Es gibt doch noch Hoffnung für das Hype-Event-Movie der MTV-Generation.
Generell erwartet man ja nicht mehr viel von Filmen, mit dessen Merchandising- und Werbematerial, Trailern und Teasern man zugebombt wird, ist doch meistens der Weg das Ziel.
Schicke Bilder, große Versprechungen, das „nächste große Ding“ am Ende jedoch bleibt meistens nur ein schaler Nachgeschmack.
„Cloverfield“ versprach so etwas wie die Apotheose dieser Filmbewerbung zu sein, ein mit der Handkamera gedrehter „klassischer“ Monsterfilm, leicht verwackelt, körnig und eben mit dem gewissen Etwas ausgestattet, weil das um das Monstrum eben ein geschicktes Marketinggeheimnis gewoben war, sollte es doch mal nicht so aussehen, wie es sich die Dino- und Godzillafraktion gemeinhin vorstellt.
Kurze Ausschnitte, hektische Szenen sollten die Spannung und die Neugier steigern, dazu das einprägsame Bild des abgeschlagenen Kopfes der Freiheitsstatue, die von Urgewalten quer durch Manhattan geschleudert wird.
Das alles regt beim Filmfan und Teenager natürlich die Speichelproduktion an – doch was steckt letztendlich dahinter?
In diesem Fall: nicht mehr oder nicht weniger, als man versprochen hat, ein gruseliges Popcornmovie für die Ritalingeneration. Denn es droht auch der Fluch des Blair-Witch-Projekts, der ebenfalls mit wackeligem Handkameramaterial die Nervosität des Must-See so lange schürte, bis jeder drin war und sich wahrheitsgemäß fragte, was die ganze Aufregung denn nun eigentlich solle, bot der fertige Film doch nur Fragen, keine Antworten, warf Rätsel auf und verwirrte durch ein überstürztes Ende so ziemlich jeden, was reihenweise Diskussionen und damit noch mehr Besucher aufscheuchte.
„Cloverfield“ beantwortet ebenfalls keine Fragen, zeigt weder die Herkunft des Monster, noch führt er am Ende endgültig aus, ob man es besiegt, getötet oder verscheucht hat. Das bedingt schon alles das „Blair Witch“-Format des gefundenen Filmmaterials, das uns als eine Art Zeitdokument abgespielt wird, hat man die Kamera doch am sogenannten „Ground Zero“ gefunden.
Ohne größeren Kommentar können wir nur den Ablauf des Abends verfolgen, an dem einer der Protagonisten eine Abschiedsparty feiert, da er ins Ausland gehen will und dann in die Massenpanik einer Monsterhysterie gerät, als sich das Urvieh durch die Straßen der Stadt wälzt, während unsere Hauptfiguren bemüht sind, eine Freundin aus ihrer Wohnung zu bergen.
Damit gleicht sich der Film seiner eigenen Vermarktungsstrategie an, wird zur Langfassung eines unheimlichen YouTube-Videos, eine Privataufnahme aus der Hölle.
Wo jedoch „Blair Witch“ hauptsächlich auf psychologischer Ebene erzählt wurde, während wenig bis nichts im Bild zu sehen war, spielt Matt Reeves hier mit reichlich Anreizen, die nach mehr aussehen, als sie gekostet haben, weil man mit dem körnigen Digital Video natürlich PC-Kreationen wesentlich simpler kaschieren kann als in einem Hochglanzblockbuster.
Auch vermeidet er lange Durststrecken, indem er nach Einführung der Figuren in entsprechenden, nicht zu langen Abständen immer wieder Höhepunkte setzt, die die Zuschauer bei Laune und den Adrenalinpegel oben halten, während das Gewackel der Handkamera zum Glück nur selten so delirisch wird, das sich Seekrankheit einstellt.
Von den ersten Explosionen über den Statuenkopf ist es nicht sehr lange, bis ein Angriff des Monsters auf eine eng bevölkerte Brücke das richtige Katastrophenfeeling aufkommt. Danach ist Reeves schlau genug, seine Figuren immer nahe der echten Ereignisse entlang zu führen, schimmert doch immer wieder ein Ausschnitt des Monsters durch die engen Häuserzeilen, während man von dem Drama mehr hört als sieht.
Natürlich kratzt der Film stark an der Glaubwürdigkeit, wenn das Grüppchen ausgerechnet in der Mutter aller Monsterfights unbedingt und komplett auf eigene Tour zusammensteht, um eine vage Rettungsmission vom Stapel zu reißen, in deren Verlauf natürlich die Mitglieder immer weiter dezimiert werden.
Aber da die Dialoge nicht zu grausam werden und stets auf das Nötigste beschränkt, schmerzt dieser Teil nicht so sehr wie er könnte und kurz darauf hat man immer wieder was zu Knabbern, sei es nun eine (wenn auch nicht sonderlich logische) Wanderung durch einen stockfinsteren U-Bahntunnel inclusive Angriff durch alienartige Mini-Monstren oder die Wirkung einer Infektion durch die Dieselben, die zu spekulativ-splattrigen Effekten führen, die man aber wieder nur sekundenweise sehen kann.
Gegen Ende weiß man dann, was man dem Publikum schuldig ist, wenn neben der hervorragend gemachten Rettungsaktion aus einem abbruchreifen Hochhaus dann auch endlich als Krönung der Money Shot auf das Vieh aus einem Hubschrauber erfolgt und der Film danach noch einige Highlights zu bieten hat, die man aber eigentlich lieber selbst entdecken sollte.
„Cloverfield“ hält den Zuschauer damit permanent bei der Stange und zieht ihn aus First-Person-Shooter-Perspektive mitten ins Geschehen, verzichtet aber auf pseudowissenschaftliches Blabla.
Bis man die Mechanik neu erfindet, wird dieser solide spannende Monstercrasher damit das Maß aller Dinge sein, wie man so eine Guerillafilmerei mit einem Actioner verbinden kann, ohne die jungen Leute zu langweilen – allerdings sollte man sämtliche Erklärungswünsche bitte daheim lassen. Hier ist der Event an sich eben der Event – lauf mit oder lass es sein. (8/10)