Review

Jim Carrey in Reinform – das ist seit dem Millenniumswechsel rar gesäte Ware. Nichts gegen seine ernsteren Schauspielambitionen; von denen habe ich zwar noch nicht viel mitbekommen, aber in „Der Mondmann“ hat er mir zum Beispiel sehr imponiert und bewiesen, dass er nicht nur auf das Komödienfach beschränkt werden sollte. Wenn es ihn dann aber doch mal wieder ins Hauptfach Komödie verschlägt, werden die nach wie vor erkennbaren guten Ansätze durch Kompromisshaftigkeit und Weichspülerei seitens der Studios nicht selten zerstört. In „Bruce Allmächtig“ etwa blitzt immer wieder die alte Schule auf, wird aber im Gesamtbild durch erschlagende Hollywood-Moral und Tränendrückerei so sehr verdünnt, dass es zur Geschmacksleere kommt.

„Der Dummschwätzer“ ist eines der letzten, verhältnismäßig unbeachteten Glanzstücke seiner meisterhaften Grimassenkomik. Gleichzeitig ist es einer der letzten Carrey-Filme, in denen die Komik die Moral in Beat'em'Up-würdigem Stil niederringen kann. Zuletzt blieb der Sieg nämlich immer auf Seiten der Moral.

Als erstes sollte ich mich im Namen der deutschen Vertreiber für den unsäglich dummen Titel entschuldigen. „Der Dummschwätzer“ lässt auf inhaltslosen, plumpen Klamauk à la Bud & Doyle schließen, auf banale Albernheiten anstatt von überlegter Situationskomik.
Der Originaltitel trifft es da schon besser: „Liar Liar“ ist ein intelligentes Wortspiel, das auf die Ähnlichkeiten der englischen Bezeichnungen „Liar“ (Lügner) und „Lawyer“ (Anwalt) anspielt. Hier haben wir es also mit einer orthographischen Kuriosität zu tun, die scheinbar nur zufällig derartige literale und vor allem orale Übereinstimmungen aufweist in der Bezeichnung einerseits einer schlechten Angewohnheit und andererseits eines Berufes, der im Volksmund gerne mit dieser Angewohnheit konnotiert wird.

Die Ausgangsposition ist also schon mit dem Titel angedeutet: Fletcher Reede (Jim Carrey) ist ein Rechtsanwalt, der mit dem Lügen sein Geld verdient. Dies wird uns in der ersten Einstellung zumindest angedeutet. Während noch der Vorspann läuft und die Titelmusik eingespielt wird, sehen wir Fletchers Sohn Max, wie er in seiner Klasse sitzt. Die Lehrerin fragt nach den Berufen der Eltern. Und Max sagt, nicht ganz sicher bezüglich des genauen Wortlautes: „Mein Vater ist... Rechtsverdreher“.

Die Kritik am Justizsystem, das (zumindest diesem Film zufolge) so aufgebaut ist, dass derjenige gewinnt, der die Wahrheit am geschicktesten verdrehen kann, wird dabei allerdings nur sekundär geäußert. Im Zentrum steht vielmehr das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Denn Carrey spielt einen Menschen, der die Arbeit mit nach Hause bringt; und damit auch die Lügerei. So wird auch sein Sohn nicht von falschen Versprechungen verschont. Es kommt zur Belastungsprobe des ansonsten sehr gesunden Vater-Sohn-Verhältnisses. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Fletcher Reede von seiner Frau geschieden lebt und diese bereits wieder mit einem Mann zusammen ist, der sehr erfolgreich im Beruf ist, sich aber gleichzeitig auch um die Gunst des Jungen bemüht.

Die anfangs angesprochene Brechstangenmoral verschont uns also auch hier nicht, wie man sieht, und sie hat in der Ausgangskonstellation ihren Ursprung. Kindesgerecht, wie es sein muss, liebt Fletcher seinen Sohn innerlich natürlich, wie ein Vater seinen Sohn nur lieben kann; er ist nur Opfer seiner eigenen Persönlichkeit, die Fremde eher als Instrumente sieht, um die eigenen Ziele zu erreichen. Mandanten sind nichts weiter als Geldbündel, Richter sind die zu manipulierende Maschinerie, für den beruflichen Werdegang unwichtige Personen wie die Penner auf der Straße sind nichts als unnötiger Ballast. Ihn interessieren lediglich Max und mit Abstrichen auch seine Ex-Frau, doch als Gefangener seiner eigenen Art und Weise verletzt er immer wieder die Menschen, die er liebt. Mit anderen Worten: Fletcher ist ein herzensguter Mensch, an dem nur ein paar Änderungen nötig sind. Eine Klischeebombe, wie sie im Buche steht. Und eine Garantie für eine gehörige Portion Schmalz im alles und jeden vereinenden Happy End.

Tja, und ausgerechnet die schwachsinnigste und abwegigste Idee, die Tom Shadyac und seine Mannen auftreiben konnten, verhilft dem Film zu Qualität. Es wird nämlich ein eigentlich überhaupt nicht in die Thematik passendes Fantasyelement eingebaut, indem man dem Jungen die Gabe in die Hände legt, seinen Kerzen-Auspuste-Geburtstagswunsch wahr zu machen: sein Vater soll mal einen Tag lang nur die Wahrheit sagen.
Dabei bin ich mir sicher, dass man auf ein logischeres Explanandum zurückgegriffen hätte, wenn man gewusst hätte, wie man es rational erklären soll, dass Fletcher nicht mehr lügen kann. Nicht: nicht mehr wollen oder nicht mehr dürfen, nicht mehr KÖNNEN. Aber da waren die Storywriter wohl am Ende ihrer Vorstellungskraft angelangt. So mancher Mensch mit wenig Geduld dürfte sich hier schon abgewendet haben. Dadurch könnte man aber einiges verpasst haben, denn mit dem Moment, in dem der kleine Max die Kerzen auspustet... ja, da geht die Luzi ab!

Freies Feld für Carrey. Scheiß auf die „Ich bin ein schlechter Vater, aber ich liebe dich doch so sehr“-Grundlage, nun darf sich der Zuschauer über eine One-Man-Show freuen, die ihresgleichen sucht. Der Gerichtssaal wird zum Theater, in dem Carrey binnen kürzester Zeit zum Kasperle mutiert, und zwar wie aus dem Handgelenk, was die Outtakes am Ende des Films beweisen. Die stehen den tatsächlich verwendeten Szenen nämlich in nichts nach und dokumentieren Carreys Improvisationstalent.
Überhaupt lebt das ganze Konstrukt von der Improvisation des Meisters. Inhaltlich bleibt Shadyacs Komödie unglaublich flachbrüstig. Doch Carrey pumpt das Geschehen mit einer derartigen Genialität auf, dass sein Regisseur ihm hoffentlich nach dem Dreh herzlich gedankt hat. Er vermischt Mimik und Gestik miteinander, dass man nicht selten meinen könnte, über ihm stünde ein „Master of Puppets“ und würde an den Fäden ziehen, um Carreys schlaksigen Körper in Bewegung zu versetzen. Die Dialoge aus dem Skript werden mit Eigenkompositionen gewürzt, die Vielfalt der Ausdrucksweisen scheint ihm aus jeder Pore zu tropfen.
Dies alles geschieht natürlich in Bezug auf die Tatsache, dass seine Figur nicht mehr lügen kann. Einmalig bleiben Aktionen wie etwa der Versuch, mit einem roten Stift „Dieser Stift ist grün“ zu schreiben, oder die Selbstvermöbelung auf der Toilette des Gerichtsgebäudes. Andere Situationen wie die, in der Fletcher nach dem Sex mit seiner Anwaltskonkurrentin „Na ja, ich hatte schon bessere“ sagt, deuten mit einem leichten Seitenhieb auf gesellschaftliche Konventionen hin, in denen wir gezwungen sind, zu lügen.
Abseits solcher sozialkritischen Elemente darf aber trotzdem eher der platte, sinnfreie Schenkelklopfer zum eigentlichen Verdienst der Hampeleien Carreys gemacht werden, der wie ein befreiender Rundumschlag deftige Lachkrämpfe verursacht und Hals, Nase und Ohren freimacht, wie es kein Hustenbonbon auf der Welt schafft. Komödien tun sich oft schwer, ihre eigene Intention wirklich in Perfektion auszuführen. Die meisten Beiträge erzwingen uns ein müdes Lächeln und das war's. Nicht so jedoch hier. Meiner Einschätzung nach dürfte der Beleidigungsrundumschlag Fletchers gegen seine Vorgesetzten im Konferenzsaal der absolute Höhepunkt sein. Wer da nicht auf dem Boden liegt, der hat entweder gar keinen oder einfach zu anspruchsvollen Humor.

So wie ich im letzten Abschnitt vergisst man als Zuschauer beim Ansehen des Films zwischendurch die emotional durchtränkte Vater-Sohn-Geschichte, was ein guter Indikator für kurzweilige Unterhaltung ist. Natürlich wird man immer wieder auf die Probleme aufmerksam gemacht, vor allem durch den neuen Kerl von Fletchers Ex-Frau. Schmierig wie immer dargestellt von Cary Elwes, stellt sich dieser direkte Konkurrent weder als richtig sympathisch noch besonders unsympathisch heraus, stets jedoch als unpassend. Letztlich ist er die Antriebsfeder für das Ultimatum, da er Fletchers Familie mit nach Boston nehmen will und dementsprechend nur noch wenig Zeit bleibt. Das Finale spielt sich deswegen auch auf dem Flughafen ab, wo dann genrebedingt in die Actionsphären vorgestoßen wird, um alles mit einem dicken Knalleffekt aufplatzen zu lassen. Natürlich wird auch das Happy End forciert, wobei sich Elwes` Charakter plötzlich als Hindernis im Plot darstellt. Dass er Fletcher letztendlich ohne Kampf und mit einem verständnisvollen Grinsen im Gesicht das Feld überlässt, passt überhaupt nicht in das Ende hinein, die sensibleren Zuschauer dürften sogar beinahe Mitleid mit ihm empfinden.

Aber zu dem Zeitpunkt, als sich Fletcher und seine Ex in ihrem Haus wieder versöhnen, ist man in Gedanken sowieso noch bei den Spaßeskapaden aus der Mitte des Films. Die Moral wird von der übermächtigen Comedy glücklicherweise geradezu erdrückt. Sicher hätte man sich noch schwärzeren Humor und einen weniger gefühlsduseligen Unterbau gewünscht, aber die entsprechende Entschädigung findet man im größeren Mittelteil des Films, der aller Ehren wert ist. Also, wenn sich da nicht selbst der Ernst vor Lachen kugelt, dann weiß ich auch nicht.

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