leon gerettete Frau am nächsten Morgen in der Zeitung für spurlos verschwunden gemeldet wird, erkennt er beim erneuten durchsehen eine Person, die er ebenfalls vor kurzem fotografiert hat. Da er bei der Polizei auf Taube Ohren stößt ermittelt er auf eigene Faust und entlarvt den Verdächtigen als einen Arbeiter in einem Schlachthaus. Gegen den Willen seiner Freundin Maya (Leslie Bibb) verfolgt Leon Mahogany (Vinnie Jones), den Angestellten, und erwischt ihn in einem Zug auf frischer Tat.
Barker's typischer Sinn fürs Groteske, dem abgrundtief Finsterem und der fast kosmischen Grausamkeit hat sich schon in aller Form in der Entertainmentbranche gesponnen. Neben Filmen wurden auch Videospiele nicht von seiner namentlichen Präsenz verschont, und das im positiven Sinne. Legendär ist aber neben seinen literarischen Werken nur der selbst geschriebene und inszenierte "Hellraiser", der eine Forsetzungslawine nach sich zog. Nun nahm sich der japanische Genrespezialist Ryuhei Kitamura ("Godzilla: Final Wars") eine von Barker's düsteren Geschichten vor und zauberte daraus ein atmosphärisches Schlachtfest.
Dieses ist nicht gerade zimperlich. Abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Zungen und ausgebrochene Zähne sind definitiv nicht tauglich für ein Mainstreampublikum, auch wenn die Kamera bei blutigen Brutalitäten schon mal ausblendet. Die Intensität dieser teils heftigen Gewalt liegt allerdings nicht immer im oberen Bereich. Das Hilfsmittel computergenerierter Spezialeffekte macht des öfteren den Strich durch die Rechnung und lässt fliegende Augäpfel und übermäßig viel Blut derart künstlich aussehen, dass der Zuschauer eher belustigt statt schockiert auf dem Sofa sitzt. Schade, denn die sonst aufwendig handgefertigten Nachfertigungen der Darsteller zeigen, dass klassische Handarbeit auch heute noch ihren Reiz und eine höhere Glaubwürdigkeit haben, als schlecht eingefügtes CGI im B-Movie Niveau. Musterbeispiel ist das entfernen von Augen unter schmatzendem Geräusch. Lecker!
Ansonsten ist technisch nichts zu bemängeln, ganz im Gegenteil. Der berauschende Bilderreigen zieht durch die meist dunklen Orte der Großstadt, verwinkelte Gänge und den engen, im kalten Neonlicht beleuchteten Zug eine enorme Atmosphäre.
Besonders aufschlussreich sind eingestreute Kamerafahrten aus Ego-Sicht der Opfer und eine gegen Ende vorkommende Actionszene, wobei die Kamera das Geschehen im inneren des Zuges im fliegenden Wechsel von außen zeigt, und wieder nach innen fährt. So wird ein ordentliches Tempo erzeugt ohne die Übersichtlichkeit zu verlieren.
Holprig wirds in Sachen Handlung. Im groben scheint die Story schlüssig, enthält aber deutliche Längen. Besonders zu Beginn sind Streckungen der ursprünglichen Kurzgeschichte ersichtlich, die für den ca. 90 Minuten langen Film erweitert werden musste. Der Charakteraufbau dauert an, einige Lückenfüller und Durchhänger sind die Folge. Mit der Zeit fängt sich "The Midnight Meat Train" aber wieder und bietet eine besondere Spannung bei den Verfolgungen des Helden und Schurken.
In den letzten Minuten des Films wandelt sich der spannende Thriller zu einer bizarren, Barker-typischen Horrormär. Gerade diesem einfallsreichen und bitteren Abschluss, der gleichzeitig zum Kitsch neigt, sieht man die Genialität der Vorlage an. Hier können dann plötzlich auch die Spezialeffekte überzeugen.
Ein Highlight des Films ist der Engländer Vinnie Jones ("The Riddle", "Die Todeskandidaten"). Als stummer, steifer Hüne mit Tasche und Anzug wartet er darauf, wie ein autistischer Fachmann seinem Schlachterhandwerk nachzugehen. Mal ausdruckslos, mal stechend ist Jones’ Blick und verkniffen der Ausdruck. Jones bietet mehr als den klassischen Standard-Killer ohne Regung. Er lässt immer auch etwas von der stummen Tragik Mahoganys durchscheinen, was die Figur über ihre Eindimensionalität erhebt.
Die restlichen Darsteller sind durchweg solide bieten aber außer visueller Abwechslung, wie Leslie Bibb ("Shopaholic - Die Schnäppchenjägerin", "Iron Man"), oder dem relativen Standard Helden, in diesem Fall Bradley Cooper ("Hangover", "Die Hochzeits-Crasher"), kaum Eigeninitiative.
"The Midnight Meat Train" ist eine rasante Fahrt, die sich nur zu Beginn etwas streckt. Die brutalen Tötungsszenen schrecken das Mainstreampublikum und bieten vor allem Genrefans ansprechende Unterhaltung mit einem herausragendem Bösewicht, toller Atmosphäre und einem gelungenen Abschluss. Diese müssen allerdings bei einigen wenigen, auffällig künstlichen Spezialeffekten ein Auge zudrücken, dürfen dies aber selbstverständlich behalten.
7 / 10