Review

Obwohl Matt Reeves mit der Regie zu „Cloverfield“ beauftragt wurde kann man von einem Gemeinschaftsprojekt dreier gut miteinander vertrauter Kreativköpfe reden. Die eigentlichen Fäden zieht der bekannteste im Bunde, J.J. Abrams, berühmter Schöpfer der Erfolgsserien „Alias“ und „Lost“ und Regisseur von „Mission: Impossible 3“. Gemeinsam mit Reeves hatte Abrams auch die ebenfalls erfolgreiche TV-Serie „Felicity“ ins Leben gerufen und Drehbuchautor Drew Goddard schrieb zahlreiche Skripte zu den beiden erstgenannten Serien. Ein eingespieltes Team, das sich bestens darauf versteht, ein großes Publikum originell zu unterhalten und aus bekannten Versatzstücken erfrischend innovative Storylines zu zaubern. Umso überraschender, dass beides auch mit „Cloverfield“ gelingt, auch wenn sowohl auf einen fintenreichen Plot als auch auf geschliffene Charaktere verzichtet wird.

Betrachtet man die klassische Charakterkonstellation eines Monsterfilms, so haben wir es meist mit Experten ihres Fachs zu tun, schon die Godzilla-Filme zeigten beinahe nur Wissenschaftler und Soldaten als handelnde Personen. Auch die anderen internationalen Produktionen bedienen sich häufig dieses Milieus um möglichst abgeklärte Helden präsentieren zu können, ebenso gängig ist die Integration eines Durchschnittsbürgers, der über sich selbst hinaus wächst und meist über diesen Umweg in eine Heldenrolle befördert wird. Die handelnden Personen in „Cloverfield“ dagegen sind Durchschnittsmenschen denen eben nicht zufällig die Rettung der Welt auferlegt wird. Der streng subjektive Film begleitet die Gruppe also schlichtweg bei ihrem Überlebenskampf, ohne pathetische Übertreibungen zu inszenieren. Ihre Verzweiflung wird durch das filmische Konzept greifbar und wirkt somit authentischer als die aufgeblähten Gefühle in einem üblichen Monsterstreifen großen Kalibers. Für die Schauspieler bleiben beinahe keine mimischen Entfaltungsmöglichkeiten da die hektischen Bilder keinen Raum lassen für Theatralik. Der abrupte Handlungsbruch erfolgt nach weniger als zwanzig Minuten, „Cloverfield“ stößt den Zuschauer gemeinsam mit den Protagonisten in kaltes Wasser. Keine eindrucksvollen Nahaufnahmen des Monsters, keine versierten Theorien von Experten, keine Garantie auf ein harmonisches Ende – nur das nackte Entsetzen angesichts einer unvorstellbaren Gefahr.

Schon die Schrifteinblendung zum Anfang macht klar, das den filmenden Protagonisten kaum ein gutes Ende bevor steht. Das Video wird als Anhaltspunkt im Fall ‚Cloverfield’ deklariert und bietet als Handlungsort jenes Gebiet, welches früher als ‚Central Park’ bekannt war.

Anhand der zugrunde liegenden, altbekannten Prämisse „Monster legt Millionenstadt in Schutt und Asche und wird vom Militär gejagt“ scheiterten schon diverse Projekte, man denke nur an den erbärmlichen Emmerich-Godzilla. Im Gegensatz zu diesem Heuler verlässt sich „Cloverfield“ keineswegs auf die selbstherrliche Anhäufung spektakulärer Computereffekte sondern konzentriert sich ganz auf einen kleinen Blickwinkel auf das gigantomanische Chaos, dessen Auswirkungen von einem vor Ort Beteiligten sowieso niemals komplett wahrgenommen werden können. Genau wie die diversen Aufnahmen der Anschläge auf das World Trade Center vermitteln die Bilder eher einen unbestimmten Eindruck als einen klaren blick. Dieser beängstigend authentisch in Szene gesetzte Parallelismus zur Realität wirkt überaus nachhaltig und intensiv, sodass die weiteren subtilen Anspielungen auf die Terror-Panik in den USA teilweise beinahe unterzugehen drohen. Obwohl im Film also keineswegs auf bloße Effekthascherei gesetzt wird, so hat auch „Cloverfield“ (mit einem Budget von knapp 30 Millionen Dollar günstig für einen potentiellen Blockbuster) starke Effektarbeit zu bieten, das realistische Szenario des zerstörten New Yorks ist aufwendig und detailreich umgesetzt. Der Umstand, dass die Darsteller in ihren recht profillos gehaltenen Rollen als Protagonisten recht beliebig (auch die Probleme mit denen sie sich vor der Katastrophe beschäftigen sind alles andere als bemerkenswert) erscheinen, verstärkt den Eindruck des banalen Blickwinkels ungemein und geht so eine Symbiose ein mit der spröden Inszenierung.

Da auf jegliches schmückendes Beiwerk wie Hintergrundmusik oder ästhetisierende Stilmittel verzichtet wird, schafft es „Cloverfield“ als vielleicht erster Katastrophenfilm, die gebotenen Impressionen der Katastrophe begreifbar zu machen. Mit verwackelter Handkamera eine realistische Atmosphäre zu erzeugen ist nicht neu, (war es übrigens auch bei „Blair Witch Project“ nicht), die ausschließliche Verwendung dieser Technik im Hollywoodfilm aber schon. Wie konsequent die einfache Grundidee umgesetzt wird zeigt besonders der fragmentarische, offene Schluss, der einem unvorbereiteten Kinobesucher durchaus vor den Kopf stoßen kann. Nicht zuletzt aufgrund der exzellenten Toneffekte (eine Oscar-Nominierung wäre hier sicherlich angebracht) ist der Film aber keineswegs auf Low Budget getrimmt sondern empfiehlt sich doch als lohnenswerte Kinounterhaltung. Nur eben auf die etwas andere Art. Dementsprechend ungeklärt bleiben auch unzählige Fragen unbeantwortet im Raum stehen, beispielsweise betreffend der Brut des geheimnisvollen Ungeheuers oder dessen Herkunft. Jede noch so ausgefeilte Beantwortung dieser Fragen hätte den Film aber wieder in jene konventionellen Erzählmuster gedrängt, aus denen er sich so radikal gelöst hat. Garniert wird der experimentelle Anstrich durch einige forcierte Fehler, die triviale Szenen aus Japan zeigen und immer wieder daran erinnern, wie schnell der Alltag aus den Köpfen verschwunden ist und einen starken Kontrast bieten zu den Extremsituationen, deren rasanteste Momenten einige ruckartig gefilmte Monsterangriffe bilden.

„Cloverfield“ ist komplett gefilmt mit einer stetig wackelnden Handkamera die den Zuschauer mitten ins Geschehen versetzt. Wann immer der Kameramann die Übersicht verliert, so passiert es auch uns. Teilweise verlieren die hektischen Bildfolgen also komplett an Informationswert und die eigentlich ‚interessante’ Handlung spielt sich ganz woanders offscreen ab. All das Geballer, die atemberaubenden Kamerafahrten über die Kreatur oder die kleinen und großen Entscheidungen die zur möglichen Abwendung der eskalierenden Katastrophe führen könnten, all diese aufregenden Aspekte, die nicht selten den einzigen Reiz eines Monsterfilms ausmachen, passieren irgendwo anders. Der Film setzt damit also viel eher auf die eigene Imagination des Zuschauers als auf abgedroschene Action-Szenen und hebt sich damit weit ab vom infantilen Effektgetöse a la „Transformers“ oder „Godzilla“. Unterm Strich en Monsterfilm ohne Plot für denkende Menschen und nicht für Leute die ihr Gehirn unbedingt für Spielfilmlänge abschalten müssen um einen Film genießen zu können – kein Wunder also, dass es kaum Grauzonen in den Zuschauerreaktionen und Kritiken gibt und sich nicht wenige Kinogänger um ihr Geld betrogen fühlten. Arme Irre, haben sie doch den wohl stilistisch wagemutigsten, wenn auch vielleicht nicht besten Genrefilm aller Zeiten gesehen.

8,5 / 10

Warum ist „Cloverfield“ aber bei aller Eigensinnigkeit kein Risikoprojekt? J.J. Abrams und das Studio Paramount verließen sich auf die denkbar geschickteste Marketingstrategie: Der Film wurde behandelt wie ein Staatsgeheimnis und die Trailer verrieten dem Zuschauer nichts von der Form oder vom Inhalt. So gedieh schon während der Dreharbeiten die internationale Gerüchteküche und die Spekulationen über den Film verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, ein Umstand, der nicht nur Filmen wie „The Blair Witch Project“ und „Hostel“ maßgeblich den finanziellen Erfolg bescherte. Die Produktionskosten werden auf diese Weise problemlos mit üppigem Gewinn eingespielt und das Endprodukt spaltet die Zuschauer, polarisiert in jedem Fall. Mission erfüllt und das obwohl man im Endeffekt nur einige wenige Blicke auf die Kreatur erhaschen darf. „Cloverfield“ beschreibt jene Schicksale, die in einer Inszenierung als Actionfilm bestenfalls am Rande Erwähnung gefunden hätten.

Details
Ähnliche Filme