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Nicht sonderlich nahe liegend, einen Film mit diesem emotionslosen Titel als liebevoll charmant einzustufen, doch mit der Vorgeschichte des tschechischen Vater/Sohn Gespanns Sverák und dem Oscargewinner 1997 für den besten ausländischen Film „Kolya“ wird einiges deutlich.
Denn mit „Leergut“ wird die Trilogie der Lebensalter geschlossen, was dem Duo in ihrem Heimatland den bislang größten Kinoerfolg bescherte. Nicht ohne Grund, da der Streifen über das Leben im Alter mit feinsinnigem Humor und behutsam ausgearbeiteten Charakteren überzeugt.

Im Mittelpunkt steht der 65jährige Beppo Weberknecht (Zdenek Sverák), der seinen Beruf als Lehrer kündigt, jedoch nicht, um seinen Lebensabend ausschließlich in den eigenen vier Wänden mit Ehefrau Eli zu verbringen. Nachdem der Versuch als Fahrrad-Courier zu arbeiten unsanft beendet wird, versucht sich Beppo als Arbeiter an der Leergutannahme im Supermarkt. Schnell knüpft er Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden und versucht einsame Menschen zu verkuppeln. Wenn da nur nicht ständig diese erotischen Träume mit den jungen Frauen in Strapse im Bahnabteil wären…

Es sind diese genau beobachteten Tücken und Unwegsamkeiten des Alltags, die das Zusammelspiel der Figuren so sympathisch erscheinen lassen. Beppos Ehe ist zwar nicht zerrüttet, aber es fehlt seit langem der Pep. Insofern kommt es zu wohlbekannten Szenen, als er sich den Joghurt aus dem Kühlschrank holt und sie kurz darauf von nebenan ruft: „Im Kühlschrank steht noch Joghurt!“ Beide neigen zu Eifersucht, sind aber einem Blick über den Tellerrand hinaus nicht abgeneigt.
Besonders Beppo erscheint nie als purer Gutmensch, der es allen Recht machen will, was ihn umso liebenswürdiger und zugleich glaubhafter ins Licht rückt.
Er bringt zwar einer gehbehinderten Kundin die Einkäufe nach Hause, erscheint aber auch zum kuscheligen Date mit der ehemaligen Kollegen, allerdings einen Tag zu früh.
Dabei überspannt Zdenek Sverák (nicht nur Hauptrolle, sondern auch Drehbuchautor) nie den sentimentalen Bogen, driftet weder ins Kitschige, noch ins Melodramatische ab, sondern behält stets die reale Alltagswelt im Auge.

Interessant erscheinen zudem die Nebencharaktere mit all ihren kuriosen Eigenheiten, wie der schweigsame Arbeitskollege „Schwätzer“, der einst aus Eifersucht eine Waffe zückte, nun aber erneut verkuppelt werden soll. Oder der Trinker, der sich am Holzrahmen der Leergutannahme stets den Hinterkopf stößt, Beppos Tochter, die lange Zeit den Annäherungsversuchen eines Lehrers widersteht und nicht zuletzt die Kundin, die stets bauchfrei herumläuft und mit merkwürdigen Strichen rund um denselben einige Fragen aufwirft. Auch die erscheint schließlich in Beppos Träumen, welche stets frisch erlebte Situationen mit heiteren Störfaktoren vermengen.

Der ruhig vorgetragene Stoff hat im Detail eine Menge zu erzählen, bringt wohl temperiert immer wieder kleine Aufheiterungen und weiß durch seinen Dialogwitz zu begeistern.
Vom liebevollen Umgang mit dem Enkel, den Gesichtszuckungen in Stresssituationen, den Rentner-Spaziergängern, aber auch der Angst, als Arbeiter von Flaschenautomaten ersetzt zu werden, wird eine entspannende Mischung geliefert, die erst gegen Ende ein wenig auf der Stelle tritt, da sich viele Handlungselemente nur leicht abgeändert wiederholen. Die handwerklich leicht biedere Inszenierung kann dem ausgleichend nicht entgegen wirken, so dass final ein Tapetenwechsel her muss und der erfolgt in Form einer turbulenten Ballonfahrt, die zudem ein paar wunderschöne Luftaufnahmen liefert.

„Leergut“ zeigt also nicht nur, wie Menschen mit Eintritt ins Rentenalter der Leere entgehen und sich eventuell einen zweiten Frühling gönnen, sondern zieht seine Stärken aus den Gegebenheiten des Alltags, des Selbstwertgefühls und der Liebe.
Regisseur Jan Sverák und Vater Zdenek liefern somit wunderbare 100 Minuten zum Wohlfühlen ab, lebensnah, glaubhaft und einfach sympathisch.
8,5 von 10

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