„Du bringst mich in große Schwierigkeiten!“
Nach der eher misslungenen sechsten Episode des „Tatort“-Spin-offs nahm „Schimanski“-Routinier Hajo Gies wieder auf dem Regiestuhl Platz, um mit dem von Hansjörg Thurn geschriebenen „Sehnsucht“ den einzigen Beitrag des Jahres 1999 dieser Fernsehkrimireihe beizusteuern. Die Erstausstrahlung erfolgte am 7. November 1999.
„Mit dem eingezogenen Schwanz hätt'st du auch in Holland Karriere machen können...“
Horst Schimanski (Götz George) trifft auf Mammut Schulz (Veit Stübner, „Der Campus“), einen ehemaligen Delinquenten, der gerade aus dem Knast kommt und seine Freundin Olga sucht, während die Bullen ihm angeblich einen Mord anhängen wollen. Schimmi soll ihm bei der Suche helfen. Dieser kümmert sich und rüpelt sich zur Oberstaatsanwältin Julia Schäfer (Suzanne von Borsody) durch, sieht sich jedoch damit konfrontiert, dass die Exekutive Mammut tatsächlich für schuldig hält, den Immobilienmakler Beitz umgebracht zu haben – sogar sein alter Kompagnon Hänschen (Chiem van Houweninge), mit dem er einst zusammen in Duisburg für die Kripo ermittelte. Die Politikergattin Eva Marsfeldt (Renée Soutendijk, „Abwärts“) lernt er kennen, da sie eine Bekannte von Beitz war. Ihren Mann kennt Schimanski noch aus alten Zeiten. Sie scheint eigene Interessen zu verfolgen. Spielt sie ein falsches Spiel?
„Kenne deinen Feind und du kennst dich selbst…“
Kommissar Schrader und damit derjenige, der bisher als Schimanskis Kompagnon aufgebaut worden war, ist weg, weil Schauspieler Steffen Wink wegen zu hoher Gagenforderungen ausschied, dafür ist Hänschen zurück. Nun muss Schimmi mit dem LKA-Beamten Thomas Hunger (Julian Weigend, „In aller Freundschaft“) Vorlieb nehmen, einem echten Wüterich, mit dem er prompt aneinandergerät. Zu Beginn dieser Episode saß Schimanski noch inmitten von Bierkästen auf einer Baggerschaufel und feuerte eine Buddel auf den Asphalt. Bald darauf gilt es, gleich zwei Fälle zu lösen – Olga zu finden und den Mord an Beitz aufzuklären –, die miteinander verwoben sind. Aber wie genau?
„Das grundsätzliche fehlen von Charme ist wahrscheinlich Ihre persönliche Note...“
Wir haben es hier mit einem vertrackten Kriminalfall zu tun, der Schimmi sogar in die Niederungen der Pornographie führt. Das Spiel mit falschen Identitäten und tödlichen Oberschicht-Klüngeleien umweht ein Hauch von Giallo, ist aber betont bis überzeichnet schnoddrig inszeniert und wie gewohnt mit Actionszenen durchsetzt. Gies und seinem Team gelingen einige tolle Bilder mit melancholischer Note, doch die von Liv Kristine gesungene schwülstige Schnulze „One Love“ will als wiederkehrendes musikalisches Thema nicht so recht passen. Auch Handlung und Auflösung entpuppen sich als recht unwahrscheinliche Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Erzählung, der es aller Kritik an Bourgeoisie, Politik und Justiz zum Trotz am Schimanski-typischen Sozialrealismus mangelt. Den alten Charme vermisst man zusehends. Als, insbesondere für den als ambivalente Figur charakterisierten Mammut, große Tragödie betrachtet, entfaltet „Sehnsucht“ unter Gies‘ Regie dennoch seine Qualitäten.