Review

Mystische Männlichkeit


„Vigil“ würde ich als neuseeländischen Mystery-Coming-of-Age‘ler beschreiben, irgendwo zwischen „Kes“, den Filmen von Jennifer Kent und einem Schuss Nicolas Roeg. Und selbst wenn die letzten beiden Namen aus der Regiegilde definitiv eher für Horror stehen und auch „Vigil“ creepy Vibes entwickeln kann, würde ich den schwer definierbaren Mix nicht wirklich in das gruselige Genre stecken. Wenn dann noch am ehesten mit Themen und eher metaphorischen Ansätzen der neuesten Untergattung a la „Post Horror“, „Arthouse Horror“ oder „Elevated Horror“. Aber selbst dazu gehört „Virgil“ nie allzu lange. Vielleicht schafft die Handlung etwas Aufklärung, da ich merke, dass das Gefühl des Guckens hier in Worte zu fassen, gar nicht einfach ist: ein kleines Mädchen (das ich lange Zeit während des Films und immer wieder zwischendurch auch für einen Jungen hielt) lebt mit seiner kleinen Familie auf einer abgeschiedenen, isolierten und oft eingenebelten Farm. Fast mit jenseitiger Aura, die ganze Gegend. Und also sie eines Tages ansehen muss, wie ihr Vater während eines Ausflugs um's leben kommt und dessen Leiche von einem fragwürdigen Wanderer nach Hause getragen wird, dieser von nun an plötzlich mit im Haus und bei ihrer Mutter lebt, ändert sich ihr Welt- und Familienbild drastisch und gewalthaft…

Ein ganz merkwürdiger Film. Typisch Down Under in der Tradition von „Picnic At Hanging Rock“ oder „Walkabout“, aber dann doch irgendwie anders, noch mystifizierter, künstlerischer. Unterkühlt aber auch, strahlende Aussie-Sonne wird man hier keine finden. Klar, Neuseeland und Australien ist ja auch nicht das Gleiche. Dennoch durchströmt viele Werke aus diesen Megainseln einfach ein andersweltliches Charisma. Vielleicht weil sie aus unserer Sicht ja auch nicht weiter entfernt sein könnten - fliegt man vorbei, ist man bekanntlich schon wieder auf dem Rückweg. Und „Vigil“ ist dafür eher Paradebeispiel als Ausnahme. Was bedeutet und macht Verlust mit einem? Wie geht man als Kind mit dem Tod um? Wie mit neuen Partnern eines Elternteils? Wann schlagen Nichtverständnis und Schweigen in Gewalt um? Überträgt sich die raue Natur auf den Charakter? Wie findet man seinen eigenen Weg? Schadet Alleinsein? Alles Fragen und Themenkomplexe, die „Vigil“ nie genau, aber doch unterschwellig und kraftvoll beantwortet. Oder zumindest seinen scharfen, wortkargen Senf dazutut. Mit einer intensiven Kinder-/Jugendperformance, oft genug hypnotisch-instinktiven und ursprünglichen Bildern von der Natur sowie weitergedacht auch dem Innenleben der Figuren. Bleibt dabei unter 90 Minuten und bläht sich nicht zu weit auf. Eher ein Autoren- und Künstlerfilm, kein Unterhaltungsprodukt. Aber das hatte ich zum Glück auch nicht erwartet. Ungemütliches Ungetüm. Hätte ich den vor 20 Jahren im Fernsehen erwischt, wäre ich sicherlich fasziniert hängengeblieben, hätte am Ende aber nicht allzu viel aus ihm herausziehen oder mit ihm anfangen können. Jetzt hat sich das etwas gewandelt. Ist nicht komplett in Begeisterung umgeschlagen, entfaltete jedoch schon eine deutlich reifere Wirkung. 

Fazit: ein neuseeländisches Unikum und Enigma der wirreren wie erinnerungswürdigeren Art - „Vigil“ kommt im Niemandsland zwischen Tarkovsky und Loach nicht immer in die Gänge, insgesamt aber doch gut weg. Ein Erlebnis, das ich gerne über mich spülen lasse. Selbst wenn ich bei weitem nicht alles verstehe. 

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