Dass Männer und Frauen soviel gemeinsam haben und sich vor allem auch gegenseitig so gut verstehen wie Katz und Hund ist keine bahnbrechende Erkenntnis.
Männlich und Weiblich als Gegensatz, als Geschlechterdualismus in sozialer Konstruktion, als das Spalten in zwei Geschlechter, zwei Wesensmenschen, zwei Parteien. Man braucht einander, könnte aber gut und gerne auch mal auf den Anderen verzichten, besonders dann, wenn man Denjenigen nicht versteht und sich sowieso über jede Kleinigkeit mit ihm reibt und zerstreitet. In Exodus tötet man die andere Spezies sogar, im ganz großen Maßstab. Weil sie das Übel der Welt sind.
Der Aufhänger ist es, der Edmond Pangs vorletztes Werk – die Anekdotensammlung Trivial Matters ist bereits abgedreht und startet Weihnachten 2007 – auch neugierig für die Klientel macht, die seiner sacht fragilen Arbeit bisher eher aus dem Wege gegangen sind. Pang macht auch Genre, aber mit eigener Handschrift, eine Art Auteur, der erstmalig wohl mit der Originalidee zu Fulltime Killer aufgefallen ist, in seinen fünf darauf folgenden eigenständigen Regietätigkeiten grundsätzlich mehr Anerkennung auch seitens der Kritiker und des eventuell aufgeschlossenen Publikums erlangt hat. Leicht Schwarze Komödien mit dem zunehmenden Drang zum Drama, tiefgründig, auf ihre Art wahrhaft bis hin zum blanken Zynismus, ruhig gedreht, aber nie gänzlich ohne Dynamik. Wenn man sich auf die Bilder, die Geschichten und vor allem die Figuren einlassen kann, was durch über-behutsames Zeichnen der Situation Manchen durchaus schwer fällt, so werden tatsächlich Sichtweisen erweckt, die zwar nicht neu oder gar wegweisend sind, aber verborgen in Einem schlummerten und nur auf die passende Assoziation zum Miterleben warteten. Auch wenn die harte Konfrontation mit sich selbst hier aufgrund ironischer Theatralität und karitativen Phlegma nicht erreicht wird.
Exodus formuliert zumindest die Ausgangsidee gallig präzise, mit einem diskret schwebenden Oberton aus Gewalt und Furcht, entwickelt sich trotz mehrerer Andeutungen aber weder in einen bipolaren Ausnahmezustand noch dem populären Diskurs über gesellschaftlich differenzierende Strukturen oder soziale Praktiken. Und auch nicht in die noch am deutlichsten als Vorlage benutzte chase novel, deren Spielarten des Kesseltreibens sehnlichst verwendet werden. Sondern wirft ein schon nachdrücklich prononciertes, dennoch dezent apartes Licht auf das Zusammenleben grundsätzlich verschiedener Menschen, auf die Intimität, die Emotionalität, das Vertrauen, besonders aber deren Verlust und auch dem Abschwächen der Liebe und dem Einzug der Alltäglichkeit.
Dass dabei anfangs viel prägnante Mysteryspannung entwickelt, in der die Zwischen- und die Zufälle die Geschichte ausmachen und die Ebenmaß-Methodik der tale of detection angewandt wird, ist der formale Trumpf:
Polizist Tsim Kin-yip [ Simon Yam ], Sergeant, Dienstnummer 4332, Taipo Division, Squad A, übernimmt eines Abends die Schicht für einen Kollegen, wobei er auch die Befragung eines eben gefassten Spanners übernehmen soll. Kwan Pin-man [ Nick Cheung ] gibt auch bereitwillig zu, dass er mit einer DV Kamera die Damentoilette belauert hat, aber nicht, weil er explizite Aufnahmen machen, sondern die Frauen über ihren geheimen Plan aushorchen wollte. Kwan ist der festen Überzeugung, dass die Männer getötet werden sollen und die heimliche Umsetzung bereits im Gange ist. Durch Gift z.b., geruchlos, geschmacklos, unsichtbar. Tsim nimmt die Aussage auf, kümmert sich aber nicht weiter darum, betrachtet seine Ehefrau Ann [ Annie Liu ] prompt trotzdem mit anderen Augen. Richtig stutzig wird er erst, als nicht nur Kwans Statement am nächsten Tag urplötzlich verschwunden ist, sondern dieser auch leugnet, etwas Dergleichen behauptet zu haben. Tsim fragt nach, wer ihn als Letztes besucht hat: Madam Fong Chi-tsing [ Maggie Siu ], die zufällig auch die Asservatenkammer mit Beweisführung leitet.
Die Regieführung verzichtet dabei auf jeglichen Knalleffekt, auch wenn man sich sonst als Spezialist für Konfliktmanagement erweist. Abgesehen von einem albtraumhaften Prolog, der in sehr bizarr perversen Ästhetik auch gut und gerne aus Uhrwerk Orange stammen könnte, wird sowohl von der akzentuierten Bestimmung als auch von anderem offensiven Gebaren abgesehen. Vielmehr macht man sich Kwans hysterische These zunutze und damit auch das Paradoxon, dass eine derart eigenwillig ausgefallene Ansicht überall auf Unglauben prallt. Selbst wenn sie denn wahr sein sollte. Tsim stößt bei seiner Nachforschung nicht nur auf die Barrieren des Zweifels bzw. Skeptizismus, sondern auf das Absprechen jeglicher Gültigkeit. Dass derartige Worte eines Einzelnen wider der Vernunft sind und auch in der Ausführung schon eine logische Absperrvorrichtung erfahren, irritiert ihn nicht weiter und tatsächlich findet er mehrere Ungereimtheiten, auch im Privatleben.
Warum Frauen denn nun zu Zweit ins Bad gehen und was sie dort machen, wird hierbei also auch geklärt. Ebenso, warum sie trotz des Tragens von Röcken eben doch die sprichwörtlichen Hosen in der Beziehung anhaben und dass keine Waffe so spitz ist wie die verallgemeinernden, aber umso hämischen Worte einer Frau. Natürlich arbeitet man dabei auch mit alten, nicht immer schlichtweg falschen Vorurteilen wie der scheinbar angeborenen handwerklichen Unfähigkeit, dem Kuscheln lieber mit der Katze als dem Mann, der quengelnden Schwiegermutter, dem der Beruf des Eidams nicht gut genug ist und die das auch unmissverständlich zum Ausdruck bringt.
Wahrheiten trifft man auch bei dem Portrait der Gemeinschaft der Tsims, die mal als große Liebe begonnen und sicherlich auch deren Essenz noch bewahrt, aber den Funken der Leidenschaft in befallener Midlife Crisis verloren hat. Der Kerngedanke mag existieren, aber die Nuancen haben sich aufgelöst; an der zunehmenden Konformität und am Verlust von Individualität.
Der Film bewahrt sich dies, den Impuls der Inspiration, die Einbildungskraft seines Gedankenguts, die Sorgfalt für das Mit- und auch das Gegeneinander; wobei die wenig bissige Inszenierung eher den als typisch weiblich zugeschriebenen kulturellen Stereotypen anspricht. Behutsam, friedlich, auch geschwätzig, ein wenig unentschlossen, aber attraktiv und aufreizend. Eine desillusionierende, beinahe paranoide Fernsicht mit illusionierender Spannungsdramaturgie auf die Intaktheit kontroverser Streitkultur und der deutlich spürbaren Distanz zwischen den Geschlechtern. Pang weiß um die richtigen optischen Anheizer, formuliert seine unaufdringliche Herangehensweise mit dem Blick für die vermeintlichen Nebensächlichkeiten und einem absolut nicht wettbewerbsorientierten Metrum, ein Rhythmus irgendwo zwischen schläfrig und süchtig machend. Hält sich bevorzugt an wenigen, dafür umso erstaunlicher anmutenden, beinahe entlang einer unwirtlichen Utopie entlang pirschenden Wohnstätte und lebensfremdem, in Glas, Licht und Treppen verwinkelten Gebäuden auf, kommuniziert nur mit einem sehr eingeschränkten Personenkreis und lässt die Handlung allein durch Eremit Tsim Kin-yip voranbringen.
Dreiundzwanzig Jahre im Dienst, nicht wirklich etwas erreicht, durch seine mangelnde Anpassungsfähigkeit im Kollektiv und dem bevorzugten Alleinsein abgeschottet von der Umwelt. Exakt durch das institutionelle Relikt Simon Yam verkörpert, ein Dinosaurier, der sich einst sehr wohl gefühlt zu haben scheint, aber nun kurz vor dem Aussterben ist.