“Warum lassen Sie uns überwachen?” – „Für Ihre Sicherheit!“
Der Polit-Thriller „Z“ des griechischen Regisseurs Costa-Gavras („Das Geständnis“) erschien im Jahre 1969 und entstand vor dem Hintergrund des griechischen Militärputsches aus dem Jahre 1967, der durchgeführt wurde, nachdem die reaktionäre Regierung Griechenlands 1963 von der Opposition abgelöst wurde, weil sie über ein Mordkomplott zwischen Militär und regierungstreuen Gruppierungen stolperte: Der Pazifist und Oppositionelle Grigoris Lambrakis wurde 1963 ermordet. Der genrebildende Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Vassilis Vassilikos und wollte im eingeschüchterten bzw. duckmäuserischen West-Europa der 1960er-Jahre von niemanden produziert werden, weshalb Eric Schlumberger und Jacques Perrin eine eigene Produktionsfirma gründeten. „Z“ wurde in algerisch-französischer Koproduktion realisiert und in Algier gedreht. Hochkarätige Schauspieler wie Yves Montand („I wie Ikarus“), Jean-Louis Trintignant („Leichen pflastern seinen Weg“) und Irene Papas („Don’t Torture a Duckling“) verzichteten auf Gagen in üblicher Höhe und halfen so, den Film umsetzen können.
„Z“ nimmt zwar eindeutig Bezug auf die Entstehung der griechischen Militärdiktatur, wurde jedoch allgemeingültig inszeniert und die Handlung an einen im Film nicht näher bezeichneten Ort in einem nicht näher bezeichneten europäischen Staat verlegt. Die Schlüsselfiguren der Handlung haben häufig keine Namen, sondern definieren sich über ihre Funktionen wie Politiker, Ermittlungsrichter, Staatsanwalt, Polizeioberst etc. Daran tat Costa-Gavras gut, denn „Z“ ist ein Lehrstück über die Zerbrechlichkeit der westlichen „Demokratien“, das sich problemlos auf viele Staaten anwenden lässt. Dennoch macht man durch eine Texteinblendung zu Beginn unmissverständlich klar: „Übereinstimmungen mit real existierenden Personen und Ereignissen sind gewollt.“
„Z“ ist ein wütender, aufrührerischer Film, dem man die Emotionalität des griechischen Regisseurs zu jeder Sekunde anmerkt und der hochgradig mitzureißen vermag. Trotz der nüchternen Distanz zu seinen Charakteren zeichnet „Z“ leidenschaftlich die griechischen Ereignisse von Beginn an nach und setzt bei einer sabotierten Oppositionsveranstaltung an, aus der ein Mord an einem Oppositionspolitiker resultiert. Der künstlich aufgewiegelte Volkszorn wird in erschreckender Weise unverblümt dargestellt und der Nüchternheit der Erzählweise sind ungeschönte, sehr direkte Bilder von Angriffen auf pazifistische Oppositionelle geschuldet. Als Zuschauer ist man ins Geschehen von Anfang an voll involviert, statt es in trockenen Rückblenden nach und nach berichtet zu bekommen. Dabei legt Costa-Gavras für seinen rund zweistündigen Film ein rasantes Tempo vor und kann sich auf einen intelligent angewandten Schnitt verlassen, der das Publikum stets den Überblick bewahren lässt. Lediglich für Bilder der trauernden Witwe wird das Tempo zwischenzeitlich gedrosselt.
Eindrucksvoll und allgemein verständlich, ohne sich bis in Profanitäten zu abstrahieren, zeigt „Z“ auf, wie ein Konglomerat aus Exekutive, Regierung und inoffiziell ausführendem Pöbel in Form einer rechtsradikalen Demagogentruppe, selbstgefällig und faschistisch gegen subversive Elemente und vermeintliche Feinde der Demokratie hetzt, mordet und zu vertuschen versucht. Auch inneroppositionelle Konflikte wie der zwischen Pazifismus und aktiver Notwehr werden thematisiert, wobei der Ausgang des Films, der deckungsgleich ist mit der historischen Realität, erkennen lässt, weshalb sich antifaschistische und antimilitaristische Bewegungen als Konsequenz gezwungen sehen, das staatliche Gewaltmonopol nicht zu akzeptieren. Dank seiner ausgezeichneten Besetzung bereitet es „Z“ nie Probleme, seine Authentizität spürbar zu machen, quasi sämtliche Darsteller erscheinen motiviert bis in die Haarspitzen.
Ungefähr ab der zweiten Hälfte des Films bekommt man detaillierte Einblicke in die Arbeit des Untersuchungsrichters, der sich unbeirrbar seiner Aufgabe verpflichtet einen Verantwortlichen nach dem anderen vorknöpft und schnell in Ungnade fällt, da er nicht gewillt sich, sich vom Einschüchterungspotential hoher Dienstgrade, vom kitschigen Pomp von Uniformen oder dem autoritären Habitus ihrer Träger beeindrucken zu lassen. Wenn sich elitär glaubende Autoritäten auf unverbogene Aufrichtigkeit treffen und ihre Vormachtstellung einbüßen, knistert die Luft und erlebt der Zuschauer endlich ein gewisses Maß an Genugtuung. Diese Momente sind es auch, in denen sich „Z“ vorsichtig satirischer Elemente bedient, die es bereits zuvor hier und da in die Handlung geschafft hatten, anzusiedeln zwischen Spott für die Reaktion und Galgenhumor. Das realsatirische Potential des Films kommt ebenfalls immer mal wieder aufgrund im Zuge der nüchternen Vortragsweise eigentlich unfassbarer Ereignisse zum Tragen. Nachdem Bauernopfer gebracht wurden und die antidemokratische Regierung dennoch ihren Hut nehmen musste, währt die Freude nicht lange, denn wie die Realität seinerzeit endet auch „Z“ mit dem Verweis auf die Militärdiktatur und erklärt letztlich auch, warum er eben diesen Titel bekam. Das wirkt auf den unbedarften Zuschauer, der mit den realen Hintergründen möglicherweise nicht vertraut ist, wie ein satter Schwinger in die Magengrube und lässt ihn ratlos und ohnmächtig zurück – wie so viele seinerzeit.
Damit ist „Z“ eine Wucht von einem Film, ein politkritischer Thriller par excellence, der kein Blatt vor den Mund nimmt und eindeutig Position bezieht, wo es eigentlich nur eine Position geben kann – jedoch innerhalb eines gesellschaftlichen Klimas, das in einer unheilvollen Mischung aus antikommunistischer Paranoia, selbstverleugnender, ideologisierter Bündnistreue sowie wirtschaftlichen Interessen folgender Korruption und versuchter Gleichschaltung mutiger Aufrüttler dringend bedurfte. Ein Film wie „Z“, der sowohl auf inhaltlicher wie auf handwerklicher Ebene voll überzeugt und nachhaltig etwas im Betrachter auszulösen vermag, sollte – ebenso wie das Buch „Unser Faschismus nebenan“ von Günter Wallraff und Eckart Spoo, das sich ebenfalls eindrucksvoll mit dem Thema auseinandersetzt – zum Pflichtstoff im Politik- oder Geschichtsunterricht werden.