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„Wenn Sie in Rente gehen, dann haben Sie so einen krummen Rücken, dass Sie sich mühelos selbst einen blasen können!“

Die vierte Episode des „Tatort“-Spin-offs „Schimanski“ um den ehemaligen Duisburger Kult-Kommissar ist die erste aus dem Jahre 1998. Am 25. Oktober wurde der von Horst Vocks geschrieben und von Mark Schlichter („Faust“) inszenierte Fall ausgestrahlt, der mehr ein klassischer Actionfilm denn ein Krimi ist.

„Julia klingt ja schon wie'n Verhängnis...“

Die Düsseldorfer Oberstaatsanwältin Julia Schäfer (Suzanne von Borsody, „Lola rennt“) tut es ihrer Vorgängerin gleich und überredet Schimanski (Götz George) zu einem besonders heiklen Undercover-Einsatz: Ihre Freundin Frau Wörner (Eleonore Weisgerber, „Die Klette“) vermute, dass ihr Sohn Christian noch am Leben sein könnte – obwohl er einst als Söldner in den jugoslawischen Bürgerkrieg zog und sie, nach einer Karte mit Glückwünschen zum Muttertag, nur noch einen Totenschein Christians erhielt. Den Leichnam habe sie nie zu Gesicht bekommen und brauche Gewissheit. Schimanski reist nach Kroatien, wo er den belgischen Gerichtsmediziner Dr. Gordon (Johan Leysen, „Swing Kids“) kennenlernt, der Massengräber untersucht und die Verantwortlichen vors Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag bringen möchte. Zugleich kommt er einer Miliz auf die Spur, die unter Anführer Marco (Sylvester Groth, „Sperling und der gefallene Engel“) die Gegend kontrolliert und terrorisiert. Schnell gerät auch Schimanski in Lebensgefahr…

„Tote sind die meistgefragten Leute hier...“

Der Prolog ist so brutal wie rätselhaft: Zwei deutsche Kripo-Beamte untersuchen gerade nachts ein Grab, als sie von uniformierten Männer überwältigt und verschleppt werden. Einer von ihnen wird hingerichtet, der andere muss zuschauen und landet daraufhin im Irrenhaus. Damit gewährt man dem Fernsehpublikum zumindest einen geringen Wissensvorsprung gegenüber Schimanski, der in seinem belgischen Wohnsitz die Nachricht erhält, sich sein Salär zukünftig persönlich in Duisburg abholen zu müssen. Wutentbrannt reist er dorthin, geht äußert rabiat vor und wird rausgeschmissen, direkt vor die Bühne Julia Schäfers, die Nachfolgerin Ilse Bonners. Diese Einführung Schimanskis in diese Episode ist derart übertrieben, dass sie hart an der Karikatur kratzt.

„Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende...“

Der weitere Verlauf erinnert frappierend an US-Söldneraction-Vorbilder; problemlos ließe sich Schimmi durch einen beliebigen US-Action-„Helden“ ersetzen und aus ihm statt einem Ex-Bullen ein Ex-Soldat und ließe sich aus dem ehemaligen Jugoslawien Vietnam oder Afghanistan machen. Schimanski, zu Beginn beim Training mit einem Kumpel oben ohne seinen ausdefinierten Körper präsentierend, fährt ins Kriegsgebiet, durch ein Minenfeld, trifft auf erstaunlich viele seine Sprache sprechende Menschen und sieht sich mit grausamen Morden konfrontiert, die seine Ermittlungen durchkreuzen, gerät selbst mehrfach in akute Lebensgefahr. Die Bundeswehr muss ihn gar mit einem Helikopter aus einem verminten Gebiet retten. Anonyme Massengräber, Bombenattentate – der Krieg ist allgegenwärtig.

Weit vorm Ende präsentiert die Handlung eine wahrlich überraschende Wendung, die dem Fall ganz neue Dimensionen verleiht und geschickt platziert ist, andererseits erneut an US-Vorbilder erinnert, in denen die den alten Ex-Söldner, -Soldaten, wen auch immer reaktivierenden Schreibtischtäter nicht ganz ehrlich sind und damit die Wut desjenigen auf sich ziehen. Schimmi kann von Glück sagen, dass er auch MacGyver-Qualitäten besitzt und sämtliche eher unwahrscheinlichen Zufälle auf seiner Seite sind – die Tücken des One-Man-Army-Actionkinos…

Zurück in Deutschland kommt auch Schrader (Steffen Wink), einer der wenigen Schimanski gegenüber loyalen Polizisten, zum Zuge, wird Schimmi in eine actionreiche Verfolgungsjagd verwickelt und doch tatsächlich mit Panzerfäusten um sich geschossen. So bekloppt und maßlos übertrieben das alles klingen mag: Das falsche Spiel, das die Staatsanwaltschaft mit Schimanski spielt und die Interessenskonflikte, zwischen die er gerät, sind gar nicht doof und bieten somit auch etwas zum Nach- und Mitdenken. Zudem verfolgt „Muttertag“ das eherne Ziel, einen Eindruck nicht nur der Kriegsgräuel zu vermitteln, sondern auch dessen, was sie mit den Menschen machen. Die Zerstörung des Vielvölkerstaats Jugoslawien ist eine der finstersten Konsequenzen des Ende des Warschauer Pakts, deren Folgen bis heute nachhallen und weder bewältigt noch erschöpfen aufgearbeitet sind.

„Muttertag“ ergreift dabei keine Partei für eine der beteiligten Kriegsparteien, schweigt sich sogar darüber aus, auf wessen Seite Marco einst kämpfte. Damit ist Vocks‘ und Schlichters Film klüger als das durchschnittliche US-Action-Vehikel, geht es hier doch nicht um Propaganda oder die Befriedigung niederer Instinkte. Zu diesem düsteren Kapitel der 1990er-Dekade passend, arbeitet Schlichter in seiner Inszenierung mit ein paar Neo-noir-Anleihen und vermittelt den Nihilismus der Verrohung, den man nicht zynisch feiert, sondern vor dem man warnt.

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