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Rückkehr in die bayrische Provinz - ein Jahr ist vergangen, seit in "Beste Zeit" die Teenagerinnen Kati und Jo ihren Träumen über die Flucht aus der dörflichen Heimatidylle nachsinnten, doch inzwischen haben sich die Dinge verändert. Kati ist nicht nach Amerika gefahren, doch das Schulende, das Abitur naht und damit eröffnen sich neue Möglichkeiten: Volljährigkeit, Arbeit oder Studium, die Reise in ein neues Leben, vielleicht irgendwo in der Stadt.
Doch vor allem geht es darum, die alten Träume endlich wahr zu machen, wegzufahren, gemeinsam als Blutsschwestern, einmal um die Welt oder zumindest durch Europa, irgendwie weg, ohne Plan, ins Blaue.
Aber wie das Leben nun einmal so tickt, es kommt immer anders, als man denkt: die Reise steht unter einem schlechten Stern, das Auto verreckt just jenseits der Grenze (nach Österreich), dann wird der Opa krank und die Freundinnen müssen zurück zum Start - und werden erst jetzt gewahr, das sie sich längst in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

Es wäre zu schön, wenn man "Beste Gegend" als kongeniale Fortsetzung zu "Beste Zeit" ansehen könnte, aber diskutabel bleibt auch Marcus Rosenmüllers zweiter Beitrag zu seiner "Landjugend"-Trilogie, die etwas forciert um das Nichts an Handlung kreist, das die Dinge in Bewegung hält.
Viel und wenig zugleich hat sich entwickelt seit dem letzten Besuch, die Schule ist vorbei, die Erwartungen steigen. Die alten Freunde sind in die Heimat noch mehr hinein gewachsen, der liebevolle Nerd Rocky ist inzwischen etabliert und hat seine Freundin (man hätte da Kati erwartet) überraschend und versehentlich geschwängert. Zwischen Biergarten und Wiesnparty regt sich wieder der Fluchtgedanke. Aber wirklich entwickeln dürfen sich die Figuren nicht, zu sehr hängt das Prinzip der Filme an der Kontroverse zwischen der lockenden Ferne und der heimatlichen, wenn auch frustrierenden Sicherheit.

Das ist an sich zwar ein gutes Motiv, aber wie es sich entwickelt, ist mäßig konstruiert. Die Europareise in dem klapprigen alten Mercedes ist so wenig durchdacht, wie gut geplant; es ist und bleibt eine Flucht ohne Ziel, bei der nur unklar ist, wer sie nötiger braucht und wer mehr Durchsetzungsvermögen hat. Dem muß man alles unterordnen oder Prioritäten setzen und ein nahender Todesfall verändert nun mal alles, zumindest wenn der Wunsch stärker als die Vision dahinter ist.
Die Mädchen feiern ihren Grenzübergang, aber ihr Vorhaben bleibt schwammig, milchig, undefiniert und nach den notwendigen Rückkehr in den heimischen Schoß driften beide auseinander. Während Kati ihrem Großvater einen gewissen letzten Wunsch erfüllt, was eher filmisch klischeehaft erscheint, obwohl sie dazu ihre beiden verflossenen Männer einspannt, entwickelt sich die in diesem Film stärker betonte Jo in eine ganz andere, egoistischere Richtung. Praxisorientiert verläßt sie ihren treuen, aber sehr fest steckenden Freund Toni (obwohl gerade der einen scheinbaren Revoluzzeranspruch an sich hatte) und nähert sich dem einzigen Mann an, der den Absprung in die Stadt geschafft hat - und daran scheiterte. Der in einem Wohnwagen hausende Lugge (im Vorfilm noch mehr oder minder eine mythisch überhöhte Figur) scheint der zu sein, der von der Welt erzählen kann, daß er es aber selbst nie geschafft hat, seine Träume umzusetzen, ist das bittere Fazit.
Wieder schlägt Rosenmüller so einen Bogen, der bieder und konservativ wirkt - Scheitern auch als Chance, die elterliche Beschwörung der Sicherheit als logische Konsequenz - und wieder fällt die Entscheidungsgewalt auf den Zuschauer zurück.

Problematisch ist nur, daß der Streitwert der unterschiedlichen Entwicklung der beiden Mädchen konstruiert wirkt, die eher robuste Jo des ersten Films versaut hier ihr Abi, entwickelt Aufbruchstimmung und schottet sich schließlich ab, während Kati in der medizinischen Krise ihre Umgebung nicht mehr wahrnimmt. Solche Entwicklungen sind möglich, aber im künstlichen Provinzrealismus wirkt das alles bemüht und gewollt, auch wenn am Ende wenigstens ein Aufbruch in die Ferne realisiert wird.
So ist die Natürlichkeit von "Beste Zeit" in "Beste Gegend" etwas flöten gegangen, auch wenn im Hintergrund die Basisdaten noch stimmen; der Film wirkt mehr von Hollywoodbildern motiviert, als seinen eigenen Weg natürlich fortzuschreiten und nähert sich so bekannten Coming-of-Age-Vorbildern an - die lakonische Leichtigkeit der Schwere des Seins ist jedoch vermutlich unwiederbringlich dahin, nicht zuletzt auch weil Rosalie Thomass und Anna Maria Sturm inzwischen nicht mehr wie unreife Teenager wirken, sondern mehr wie erwachsene Frauen, die sich so geben, als wären sie noch jünger.

Rosenmüller tut gut daran, für "Beste Chance" auf einen Zeitsprung zu setzen, der das Ende einer Entwicklungskurve zeigt und muß dann beweisen, wohin sein Kompass zeigt. Hier gibt es nur zu lernen, daß gemeinsame Träume selten unter einen Hut passen und man manchmal einfach sein Ding machen muß - am Ende muß jeder seinem Herzen und seinem Kopf folgen.
Diese banale Botschaft ist zwar ewig frisch, aber im Kontext der Realismusnähe leicht angestaubt. (6/10)

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