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Was die Punks der späten Siebziger mit dem berühmten gallischen Dorf aus den Comics Uderzos und Goscinnys außer dem unbeugsamen Willen, sich gegen eine Mehrheit durchzusetzen gemeinsam haben liegt zumindest für mich auf der Hand: In keiner Jugendkultur nach und vor den Hippies konnte man außerhalb einer Psychiatrie derart bunt durchgeknallte Charaktere kennen lernen. Einen pöbelnden Schmied im Dauerstreit mit einem unfähigen Fischhändler könnte man auch am Samstagmorgen beim Starkbierfrühstück auf Londons Straßen vermuten und gerade unser unfähigster Lieblingsbarde, der seine Mitgallier mit Schrammelmelodeien peinigt, bis die Veilchen blühen, hätte ein vorchristliches Idol von Johnny Rotten und co. sein können. Die waren im Übrigen anno 76 die popkulturellen Gallier Englands, die sich erfolgreich einer Horde verquaster Progrocker und zuckender Discozombies erwehrten. 2 Jahre lang gehörte den heute legendären SEX PISTOLS (der Name schreit förmlich nach Großschreibung!) der Rock mitsamt Mann und Maus und weder die ledernen Moppedmachos noch die arroganten Intellektmucker hatten noch irgendwas zu sagen. Scheiß auf Können, Geld und Chartpositionen: In Sachen Rebellion war Punkrock nun der wahre Jakob und die Geschlechtspistolen eine von vielen grandiosen Vorreiterbands.

In mein Leben stießen sie, als der ansonsten unbrauchbare "Musiksender" Viva eines abends alte Rockclips ausgrub und ich mit zarten 14 von "Anarchy in the U.K." die musikalische Unschuld geraubt bekam. Selbst zum Punk wurde ich erst mit 17, die einzige Pistols - Platte landete selbstverständlich im CD - Regal und ich sog alles auf, was den 77er Geist in sich trug. Meiner Tante sei Dank hatte ich dann "The Filth and the Fury" zu Heiligabend verpackt unter dem Baum liegen und am zweiten Weihnachtstag. Oh Freude schöner Götterfunke, hat dieses Zeitzeugnis mich gepackt!

Julien Temple, ein scheinbar erklärter Punkfilmer, der für die Sex Pistols bereits den P(r)opagandafilm "The great Rock'N'Roll Swindle", eine knallbunte Cashgrab - Nummernrevue inszenierte, legte knappe 21 Jahre später nach und widmete sich der nicht gerade langen, aber bewegten Karriere der Band, deren Selbstbegräbnis er zuvor mit der Kamera begleitete. Ein Introtext in Manier eines mittelalterlichen Buches kündet von der Geschichte der Sex Pistols im Kampf um die Krone...verzeihung, den Pöbel von England (der Wortwitz funktioniert im Englischen wesentlich besser. Danach berichten die Bandmitglieder John Lydon, Paul Cook und Steve Jones, der geschasste Ex - Bassist Glenn Matlock und Manager und Berufsschwätzer Malcolm McLaren aus dem beichtstuhlartigen Halbschatten heraus über die wichtigsten Karrieremomente der Band. 

Gründung, Querelen mit Plattenfirmen, skandalöse TV - Auftritte, kuriose Benefizkonzerte und zwangsläufig das dicke Ende mit dem Split der Band sowie dem tragischen Tod von "Bassist" Sid Vicious werden erzählt, während Beichtvater Temple das passende Bildmaterial aus den Archiven kramt und zusammensetzt und sich auf verbaler Ebene ausschweigt. Dabei bringen gerade die Herren Lydon und McLaren manche hochabsurde wie amüsante Geschichte zu Tage und die Szenenmontage durch Temple kommentiert das Geschehen entsprechend mitunter bissig. Wie auch immer Temple die Gespräche genau angeleitet hat, er scheint ein Händchen dafür zu haben, den Männern ihre Lebensbeichte abzunehmen und das filmische Produkt menschlich, aber nicht nach Sensationen geifernd wirken zu lassen. Gerade die hörbare Trauer John Lydons bewegt mich immer wieder, so oft ich den Film auch gesehen habe: Ruhe in Frieden, Sid. Du warst auch für mich eine Stilikonie. 

The Rest is History. Statt einfach auszusterben trug der Punk später wildere, räudigere Blüten, die Kenner zu schätzen wissen und Spießer verdammen. Aber auch der ursrpüngliche Geist von 77 spukte munter weiter, wobei vor allem Lydons neue Band "Public Image Limited" (die coolen Kids nennen sie "PiL") die damalige Energie in neue Bahnen lenkte. Leider war es in den letzten Jahren auch Lydon, der sich mit seiner Affinität zu Donald Trump und einem konservativen Weltbild den "Tu was du willst" - Gedanken der Szene pervertierte und sich für ein Dasein als Arschloch entschied. Die Aussagen des Mannes, der zwischendurch aussah wie ein kortisongesalbter Hamster im Sterben, sind mittlerweile in so unerträglichen Dummheitsgefilden angekommen, dass er von den Schreibtischnazis hinter "Compact" mit einem arschkriecherischen 18 - Minuten - Video gewürdigt wurde. Ein Grund mehr, Temples Film hervor zu kramen: um sich an Johnny Rotten zu erinnern, der coole Typ, der Lydon leider seid Jahren nicht mehr ist und der zwischen einer von mehreren Reunions starb.

"The Filth and the Fury" ist ein Zeugnis einer Zeit, in der jeder Punk sein wollte, aber sich niemand die Klamotten dazu leisten konnte und bevor Irokesenschnitt, Arbeitslosigkeit und Oettinger Export der unangenehme Szenestandard waren. Scheißegal, ob auf dem klassischen Lager, ob politisch oder Oi!, Poppunk - Liebchen oder Crustcore - Rebell, schaut diesen Film: unter anderen den Herren da habt ihr den ganzen Klumpatsch zu verdanken, ob ihr wollt oder nicht. 

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