Review

Wer hätte 1996 gedacht, dass diese Idee wenige Jahre später gar nicht mehr so abwegig erscheint? „Executive Decision“ ist aktueller denn je und könnte glatt als Genrehighlight durchgehen, wenn da nicht ein paar deutliche Schwächen wären. Regisseur Stuart Bairds („U.S. Marshals“, Star Trek: Nemesis“) Debüt ist nicht nur sein bester Film, sondern auch noch einer der letzten Actionthriller, die traditionell, „handmade“ und nicht so effekthaschend wie heute daherkommen.

Als Actionthrillerfan kann man sich an den Zutaten förmlich aufgeilen. Böse muslimische Terroristen kapern ein amerikanisches Linienflugzeug, entführen es und verlangen die Freilassung ihres Anführers. Ansonsten werden die Geiseln erschossen. Im Hinterkopf kocht derweil munter eine noch viel verheerender Plan, also müssen Kurt Russell („Escape from New York“, „The Thing, „Backdraft“) und Steven Seagal („Under Siege“, „Marked for Death“) los und die Karre aus dem Dreck ziehen. Mit von der Partie sind ein Special-Forces-Team und ein Flugzeugingenieur. Das ist auf den ersten Blick vom Plot her schon fast ein B-Movie, aber die spannend Inszenierung reißt es hier.

Die halbe Miete hat ein Film bei mir schon eingefahren, wenn die ersten fünf Minuten stimmen und das tun sie hier dank Seagal. Der kämpft sich nämlich irgendwo im Osten mit seiner Truppe durch eine Villa, um ein paar Flaschen Nervengas zu sichern, muss aber feststellen, dass das Zeug längst weg ist. Blutige Shootouts, schnelle Schnitte und ein beherztes, gnadenlose Vorgehen sorgen für Herzsprünge beim Publikum, bevor dann mit der Einführung von Kurt Russell der eigentliche Plot beginnt. Wir ahnen bald wo das Gas sich befindet…

Man könnte den weiteren Verlauf als Ansammlung von Klischees betrachten, ich nenne es hier die Zutaten, die ein Film nun mal braucht um in diesem Genre zu existieren. Natürlich können Austin Travis (Steven Seagal) und Grant (Kurt Russell) sich nicht ab, weil sie den Fehlschlag des oben erwähnten Einsatzes sich gegenseitig in die Schuhe schieben, doch zur Vaterlandsrettung wird sich zusammengerafft. Mit Stealth-Bomber geht es also Richtung Boeing, wo umge- und einem Fall ausgestiegen wird.

Stuart Baird versteht es diesen Plot temporeich zu inszenieren und in den richtigen Momenten einen Gang zurückzuschalten, um den Krisenstab zu Wort kommen zu lassen oder andere Subplots (Selbstmordattentat eines Extremisten, Freilassung eines selbigen, etc) voran zu treiben. Mal abgesehen von Michael Bay gelang das bisher kaum jemandem so fließend. Was stört sind die Übertreibungen und überflüssigen, banalen Dramaturgiekniffe. Da muss der Flugzeugingenieur, der angeblich als einzige die Schleuse öffnen kann und es auch niemanden erklären kann, nur mal eben zwei Schalter umlegen, während das Ende plötzlich den Plot zur Lachnummer degradiert, weil Grant, wie in den schlechten „Airport“ – Katastrophen der Siebziger, mit Hilfe der Handbuch lesenden Stewardess Halle Berry den löchrigen Vogel ausgerechnet auf seinem Hobbyflughafen in den Sand setzt.

Doch bis dahin vergehen fast zwei Stunden und bis dahin bleibt das Szenario spannend und unterhaltsam. Die dezimierte Einheit sieht sich nicht nur vor eine unlösbare Aufgabe gestellt, sondern muss neben verloren gegangenen Equipment auch den Anführer kompensieren (Böse Zungen sprechen von Seagals bester Leistung seines Lebens…) und fürchten, dass sie jeden Moment abgeschossen werden, da niemand weiß, ob sie es wirklich an Bord geschafft haben. Eine Bombentschärfung lässt den Magen kribbeln, während die Soldaten beginnen das Flugzeug zu infiltrieren und einen Plan schmieden, um die Terroristen zu plätten. Der Zugriff steht bevor, der Befehl wird erteilt, dann gibt es doch noch eine Schwierigkeit – eine verdammt kniffelige Angelegenheit dort oben, die nicht nur den Rettern den Schweiß auf die Stirn treibt. Und die Zeit tickt... Die Action kommt dabei zu kurz, die Flugszenen (insbesondere das Andockmanöver) und die Spannung hingegen nicht, denn das Potential, das in diesem Szenario steckt, wird von Baird fast komplett ausgenutzt. Immer wieder gibt es neue Probleme, Überraschungen und unliebsame Vorfälle. Es wird Hilfe aus dem Flugzeug (natürlich von Stewardess Halle Berry) benötigt, man wird fast entdeckt und plötzlich scheint auch noch jemand Unbekanntes an Bord zu sein, der den Finger permanent auf dem Knopf hat.

Kurt Russell kommt, wenn auch in etwas ungewohnter Rolle, in diesem „Airplan-Hijacker“ noch am besten Weg. Obwohl es in Actionthrillern recht schwer ist bemerkenswerte, schauspielerische Leistungen abzuliefern, bleibt er eine glaubwürdige Figur, der man den Wandel vom Bürohengst zum mutigen „Tagesretter“ abnimmt. Während Halle Berry ihre Nebenrolle nur optisch zu füllen hat und Steven Seagal seine Standardrolle herunterrattert, sind Oliver Platt als nervöser Ingenieur und David Suchet als Terrorist zwei kleine Highlights. Aus den Socken haut das zwar keinen, aber in solchen Streifen hat man schon ganz anderes gesehen.

Fazit:
„Executive Decision“ ist aktueller denn je und überzeugt durch ein brisantes Szenario, enorme Spannung, einer ordentlichen Portion Action und Kurzweiligkeit. Würden sich nicht so viele Unglaubwürdigkeiten einschleichen und hätte sich der Film final etwas ernster genommen, wäre vielleicht ein Genrehighlight herausgekommen. So bleibt ein guter Actionthriller, der viel Abwechslung und ordentliche Schauspieler bietet. Fans sei der Zugriff empfohlen.

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