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In welch' herrlichen Zeiten wir doch leben! Göttlicher Gnade und dahinschmilzenden Finanzreserven zum Danke hatte ich gestern die einmalige Chance auf die Erfüllung eines Jugendtraumes und durfte mit den Sex Pistols eine meiner drei absoluten Lieblingsbands live sehen: ich habe mir die Selle aus dem Leib gebrüllt und mir für einen absoluten Apothekerpreis das gute Gefühl erkauft, dass Punkrock nun endlich friedlich entschlafen ist und nicht mehr von identitätslosen Kommerzgeiern und dem Ficken, Oi! - Bodensatz am Leben erhalten wird. Ja, ich bin und bleibe trotz dem Fluch der späten Geburt manischer Sex Pistols - Fan und verkünde hiermit stolz, mehr Zeit und Energie in mein Fansein investiert zu haben als andere gleichaltrige beim Schulfußball, den Zeugen Jehovas oder der jungen Union verschwendet haben.

Und dennoch muss ich gestehen, "The great Rock'N'Roll Swindle" bis vorhin nicht gesehen zu haben, wahrscheinlich auch, weil viele bedeutende Szenen des Filmes an anderer Stelle recycelt wurden: Musikvideos, Dokus über die Band, die Szene mit dem Scheiterhaufen, Sid Vicious' legendäres Sinatra - Cover und die herrlich kruden Zeichentricksequenzen hat man halt alle mal schon gesehen. Um diese Art von Film zu genießen muss man sich als zuschauer schon ins jahr 1980 zurückversetzen, als Bewegtbilder der band rar waren, im deutschen TV wahrscheinlich noch seltener als im vereinten Königreich und auf Abruf schon mal gar nicht. Auf der Ebene funktioniert dieses bewusst als Abzockwerk inszeniertes Collagenstück auch sehr gut: als launiger bunter Punkrock - Mondo zum Feiern.

Der Anfang lässt mitunter einen unerbaulichen Horrorporno vermuten, ist aber nur die Einleitung zu der wilden Achterbahnfahrt, die die Laufbahn der Pistols darstellt: Manager und PR - Genie Malcolm McLaren steht im feinsten SSM - Gimpdress vor der Kamera und erklärt, dass das ganze Konzept Sex Pistols reiner Betrug war, der ihn und seine musikalischen Kollaborateure reich gemacht habe. Das erklärt Herr McLaren übrigens nicht nur an einer Stelle, sondern verstreut einige zynische Lektionen durch den Film, die er meist seiner kleinwüchsigen Assistentin Helen erklärt.

Ihm auf der Schliche kommen will - paradoxerweise - Gitarrist Steve Jones als Privatdetektiv und er selbst. In wessen Auftrag er rumschnüffelt und warum er als offensichtlicher Mittäter im großen Rock'N'Roll - Betrug dessen Aufdeckung beschleunigen will bleibt unklar, spielt aber auch keine Rolle, weil der durch den Film wehende Plothauch ohnehin nur dem zwecke dient, die Archivaufnahmen zusammenzukleben und den Zuschauer per Abwechslung bei Laune zu halten. So gibt es zwischen den diversen Auftritten der Band und einigen herrlich stumpfen Cartoonsequenzen auf unterstem Hannah - / Barbera - Schnittkellerviveau immer wieder abstruse Sequenzen, in denen sich der schauspielerisch eher mäßig begabte Jones sich durch das Drehbuch hangelt und in denen man einige kleine, aber feine Absurditäten zu sehen bekommt. Der schon etwas begabtere Amateurmime Malcolm McLaren erklärt unter dessen munter seinen Schurkenplan, der am Ende keiner ist, weil ausnahmslos alle inklusive dem Publikum bereitwillig mitgemacht haben: Wenn man den Leute sagt, dass es Betrug ist, ist es kein Betrug mehr.

Der Film hier ist komplett auf vergangene und einige fiktive Skandale ausgelegt. Eigenst für den Film besuchten Jones und Drummer Paul Cook beispielsweise den Zugräuber Ronnie Biggs, um mit diesem im brasilianischen Wahlexil eine schroffe Nummer mit Bassbegleitung von Naziverbrecher Martin Bormann zu spielen - zum Glück nicht der Echte! Am Ende wird der Betrug im Kino dann offensichtlich, als sich Steve Jones' Charakter der Tatsache gewahr, eine Filmfigur zu sein, aber zuvor hat Salonanarchist McLaren sich selbst in einem Interview gestellt und sich mit der Gage verpisst.

Diese irre Zeitkapsel hat es in sich: bei aller Satire ist der Wahrheitsgehalt ein faszinierend hoher, was die Band retrospektiv nur noch sympathischer macht. Das Vorhaben Sex Pistols und ihr radikales Flächenbombardement der stagnierenden britischen Kulturlandschaft hat aber auch Opfer gefordert und so hatte man bereits 1979 mit Scheinbassist und Vorzeigepunk Sid Vicious den ersten herben Verlust zu beklagen: Von seiner Lebensgefährtin, der gelangweilten Bonzengöre Nancy Spungen zum Heroinkonsum verführt musste der sich nicht nur des vermeidlichen Mordes an dieser verantworten, sondern sein Leben mit gerade einmal 21 Jahren durch die Nadel lassen. Von daher ist der Ton, auf dem der zwei Jahre verspätet in die Kinos geworfene Film endet ein tragischer. Das Symbol des absaufenden Cartoon - Piratenschiffes mit der desorganisiert durch die Gegend feuernden, rotzbesoffenen ist von daher ein recht passendes: Die Pistols haben alles in ihrem Weg zerschossen, Chaos verbreitet und sich eine gesamte Gesellschaft zum Feind gemacht. Das bei gleichzeitiger Popularität hinzukriegen ist ein Kunststück, dass danach keiner Band mehr gelungen ist. Vielleicht ist das Geheimnis, sich dem Pöbel, dem man den Spiegel vorhält, nicht am Ende doch noch anzuschließen, ein Rat, den bis auf den späten John Lydon scheinbar alle Mitglieder befolgt haben. Der Rest von uns hat immer noch "Never mind the Bollocks..." und diesen Film als höfliche, aber bestimmte Erinnerung daran, dass Anpassung sich doch nicht auszahlt.






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