Als J. J. Abrams – Produzent der Serien „Lost“ und „Alias – Die Agentin“, sowie Regisseur des dritten „Mission: Impossible“ und des nächsten „Star Trek“-Filmes - während eines Aufenthalts in Japan mit seinem Sohn durch die Spielzeugläden streifte, wurde bei ihm in Anbetracht der unzähligen kleinen Monsterfiguren von Godzilla und Co. die Idee fix einen klassischen Monsterfilm zu inszenieren. Wieder einmal sollte Manhattan Haupt- und Angelpunkt der Geschichte sein, in der eine handvoll Jugendlicher inmitten eines Krieges zwischen Mensch und Ungetüm raten. Ein originär-amerikanischer Monsterfilm sollte es werden, so Abrams.
Ein halbes Jahr vor Kinostart ließ Abrams die potenziellen Kinobesucher über den Film noch vollkommen im Unklaren und nutzte die Mechanismen des „viralen Marketings“, ähnlich wie der Independent-Streifen „Blair Witch Project“ aus dem Jahre 1999. Die Macher nahmen sich der gängigen Informationsquellen Internet, Fernsehen, Radio, und Zeitschriften an, und machten sich diese zunutze, um auf einzigartige Weise den Kinofilm nicht einfach nur anzukündigen, sondern ihn durch geschickte Informationsfragmente beim gemeinen Publikum zu lancieren. Dabei erstellten die Macher eine Website, die auf den Mythos der Hexe von Blair einging, ohne direkt auf den Film zu verweisen. Schon vor Filmstart erhob sich also der Mythos um die fiktive Hexe, sodass einige Zuschauer die Aufnahmen des Filmes dann tatsächlich für real hielten.
Abrams nutzte eine ähnliche Strategie schon für seine Serien „Alias“ und Lost“ und ließ Websites erstellen, auf denen Fans nach und nach Informationen zu den Charakteren und Handlungssträngen ausmachen konnten.
„Cloverfield“ nimmt sich dieser Taktik ebenfalls an und ließ sein Zielpublikum vor Kinostart so ziemlich im Diffusen, was es von dem Film zu erwarten hatte. Ein Trailer wurde vor dem Film „Transformers“ gezeigt: Eine Party, plötzlich ein lautes Geräusch. Ein Erdbeben? Die Jugendlichen rennen auf das Dach des Gebäudes und sehen eine riesige Feuerwand. Steine und Autos fliegen durch die Luft … Schnitt … die Jugendlichen stehen auf der Straße. Plötzlich wieder dieses Geräusch und ein riesiger Gegenstand fliegt auf die Kamera zu. Es ist der Kopf der Freiheitsstatue. Völlig zerkratzt. Was war das? Kein Filmname, keine Darstellernamen, nur ein Datum: „01-18-08“. Das Rätseln begann.
Zur gleichen Zeit entsteht auch eine Website, auf der man Fotos der Darsteller hin- und herschieben konnte. Nichts Besonderes: Nur das Datum - 01-18-08 - deutete darauf hin, dass diese Seite etwas mit dem Film zu tun haben könnte.
In Internet-Foren häuften sich allmählich Gerüchte und Spekulationen und allmählich war Abrams Monsterfilm in aller Munde, obwohl es so gut wie keine konkreten Informationen zu dem Endprodukt gab. Die Strategie ging auf.
Als der Film dann vor kurzem in den Kinos anlief bestätigte sich dies in den fulminanten Besucherzahlen, und die Kosten von nur rund 30 Mio. Dollar waren schon nach einem Wochenende wieder eingespielt. Der Film war ein Erfolg. Doch häuften sich schon kurz nach Kinostart die ersten ernüchterten Stimmen: Enttäuschung und Unzufriedenheit machte sich breit. Zum einen war der vieldiskutierte Trailer ein 1:1-Ausschnitt aus dem Film, sodass die Befürchtungen, dass der Film über die komplette Laufzeit in amateurhaften Handkamera-Bildern gedreht wurde, schließlich bestätigt wurden. Zum anderen häuften sich Berichte von Zuschauern, die aufgrund dieser Bilder von Nausea heimgesucht wurden und schlagartig die Kinosäle verließen.
Bestätigen kann ich dies nicht. Die Bilder sind in der Tat ziemlich unruhig, doch paradoxerweise ist der Film gerade durch diesen Umstand ein optischer Hochgenuss. Die Szene kurz nach dem ersten Angriff des Monsters ist in ihrer Intensität kaum zu überbieten. Zwar extrem plakativ in seiner Darbietung, manifestieren sich aber sofort wieder Assoziationen zum 11. September, wenn ascheüberschüttete Menschen wie in Trance durch die zerstörten Häuserschluchten schleichen, und der Kameramann gnadenlos draufhält. Manch einer kann hier zwar Opportunismus seitens der Macher hineininterpretieren, doch erscheint der Film im Zeitalter von Myvideo und Youtube als fixierte Gesellschaftssatire, wenn die detonierende Angst vor Außerhalb – dargestellt von einem übergroßen Monster – ständig mit Handykameras und Camcordern festgehalten wird, und die Aufnahmen („Das müssen die Menschen sehen!“) letztlich wichtiger sind, als das eigene Leben: Jeder normal tickende Mensch hätte die Kamera sicherlich schon nach dem ersten Angriff zur Seite geschmissen und wäre um sein Leben gerannt.
Heutzutage wird jedes noch so kleine Ereignis mit der Kamera aufgezeichnet und kurze Zeit später im Internet veröffentlicht. „Cloverfield“ treibt die Sensationsgier der heutigen Generation auf die Spitze. Entlässt die Endzwanziger mitsamt ihren Handys und Videokameras in ein Szenario, welches durchaus aus den Dreißigern hätte stammen können. Regisseur Matt Reeves und Abrams lassen zwei Welten aufeinander treffen und ziehen ihr Vorhaben konsequent durch. Fast schon zu konsequent, denn über das Monster und die Hintergründe erfährt man als Zuschauer nicht mehr, als die Hauptdarsteller selbst. Doch genau dieses Unwissen, obschon wir alles über die Aufnahmen des Camcorders gesehen haben, nutzt Regisseur Reeves, um ein Maximum an Intensität herauszukitzeln, welche sogar den guten alten „Godzilla“ vor Neid erblassen lassen würde.
Der Handlungsablauf hingegen könnte nicht klischeehafter sein. Zeigt sich die Herangehensweise an dieses klassische Genre noch als ziemlich innovativ, so sind Dialoge, Story und Charaktere extrem einfältig und stereotyp geraten. Von einer uninteressanten Liebesgeschichte bis hin zur lächerlich-antiquierten Rettungsaktion aus einem eingestürzten Hochhaus ist so ziemlich alles vorhanden. Zudem erscheint vieles als zu berechnend, als dass sich eine beharrlich realistisch-morbide Stimmung aufbauen könnte. Da hatte „BWP“ („Blair Witch Project“) durch seinen überaus konsequenten Minimalismus noch eine Nase Vorsprung.
Nichtsdestotrotz ist der Vergleich zu „BWP“ teils unangebracht, denn was „BWP“ durch Minimalismus erreichte, schafft „Cloverfield“ durch seinen Nihilismus. Es wird kein gutes Ende für den Kameramann geben. Es wird kein gutes Ende für alle dort draußen geben. Wir Zuschauer profitieren von den Aufnahmen, ertappen uns immer wieder mit dem Wunsch „Zeig uns das Monster doch noch etwas länger, Junge!“.
Durch die Aufmachung des Filmes erhebt sich dieser auf eine fingierte Meta-Ebene, in der er die Sensationsgier eines jeden Kinogängers und vermeintlichen „Youtubers“ entlarvt. So ging es für den (fiktiven) Kameramann um das nackte Überleben, doch wir als Zuschauer interessieren uns nur für seine Bilder und erst in zweiter Linie um den Menschen dahinter, sofern wir überhaupt daran dachten, dass bei all den Videos im Internet auch tatsächlich echte Menschen hinter der Kamera standen. „Cloverfield“ ist eine Satire auf die gegenwärtige Generation, die sich nur zu gerne Amateurvideos ansieht, in der andere Menschen leiden, sie selbst aber behütet in den eigenen vier Wänden ihr Dasein fristet. Die typischen Amateur-Videos in den unzähligen Pannen-Shows im Fernsehen, die wesentlich gefährlicheren Videos von verwundeten Soldaten aus Nahost oder detonierenden Bomben in Krisengebieten, die sich ein jedermann mit nur wenigen Mausklicks im Internet ansehen kann. All dass kulminiert in „Cloverfield“ zu einer äußerst gelungenen Legierung aus Satire und klassischen Horrorfilm.