In den frühen Morgenstunden schleppt sich eine junge Frau, nur mit blutbespritzter Unterwäsche bekleidet, über den Bahnsteig und die Rolltreppen der Münchner U-Bahn. Von einer Kamera erfasst, sitzt sie etwas später bei der Polizei und erzählt stockend, was ihr widerfahren ist... so beginnt Tortura, eine deutsche Amateur-Splatter-Produktion.
Eine Gruppe junger Leute (drei Damen, ein Mann) ist auf dem Weg zu einer Party, als sie einen Obdachlosen treffen. Während die Frauen etwas Kleingeld geben, benimmt sich der Fahrer wie ein ziemliches Arschloch und schmeisst den Einkaufswagen des Obdachlosen um. Später im Danceclub wird er sogar gewalttätig gegen eine seiner Begleiterinnen, die daraufhin flieht. Während die beiden Freundinnen draußen nach ihr suchen, trifft ihr arroganter Fahrer, der ebenfalls aus dem Club gelaufen ist, nochmals auf den Obdachlosen. Letzterer ist nicht so harmlos wie anfangs vermutet, der Schnösel wird gekidnappt und findet sich auf dem Dachboden eines Hauses wieder, wo der Obdachlose eine Bande junger Leute versammelt hat, die den eben noch arroganten jungen Mann bei lebendigem Leibe tranchieren und teilweise aufessen...
Ziemlich harter Tobak, den Tortura da recht unvermittelt auf den Zuseher losläßt. Trotz des Präfix "Amateur" sind Kameraführung und Schnittechnik relativ ordentlich geraten, ab und zu wackelt die Kamera etwas bzw. ist zu nah auf den Akteuren, dennoch kann man der Geschichte jederzeit gut folgen. Auch wenn manches Setting auf ein eher niedriges Budget hindeutet, ist der Film meilenweit entfernt von jeglichem Trash oder Möchtegern-Splatter, genauso weit wie sein (vermutetes) Vorbild Hostel. Die blutigen Folterungen können bildtechnisch überzeugen, und auch wenn manches nicht direkt gezeigt wird, hinterlassen die entsprechenden Szenen ein mulmiges Gefühl. Dazu kommt eine passende musikalische Untermalung, die eine Atmosphäre des Grauens schafft, die den Zuseher nicht mehr losläßt. Wer sind diese Leute? Warum tun sie, was sie tun?
Überzeugend umgesetzt das Kidnappen auch der drei jungen Damen, die ohne Fahrer nun spätabends an einer einsamen Bahn-Station stehen und auf die nächste S-Bahn warten müssen. Dem Obdachlosen gelingt es, sie so nervös zu machen, daß sie sich trennen - und er eine nach der anderen einfangen kann. Gekonnt dargestellt dann die Angst der angeketteten Frauen, die sich auf irgendeinem schmutzigen Dachboden wiederfinden und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Das Vorgehen der Peiniger - eigentlich des Obdachlosen, der als Anführer die Kommandos gibt - unterscheidet sich deutlich von den üblichen Vorgehensweisen der (meist) Hinterwäldler in solchen Filmen, die (meist) grunzend ihre halbtoten Opfer betrachten: Hier spricht der Obdachlose ruhig mit ihnen und eröffnet ihnen beispielsweise, daß sie den Raum nicht mehr lebend verlassen werden... manchmal scheint er sich geradezu lustig zu machen über seine Opfer. Das, was Amateur-Folterfilme wie beispielsweise die August-Underground-Reihe sich vergeblich bemühen halbwegs gut darzustellen, kann man hier minutenlang mitverfolgen: abgeschnittene Finger, ausgestochene Augen etc., lediglich die sexuelle Komponente fehlt.
Tortura verwendet viel Zeit für die Angst und die Perspektive der gefangenen Frauen, weidet sich geradezu an kaum unterdrückten Hilfeschreien und begleitet das seltsam unwirkliche Treiben mit stets direkt am Geschehen befindlichen Kameraeinstellungen. Kaum einer der Dialoge wirkt klischeehaft oder aufgesetzt, die Kannibalentruppe (bemerkenswerterweise ebenfalls zwei junge Damen und ein junger Mann statt wie meistens mehrere Männer) unter dem Kommando des Obdachlosen agiert erschreckend "normal" und könnte direkt in der Nachbarschaft wohnen, was dem Film zusätzlich eine äußerst beklemmende Atmosphäre verleiht. Während der Anführer mir schon durch seine unaufdringliche Art und sein betontes Sprechen äußerst unsympathisch ist, können seine drei willenlos gehorchenden Anhänger keine besondere Aufmerksamkeit erregen - sie sind (vermutlich bewußt) sehr farblos dargestellt. Die Opfer selbst verhalten sich einigermaßen logisch bzw. vorhersehbar panisch.
Tortura ist ein häßliches Stück Terrorkino, direkt, äußerst brutal und selbstverständlich ohne Erklärungen und ohne HappyEnd - der kleine Plot-Twist am Ende der knapp 73 Minuten bis zum Abspann nimmt einem jede Hoffnung. 7 Punkte.