Review

„Ich bin nicht mehr Bulle, ich bin nicht mehr im Dienst und ich hab‘ keinen Bock mehr auf Krimi, klar?!“

Die nur eine Woche nach dem Debüt am 16. November 1997 erstausgestrahlte zweite Episode des „Tatort“-Spin-offs „Schimanski“ vereinte den von Götz George gespielten Kult-Kommissar wieder mit seinem Schöpfer Hajo Gies, der „Blutsbrüder“ nach einem Drehbuch Hansjörg Thurns inszenierte. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Buddy-Cop- und Roadmovie.

„Der Mensch geht dahin, wo's am wärmsten ist, Herr Schimanski!“

Eigentlich möchte der ehemalige Duisburger Kripo-Kommissar Horst Schimanski (Götz George) in Ruhe in Lüttich mit seiner Freundin Marie-Claire (Denise Virieux, „Der Ochsenkrieg“) leben, als ihn die Düsseldorfer Oberstaatsanwältin Ilse Bonner (Geno Lechner) erneut um seine Hilfe bittet: Klaus Mandel (Christoph Waltz, „Du bist nicht allein – Die Roy-Black-Story“), in Belgien einsitzender Versicherungsbetrüger, der vor sechs Jahren zudem verdächtigt wurde, seinen Prokuristen ermordet zu haben, will als Kronzeuge gegen seinen ehemaligen Partner Krüger (Hans-Werner Meyer, „Charlie & Louise - Das doppelte Lottchen“) aussagen. Dafür soll Schimanski ihn nach Deutschland überführen. Das hört sich einfacher an, als es ist, denn Auftragsmörder versuchen Mandel das Lebenslicht auszuhauchen, bevor er seine Aussage tätigen kann…

„Sie sind für mich ein kleines, mieses, charakterloses Arschloch!“

Auch dieser Fall beginnt also in Lüttich, das in wahrlich schönen Bildern präsentiert wird. Weniger schön ist der Streit zwischen Schimmi und seiner Freundin, denn diese ist unzufrieden mit ihm, der gerade erst mit seinem Paraglider auf dem Frühstückstisch des Hausboots landete, hat in Maurice (Germain Wagner, „Sweet Little Sixteen“) einen Nebenbuhler und plant, mit diesem durchzubrennen. Parallel dazu schmuggelt ein schwitzender Dicker Geld zu Mandel, dessen Fall nun neu aufgerollt werden soll. Rückblenden zu damaligen Ereignissen werden immer mal wieder unter einem kalten Blaufilter eingeschoben, dienen aber eher der Atmosphäre denn der Informationsvermittlung.

„Vorurteile gleich im Keim ersticken!“

Mandel ist ein schmieriger Typ, den Schimanski damals kräftig verwemste und ihn auch jetzt wieder bei jeder sich bietenden Gelegenheit – derer Mandel viele provoziert – eine reinhaut. Die belgischen Polizisten, die die beiden verfolgen, erweisen sich als falsch, was der Auftakt für eine an Roadmovies erinnernde Odyssee ist; eine wilde Fahrt, die mehrmals action- und stuntreich sowie bleihaltig unterbrochen wird und während der man sich gegenseitig das Leben rettet. Das schweißt zusammen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach einem schweren Autounfall ist man an „Flucht in Ketten“ gemahnend mit Handschellen aneinandergekettet. Und als Mandel sich Schimmis Waffe krallt, ist Schimmi gewissermaßen gar dessen Geisel.

„Keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln...“

Eine Wendung zeigt Mandels sanfte und sympathische Seite und zugleich seine Beweggründe, aus dem Knast zu kommen: Seine jugendliche Tochter liegt im Krankenhaus. „Blutsbrüder“ entwickelt zunehmend „Nur 48 Stunden“-Buddy-Humor, der Regisseur Gies und seinem Ensemble sehr gut von der Hand geht. Während einer Bahnfahrt freunden sich Mandel und Schimanski regelrecht miteinander an. Eine Rückblende in Schimanskis Jugend zeigt das Tanzlokal „Blue Café“, in dem Chris Rea einen gleichnamigen Song zum Besten gibt. Doch auch während der Bahnfahrt schwebt man in Gefahr. Nicht nur Momente im Krankenhaus würzen diesen Fall zusätzlich mit etwas Sentiment. Der Showdown findet in besagtem, längst stillgelegtem Tanzlokal statt und ist packend inszeniert.

Schimanski bekommt seine obligatorische Biertrinkszene und muss sich wieder dumme Sprüche über seine zeitlose Jacke anhören, ist herrlich lakonisch, grummelig, proletenhaft – das volle Programm, die reinste Freude. Hajo Gies hatte nichts verlernt und inszenierte eine bockstarke Episode, die sich bei den Großen das eine oder andere gekonnt abgeguckt hat und innerhalb von nicht einmal 90 Minuten eine starke Charakterentwicklung und beste Unterhaltung für einen öffentlich-rechtlichen Sonntagabend um 20:15 Uhr bietet. Waltz noch vor seiner großen Karriere und George zu einem Zeitpunkt, zu dem er schauspielerisch niemandem mehr etwas zu bewiesen brauchte, bilden einen prima Gegensatz, bei dem die Chemie zwischen den Mimen zu stimmen schien. Gerne mehr davon!

Details
Ähnliche Filme