Eine Mutter und ihr Junge. Oder ein Junge und seine Mutter. Eine Mutter-Sohn-Beziehung der seltsamen Art. Und mit erschreckenden Folgen. Was genau da schiefgelaufen ist, darüber kann man nur spekulieren. Doch daß das Verhältnis der beiden ein äußerst ungesundes ist, offenbart sich dem Zuschauer recht schnell. Nach zwei Jahren im Gefängnis, wegen (angeblicher) Vergewaltigung des jungen Flittchens Tina (Sue Bernard, Faster, Pussycat! Kill! Kill!), kehrt der einundzwanzigjährige Terry Lambert (John Savage, The Deer Hunter) in die Privatpension seiner Mutter Thelma (Ann Sothern, The Manitou) zurück. Die ehemalige Tänzerin vermietet ihre Zimmer üblicherweise an ältere Damen, macht aber dieses Mal bei dem jungen Model Lori Davis (Cindy Williams, American Graffiti) eine Ausnahme. Terry, der seine Mutter stets mit dem Vornamen anspricht, erledigt diverse Arbeiten im Haus und klimpert ansonsten ziellos auf seiner Gitarre herum. Die alten Damen sind vom jungen Mann angetan ("I wish all the boys were like you"), und warum auch nicht? Er sieht gut aus, agiert zurückhaltend, ist nicht unhöflich, und wenn es etwas zu beanstanden gibt, kümmert er sich sofort darum. Seine dunklen Seiten bekommen die alten Mieterinnen selten zu sehen.
Und dunkle Seiten gibt es an Terry mehr als genug. Er ist jähzornig, nachtragend, gemein, frustriert, unberechenbar, brutal, rachsüchtig und sadistisch. Und Leben, egal ob menschliches oder tierisches, scheint ihm nichts zu bedeuten. Dies wird in der Sequenz, in der er nachts vor Loris Fenster spannt, schön verdeutlicht. Während sich die hübsche Frau entkleidet und Terry ihr dabei fasziniert zusieht, läßt Penny - die Katze, die er im Arm hält - ein verräterisches "Miau" hören. Lori sieht daraufhin natürlich aus dem Fenster, Terry versteckt sich, und um die Katze an weiteren Lauten zu hindern, drückt er ihr den Hals zu. Als sich Lori wieder zurückzieht, baumelt Penny tot in seinen kräftigen Händen. Und landet wenig später im Müll. Als Ersatz für die getötete Katze schenkt er seiner Mutter einen plappernden Vogel, dessen Standardsatz ausgerechnet "Are you a good boy?" lautet. Terry scheint nicht fähig, sein mörderisches Handeln zu begreifen. Oder es ist ihm schlichtweg egal. Er empfindet nichts. Keine Gefühle, keine Reue, nicht mal Angst. Insofern ist es nur logisch, daß es nicht bei diesem einen Mord bleibt, hat er doch einige Rechnungen zu begleichen. Zum Beispiel mit Tina, deren Aussage ihn vor den Richter brachte. Oder mit seiner unfähigen Anwältin (Ruth Roman, Strangers on a Train), wegen der er zwei Jahre ausgefaßt hat.
Wie man es von Curtis Harrington gewohnt ist, stehen bei The Killing Kind immer die Figuren im Mittelpunkt. Was in den Händen eines anderen Regisseurs vielleicht ein langweiliger Rachestreifen nach Schema F geworden wäre, ist bei ihm eine hochinteressante Mischung aus Charakterstudie, Thriller und Tragödie, gewürzt mit einigen schmackhaften Exploitationelementen sowie etwas bösartigem Humor. Der Film selbst ist nicht wirklich spannend, obwohl sich aus der Geschichte heraus einige schöne Suspense-Momente ergeben. Weil man fast nie vorhersagen kann, wie sich Terry verhält bzw. wie sich die entsprechende Szene entwickelt. Weil man spürt, daß jederzeit etwas Unschönes passieren kann. Es kann schon mal vorkommen, daß ein friedliches, lockeres Gespräch zu einem häßlichen Streit führt. Daß ein harmloser Flirt am Pool beinahe mit dem Ertrinken eines der Beteiligten endet. Oder daß eine einfache Reparaturarbeit... nein, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Darüber hinaus verblüfft der etwa zweihunderttausend Dollar teure Streifen mit einigen gewagten Dialogen, nicht nur zwischen Mutter und Sohn, sondern auch zwischen Terry und der zugeknöpften Bibliothekarin Louise (Luana Anders, Pit and the Pendulum), in der es gewaltig brodelt. So spricht sie den jungen Mann eines Tages an: "It must feel wonderful." "What?" fragt Terry irritiert. Woraufhin sie entgegnet: "Being raped."
Der Ton zwischen Thelma und Terry schwankt zwischen zärtlich ("my baby") und boshaft ("you fat whore"). Eine Art Haßliebe verbindet die beiden, und sie können einfach nicht voneinander lassen. Hin und wieder agieren sie wie frisch Verliebte ("we're the two musketeers"), veranstalten ein neckisches Photo-Shooting, boxen auf spielerische Art gegeneinander, tanzen ausgelassen durchs Zimmer oder küssen sich auf den Mund. Ein andermal wiederum wird heftig gestritten, und einmal stürmt Terry sogar kreischend aus dem Zimmer. Einige dieser Szenen mögen etwas dick aufgetragen sein, aber es bleibt doch soweit im Rahmen, daß die Glaubwürdigkeit nicht erschüttert wird. Was natürlich auch dem großartigen Spiel der beiden Stars zu verdanken ist, die in ihren Rollen völlig aufzugehen scheinen. Der eine oder andere Moment des Overactings ist da locker zu verschmerzen. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen auch manche Szenen. Die Traumsequenz, in der Terry am Strand wie ein Baby in einem Gitterbettchen liegt, neben ihm die lachende Tina und über ihm die alten Mieterinnen, die hektisch auf ihn einreden, ist ein bezaubernd schräger Geniestreich. Und die garstige Szene mit der Ratte sowie eine von Terrys Untaten sind nichts für schwache Nerven. The Killing Kind ist eines von Curtis Harringtons besten Werken. Nicht sein bester Film, aber doch verdammt toll. Und sehr unterhaltsam noch dazu, wenn auch - aufgrund des grimmigen Siebziger-Jahre-Flairs - etwas unangenehm.