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Als ich 7 - jährig und gerade des Lesens und Schreibens mächtig in einer bei einem meiner in den 90ern noch recht raren Kinobesuche erbeuteten Programmzeitschrift den Titel von Jan Kounens Debutfilm unter der Genrebezeichgung "Thriller" sah stellte ich mir (und später meinen Eltern folgende Fragen: 1. Wer oder was ist ein Dobermann? und 2. Heißen "Thriller" so, weil's Filme für Pfeifen sind? Okay, letzteres fragte ich mich nicht, aber ersteres entzog sich als Ahnungsloser in Sachen Hundehaltung tatsächlich meiner Kenntnis. Auf die Erklärung, dass es sich um eine Hunderasse handle malte ich mir (die Inhaltsangabe und Kritk des Artikels hatte ich offenkundig nicht gelesen) einen Actioner über einen amoklaufenden Hund aus.

Die Jahre später folgende Feststellung, dass es sich bei besagtem Dobermann um die pulpige Ausgeburt des französischen Schriftsteller Joel Houssin handelte, der Boss einer knallharten Bande von Schwerverbrechern ist (der Dobermann, nicht Joel Houssin) war für einen vom Gangsterfilm unbegeisterten Teenager eher ernüchternd. Dann geschahen zwei Dinge: 1. Quentin Tarantinos Filme traten in mein Leben und 2. Einige Jahre zogen ins Land.

Um eines vorweg zu nehmen: Bereits zu Beginn ist hier Hopfen und Malz verloren. Zumindest für den kleinen Yann Le Pentrec: Dem Sohn aus scheinbar nicht allzu gutem Hause fällt bereits bei der Taufe seine erste Waffe in die Hand. Jahre später verdingt er sich mit Hilfe seiner Gang und Zweitfamilie bestehend aus Freundin Nat, einem Priester auf Abwegen, dem infantilen Pitbull und dem cholerischen Moustique seinen Lebensunterhalt als Bankräuber.

Wo der Dobermann und seine Bande zusammenhalten wie Pech und Schwefel lässt eine desorganisierte und inkompetente Polizei nicht lange auf sich warten. Insbesondere der grenzpsychopathische Sadist Cristini lässt von Folter bis hin zu Kindesmisshandlung nichts unversucht, um die Bande in den Knast zu verfrachten. So ist das Maß nach dem letzten erfolgreichen Überfall der Crew auch schon schnell zur Neige gefüllt. Im Club von Dobermanns Patenonkel Joe stellt die Polizei der Gruppe eine Falle.

Design oder Nichtsein - Kounen entschied sich für ersteres und das kreidet man ihm heute noch gerne an. Und das seit den 90ern: Ironisch, wenn man bedenkt, wie oberflächlich dieses Jahrzehnt war, wir reden hier schließlich von jener Dekade, in dem der Techno kommerzialisiert und das Genrekino alter Tage von Quentin Tarantino recycelt wurde. Der Dobermann geht intellektuell nicht über seine Die gegen wir - Außenseiterrhetorik hinaus und ist auch als Kriminalstück zum Thema Bankraub selbst für diese Zeit nicht besonders innovativ, was den Plot betrifft. Aber darf ein Film nicht einfach verdammt nochmal Spaß machen!? Ich schätze die übertrieben Charaktere für ihre Macken, mag die trippigen Einschübe inklusive der schrägen Szenenübergänge und sogar der grottigen Introanimation und gerade der Hauptteil im Club verdient auf optischer und Handlungsebene meinen vollsten Respekt: Kounens Film ist Edeltrash mit schrägen Ideen und Figuren, die entweder babywerfende Psychoschurken oder vollvermackte Freaks aus einem verdrogten Wanderzirkus, der sein Eintritssgeld an der örtlichen Sparkasse eintreibt. Auf rohstmögliche Weise versteht sich.

Kann man die herrliche Hohlheit dieses Filmes dem Regisseur wirklich in die Schuhe schieben oder trägt da nicht auch irgendwo der von Tarantino ausgelöste Trend des Gangsterstreifens eine gewisse Mitschuld? Der Film lehnt sich überdeutlich an di bisherigen Werke des Ex - Videothekars Tarantino an, hat aber genug eigene Elemente, um sich als Geheimtipp des Genres zu qualifizieren. Zumindest sind das meine Gedanken, die mir gerade wie eine im Motorradhelm steckende Handgranate ohne Sicherungsstift durch den Kopf gehen.

Kounen hat sein Stickeralbum geplündert, seine liebsten Abziehbilder auf ein Blatt Papier geklebt und eine kranke, dreckige Welt um sie herumgemalt, der sie sich gefälligst anzupassen haben oder auch nicht im Falle des Dobermanns und seines Rudels. Während dieses wütenden Trips bleibt sowohl dem Dobermann mitsamt Freundin Nat genug Zeit, um uns direkt und bar jeder Subtilität den Sexappeal des Verbrechens zu parodieren während Gegenspieler Cristini den klassischen Actionhelden als faschistoides übergriffiges Arschloch entlarvt, ebenfalls nach der Dampfhamermethode und komplett mit dümmlichen Einzeilern, die selbst den stets pöbelnden Dobermann zivilisiert erscheinen lassen. Herausgekommen ist ein vielleicht nicht allzu gut gealtertes und nicht besonders intelligentes Stück Spätneunziger - Nostalgie mit sehr viel kalter Proto - Matrix - Cluboptic und reichlich comicartigen Ideen, der aber durchaus Spaß macht und ja, durchaus mehr als aus dem fahrenden Auto heraus die halbe Fresse auf dem vorbeischnellenden Asphalt abgeschabt zu bekommen. Also Leute: schaut den Dobermann und zeigt Gesicht anstelle von Mittelfingern.







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